FAIRfehlte Bescherung – weihnachtliche Schokolade mit bitterem Beigeschmack

Die weihnachtliche Versuchung hat einen Beigeschmack: in fast jeder Tafel Schokolade stecken Armut, Kinderarbeit und der Verlust von Regenwaldflächen.

Indigene Mitarbeiterin der Kooperative Kallari im ecuadorianischen Amazonas, © Kallari-Futuro GmbH

Veröffentlicht von

Vanessa Müller und Birgit Hoinle

Es ist mal wieder soweit: Zur Vorweihnachtszeit füllen sich die Supermarktregale und Adventsmarktstände mit Schokonikoläusen und Kakaoplätzchen. In der schwäbischen Universitätsstadt Tübingen strömen alljährlich Hunderttausende BesucherInnen zur ChocolArt, dem internationalen Schokoladen-Festival, bei welchem Anfang Dezember über 100 namhafte Chocolatiers ihre Produkte präsentieren. Was in der vorweihnachtlichen Kauffreude jedoch häufig zu kurz kommt, ist die Frage nach den Handels- und Arbeitsbedingungen der KakaoanbauerInnen im Globalen Süden. Die süße Versuchung hat bei genauem Hinsehen einen bitteren Beigeschmack: was viele VerbraucherInnen nicht wissen ist, dass in fast jeder Tafel Schokolade Armut, Kinderarbeit und der Verlust von Regenwaldflächen steckt.

Kakao ist ein Kolonialprodukt. Ursprünglich kommt die Kakaobohne aus dem Amazonasgebiet. Die Azteken waren die ersten, die daraus ein Gebräu herstellten – für sie war es die Speise der Götter. Mit den kolonialen Eroberungszügen gelangte die Kakaobohne schließlich an den spanischen Königshof; dort erschien das Kakaogetränk zunächst als extrem bitter. Erst mit dem Zusatz von Zucker machte die Schokolade ihren Eroberungszug durch Europa. Im 19. Jahrhundert begannen die französischen und englischen Kolonialmächte schließlich mit dem großmaßstäbigen Anbau in Westafrika.

Heute kommen 75 Prozent des weltweit produzierten Kakao von der westafrikanischen Küste. Doch dort gilt Schokolade als Luxusgut. An der Elfenbeinküste, dem weltweit größten Exporteur von Schokolade, dürfte kaum ein/-e FarmerIn jemals ein Stück Schokolade probiert haben. In Europa und Nordamerika boomt der Konsum dagegen. Dort wurde im vergangenen Jahr knapp 65 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion konsumiert [1]. Laut dem Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie wurden allein im vorherigen Jahr 143 Millionen Schoko-Weihnachtsmänner in Deutschland hergestellt [2].

Fairtrade International ermittelte im April dieses Jahres die Höhe des existenzsichernden Lohnes für die Elfenbeinküste auf 2,51 Dollar am Tag pro KakaoanbauerIn. Tatsächlich verdienen diese im Schnitt jedoch lediglich 0,78 Dollar am Tag [3]. Kaum verwunderlich, dass die Elfenbeinküste gemessen am Human Development Index zu den 20 ärmsten Ländern der Welt zählt [4]. Dabei ist der Schokoladenhandel ein 100-Milliarden-Dollar-Geschäft [5]. Von diesem profitieren die rund 5 bis 6 Millionen KakaoanbauerInnen am untersten Ende der Wertschöpfungskette jedoch nicht. Die Profitmaximierung der kakaoverarbeitenden Industrie geht trotz aller Bekenntnisse offenbar nicht mit sozialer und ökologischer Verantwortung einher.

Schokoladenmarkt

Der weltweite Schokoladenmarkt wird von wenigen Konzernen beherrscht, die darin eine Monopolstellung innehaben: Mars, Nestlé, Mondelez, Hershey, Ferrero Group und Lindt & Sprüngli dominieren 60 Prozent des Herstellermarktes. Barry Callebaut, Cargill sowie Olam International kontrollieren ihrerseits rund zwei Drittel des Handels und der Verarbeitung [6]. Diese Firmen verdienen zusammen mit Supermärkten am meisten am Verkauf von Schokolade. Nach dem Stand von 2015 teilen diese rund 87 Prozent des Verkaufspreises an einer Tafel Schokolade unter sich auf, während nur 6,6 Prozent für die KakaoanbauerInnen übrigbleiben. Kostet die Schokolade also einen Euro im Supermarkt, so verdienen die KakaoanbauerInnen gerade einmal 6 bis 7 Cent daran [7]. Der Anteil der KakaoanbauerInnen am Verkaufspreis einer Tafel Schokolade ist gegenüber den 1980er Jahren dabei um rund 10 Prozent gesunken. Gleichzeitig stiegen die erzielten Anteile der Schokoladenfirmen um 14 Prozent und die des Einzelhandels um 5 Prozent [8]. Vor dem Hintergrund einer volatilen Preisentwicklung des Kakaos auf dem Weltmarkt ist die Lage der KakaoanbauerInnen im Globalen Süden besonders prekär. Niedrige, schwankende und unsichere Einkommen stellen eine ständige Existenzbedrohung dar.

Kinderarbeit

Kinderarbeit und Kinderhandel sind das traurige Ergebnis dieses globalen Ungleichgewichts. Häufig ersetzen die Kinder der FarmerInnen als unbezahlte Arbeitskräfte die benötigten ErntehelferInnen. Ihr Zugang zum Bildungssystem ist massiv eingeschränkt, was dazu beiträgt, dass sich der Kreislauf aus Armut und Abhängigkeit ewig weiter dreht. Auch der Kinderhandel floriert im Kakaogürtel. Verschleppte oder verkaufte Kinder aus Mali und Burkina Faso arbeiten unter ausbeuterischen Bedingungen auf ivorischen Kakaoplantagen [9].

Auf den Kakaoplantagen in Ghana und an der Elfenbeinküste sind rund 2,1 Millionen Kinder beschäftigt. 90 Prozent arbeiten gemäß den Mindeststandards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) unter menschenunwürdigen Bedingungen. Der Anbau in Monokulturen erfordert beispielsweise einen hohen Einsatz an Chemikalien und Pestiziden, mit denen die Kinder ohne Schutzkleidung alltäglich in Berührung kommen. Die Kinder sind darüber hinaus starker körperlicher Belastung und dem Umgang mit gefährlichen Werkzeugen (z.B. Macheten), langen Arbeitszeiten und körperlicher Misshandlung schutzlos ausgesetzt [9].

Ökologische Folgen des Kakaoanbaus

Um den Schokoladenbedarf in Europa und den USA zu befriedigen, fallen große Waldflächen neuen Anbauplantagen zum Opfer. Eine Studie aus dem Jahr 2017 der Nichtregierungsorganisation Mighty Earth zeigt, dass auch geschützte Waldflächen massiv von Abholzung für den Anbau von Kakao betroffen sind. In einigen Naturschutzgebieten wurden bereits 90 Prozent der Flächen in Kakaoplantagen umgewandelt. Die ökologischen Folgen sind gravierend. Mit dem Wegfall der natürlichen Barriere des Regenwalds drängen Wüstenwinde aus der Sahelzone tiefer in das Landesinnere vor und es fällt weniger Regen im Norden. Dies führt zusammen mit einer zunehmenden Bodenerosion zu einer Zerstörung der tropischen Biodiversität. Damit wird nicht nur der Lebensraum von Primaten und Elefanten schrittweise degradiert, sondern letztlich auch die Anbauflächen für die Kakaoplantagen selbst [10].

Fairer Handel

In den letzten zehn Jahren ist der Umsatz im Fairen Handel steil angestiegen [11]. Im Fairen Handel wird auf existenzsichernde Löhne und die Stärkung der ProduzentInnenorganisationen Wert gelegt. Mit marktunabhängigen Fairtrade-Prämien als Einkommensgarantie soll Kinderarbeit überflüssig gemacht werden. Ebenso wird deutlich mehr in soziale Projekte und Weiterbildungen investiert. Die KakaoanbauerInnen erhalten je nach Siegel mit 10 bis 15 Prozent vom Verkaufspreis einer Tafel Schokolade einen deutlich höheren Anteil im Vergleich zur herkömmlichen Industrie.

Es lohnt sich jedoch kritisch auf die Schokoladenpackung zu schauen, denn nicht jedes Siegel ist gleich. UTZ und Rainforest Alliance zahlen beispielsweise keinen Mindestpreis, KleinbäuerInnen müssen die Prämien selbst aushandeln. Andere Siegel legen auf weitaus strengere Kriterien in ihrer gesamten Lieferkette Wert. Doch auch im fairen Handel findet die Mehrwertschöpfung im globalen Norden statt, während die Rohstoffe weiterhin, wie zu Zeiten des Kolonialismus, aus dem Globalen Süden angeliefert werden. Es gibt kaum Initiativen, die die Schokoladenherstellung vor Ort selbst in die Hand nehmen.

Es geht auch anders: Kakaokooperative Kallari

Die Kooperative Kallari im ecuadorianischen Amazonas versucht durch eine eigene Schokoladenherstellung neue Wege im Fairen Handel zu beschreiten. Für die indigenen AnbauerInnen in der Region Tena gehört die Zubereitung von Kakao zu den Grundnahrungsmitteln. Als Reaktion auf die niedrigen Preise, die ihnen von ZwischenhändlerInnen gezahlt wurden, gründeten die KakaobäuerInnen 1997 die Kooperative Kallari. Zu der Kakaokooperative gehören 850 Familien der Quichwa. Anstatt in Monokulturen bauen sie in Mischkulturen, den sogenannten chakras, an. In den chakras wachsen neben den Kakaobäumen Kochbananen, Maniok und weitere Feldfrüchte für den alltäglichen Bedarf. Damit wird neben der Ernährungssouveränität der Mitglieder ein Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht der Regenwaldregion geleistet. Die Mitglieder der Kooperative Kallari experimentieren mit verschiedenen Rezepturen, wie sie die Schokolade selbst herstellen und setzen dabei die Früchte aus dem Amazonasgebiet als Zutaten ein (z.B. Ananas, Chili). Der Anteil am Verkaufserlös einer verkauften Schokolade liegt nach eigenen Angaben bei etwa 36 bis 40 Prozent. Die Schokolade wird nach Chile und Europa exportiert, aber auch in Ecuador selbst ist die Schokolade in Läden in der Region Tena und der Hauptstadt Quito zu kaufen, so dass die BewohnerInnen vor Ort auch selbst in den Genuss kommen. Mit ihrem Projekt hat es die Kooperative Kallari geschafft, die Wertschöpfungskette weitgehend selbst in die Hand zu nehmen. Die Schokolade der Kooperative Kallari ist inzwischen zur Stadtschokolade Tübingens gekürt worden – was zeigt, dass nicht nur VerbraucherInnen selbst, sondern auch Kommunen und Organisationen sich für Fairen Handel einsetzen können.

Damit die ‚Speise der Götter‘ in den Herkunftsregionen der bittersüßen Bohne nicht zum Verlust der Lebensgrundlagen führt, gilt es einen genaueren Blick darauf zu werfen, was sich unter der Verpackung verbirgt: Stammen die Zutaten etwa aus kontrolliert biologischem Anbau? Sind sie mit einem Fairtrade-Gütesiegel ausgezeichnet? Mit diesen Fragen im Hinterkopf müssen VerbraucherInnen nicht notwendigerweise auf den vorweihnachtlichen Genuss von Schokoladenplätzchen verzichten. Faire Alternativen, die im Idealfall auch im Globalen Süden hergestellt wurden, versüßen umso mehr die weihnachtliche Bescherung.

Quellenangaben

[1] Fountain, Antoine / Huetz-Adams, Friedel (2018): “Cocoa Barometer 2018.” Herausgegeben von einem Konsortium zivilgesellschaftlicher Organisationen. URL (Zugriff: 16.11.2018): www.cocoabarometer.org/Cocoa_Barometer/Download_files/Cocoa%20Barometer%202015%20.pdf

[2] Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (2018): „Oh Du Schokoladige! In Deutschland hergestellte Weihnachtsmänner.“ Infografik. Bonn. URL (Zugriff: 16.11.2018): www.bdsi.de/fileadmin/redaktion/Grafik___Statistik/Nikolaus_BDSI.jpg

[3] Fairtrade International (2018): „Cocoa Farmer Income: The household income of cocoa farmers in Côte d’Ivoire and strategies for improvement.” Amsterdam. URL (Zugriff: 16.11.2018): www.fairtrade.net/fileadmin/user_upload/content/2009/resources/2018-04_Report_Fairtrade_Cocoa_Farmer_Income.pdf

Fountain, Antoine / Huetz-Adams, Friedel (2018): “Cocoa Barometer 2018.” Herausgegeben von einem Konsortium zivilgesellschaftlicher Organisationen. URL (Zugriff: 16.11.2018): www.cocoabarometer.org/Cocoa_Barometer/Download_files/2018%20Cocoa%20Barometer.pdf

[4] United Nations Development Programme (2018): „Latest Human Development Index (HDI) Ranking.” New York. URL (Zugriff: 16.11.2018): hdr.undp.org/en/2018-update

[5] Higonnet, Etelle / Bellantonio, Marisa / Hurowitz, Glenn (2017): „Chocolate’s Dark Secret: How the Cocoa Industry Destroys National Parks.” Washington, DC: Mighty Earth. URL (Zugriff: 16.11.2018) www.mightyearth.org/wp-content/uploads/2017/09/chocolates_dark_secret_english_web.pdf

[6] Lindt & Sprüngli (2017): „2017 CAGE Annual Conference Lindt & Sprüngli Group.“ London. URL (Zugriff: 16.11.2018) www.lindt-spruengli.com/fileadmin/user_upload/corporate/user_upload/Investors/Presentations/CAGE_Lindt_Spruengli_Presentation.pdf

Hütz-Adams, Friedel / Schneeweiß, Antje (2018): „Preisgestaltung in der Wertschöpfungskette Kakao – Ursachen und Auswirkungen.“ Südwind e.V. Eschborn: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH (Hrsg.). URL (Zugriff: 16.11.2018) suedwind-institut.de/files/Suedwind/Publikationen/2018/2018-01%20Preisgestaltung%20in%20der%20Wertschoepfungskette%20Kakao_Ursachen%20und%20Auswirkungen.pdf

Fountain, Antoine / Huetz-Adams, Friedel (2015): “Cocoa Barometer 2015.” Herausgegeben von einem Konsortium zivilgesellschaftlicher Organisationen. URL (Zugriff: 16.11.2018): www.cocoabarometer.org/Cocoa_Barometer/Download_files/Cocoa%20Barometer%202015%20.pdf

Public Eye (n.d.): “Der Kakaomarkt: Marktanteile von Konzernen.“ Zürich. URL (Zugriff: 16.11.2018) www.publiceye.ch/de/themen-hintergruende/konsum/schokolade/der-kakaomarkt/marktanteile-von-konzernen/

[7] Bahn, Evelyn / Schorling, Johannes (2017): „Die bittere Wahrheit über Schokolade.“ Infoblatt. Make Chocolate Fair! Kampagne. Berlin: INKOTA-netzwerk e.V. URL (Zugriff: 16.11.2018) at.makechocolatefair.org/themen/cocoa-prices-and-income-farmers

Fountain, Antoine / Huetz-Adams, Friedel (2015): “Cocoa Barometer 2015.” Herausgegeben von einem Konsortium zivilgesellschaftlicher Organisationen. URL (Zugriff: 16.11.2018): www.cocoabarometer.org/Cocoa_Barometer/Download_files/Cocoa%20Barometer%202015%20.pdf

[8] Zeilinger, Bernhard / Dannenmaier, Viola / Gross, Lina (2013): „Die bittere Wahrheit über Schokolade.“ Infoblatt. Make Chocolate Fair! Kampagne. Berlin: INKOTA-netzwerk e.V. URL (Zugriff: 16.11.2018) de.makechocolatefair.org/sites/makechocolatefair.org/files/inkota_infoblatt_die_bittere_wahrheit_ueber_schokolade_2013.pdf

[9] Bahn, Evelyn / Schorling, Johannes (2017): „Die bittere Wahrheit über Schokolade.“ Infoblatt. Make Chocolate Fair! Kampagne. Berlin: INKOTA-netzwerk e.V. URL (Zugriff: 16.11.2018) at.makechocolatefair.org/themen/cocoa-prices-and-income-farmers

Fountain, Antoine / Huetz-Adams, Friedel (2018): “Cocoa Barometer 2018.” Herausgegeben von einem Konsortium zivilgesellschaftlicher Organisationen. URL (Zugriff: 16.11.2018): www.cocoabarometer.org/Cocoa_Barometer/Download_files/2018%20Cocoa%20Barometer.pdf

[10] Higonnet, Etelle / Bellantonio, Marisa / Hurowitz, Glenn (2017): „Chocolate’s Dark Secret: How the Cocoa Industry Destroys National Parks.” Washington, DC: Mighty Earth. URL (Zugriff: 16.11.2018) www.mightyearth.org/wp-content/uploads/2017/09/chocolates_ dark_secret_english_web.pdf

Totz, Sigrid (2010): „Elfenbeinküste: Les Eléphants.” Greenpeace. URL (Zugriff: 16.11.2018) www.greenpeace.de/themen/umwelt-gesellschaft/wirtschaft/elfenbeinkuste-les-elephants

[11] Herrmann, Frank (2016): „Wachstum mit Nebenwirkungen: Auch nach über vierzig Jahren wird über die Zukunft des Fairen Handels diskutiert.“ Südlink 178. URL (Zugriff: 16.11.2018): www.inkota.de/material/suedlink-inkota-brief/178-fairer-handel/herrmann/