Gutes Essen für alle?

Zugang zu gutem Essen ermöglichen, Food Deserts bekämpfen, gute Gemeinschaftsverpflegung stärken – oder warum soziale Gerechtigkeit im Ernährungssystem auch in reichen Ländern nicht selbstverständlich ist

Auswahl der Redaktion, CC0 von Brooke Lark auf unsplash.com

Ernährungsarmut, Mangelernährung, Hunger – meistens werden diese Schlagworte eher mit den einstmals so genannten »Entwicklungsländern« verbunden, nicht mit Europa. Hier sind die Supermarktregale doch voll und Lebensmittel verhältnismäßig billig! Den Befürwortern von relokalisierten Ernährungssystemen in Deutschland (und weiten Teilen Europas) geht es jedoch zumeist um andere Aspekte; sie wollen die natürliche Artenvielfalt und die Sortenvielfalt auf den Äckern und in den Gärten der Region schützen und erhalten und die Versorgung mit frischen, ökologisch produzierten Lebensmitteln sicherstellen. Nachhaltigkeit, Umwelt und Naturschutz stehen hier an erster Stelle – ob die regionalen Lebensmittel für alle gleichermaßen zugänglich sind, wird dabei allerdings selten mitgedacht.

In Nord- und Südamerika sieht das anders aus: Viele Ernährungsräte in den USA und Kanada sowie der brasilianische Rat für Ernährungssicherheit (CONSEA, siehe Seiten 227 ff.) wurden unter anderem gegründet, um Hunger und Ernährungsarmut zu bekämpfen. Hier steht die Frage nach sozialer Gerechtigkeit im regionalen Ernährungssystem ganz weit oben auf der Agenda. Aber auch in Großbritannien wird Ernährungsarmut vom Sustainable-Food-Cities-Netzwerk inzwischen – dank jahrelanger Sparpolitik, der viele Sozialleistungen zum Opfer fielen – als eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen gesehen.

Hunger und Mangelernährung in reichen Ländern

Laut der Wohlfahrtsorganisation Feeding America leiden 41 Millionen Menschen in den USA an Hunger und Mangelernährung, darunter 13 Millionen Kinder. Das sind zwölf Prozent der Bevölkerung, also jeder achte Einwohner. Auch in Großbritannien berichtet die Fabian Commission on food and poverty von weitverbreiteter Ernährungsarmut, insbesondere unter Alleinerziehenden. In Deutschland ist chronische Unterernährung eher selten, doch die Menschenrechtsorganisation FIAN beobachtet, dass auch bei uns immer mehr Menschen nicht in der Lage sind, sich »angemessen und in Würde zu ernähren«, wie es das Menschenrecht auf Nahrung verlangt. Besonders betroffen seien Kinder aus HartzIV-Haushalten, Rentner und Rentnerinnen sowie Geflüchtete.

Die Gründe für das Entstehen von Mangelernährung sind klar: Leere Kalorien sind billiger als echte Nährstoffe. Das bestätigt eine Übersichtsstudie US-amerikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Sie werteten 27 Studien aus zehn Industrieländern aus und fanden heraus, dass eine gute, nährstoffreiche Ernährung im Durchschnitt 1,13 Euro pro Tag mehr kostet als eine Ernährungsweise, die primär aus billigen Weißmehlprodukten und zuckerhaltigen Getränken besteht.

Auch in Deutschland sind frisches Obst, Gemüse und Vollkornprodukte teurer als kohlenhydratreiche Sattmacher. Eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in Dortmund aus dem Jahr 2007 wies nach, dass die Sozialleistungen für Kinder aus einkommensarmen Familien für eine ausgewogene und qualitativ hochwertige Ernährung nicht ausreichen – selbst dann nicht, wenn die Eltern in Discountern und Supermärkten sorgfältig die Preise vergleichen. Seitdem haben sich zwar die Regelsätze geändert, doch immer noch sind für einen Erwachsenen täglich gerade mal 4,77 Euro für Lebensmittel vorgesehen. Für ein vierzehnjähriges Schulkind sind es 3,38, für ein fünfjähriges Kind lediglich 2,74 Euro. Laut Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) benötigten Erwachsene 2003 bereits über sechs Euro pro Tag für eine vollwertige Ernährung. Neue Berechnungen gibt es von der DGE nicht – womöglich, weil niemand deren Ergebnisse so recht wahrhaben wollte. Diese würden sicher eine noch größere Lücke zeigen, denn die durchschnittlichen Preise für Lebensmittel sind in den letzten 15 Jahren deutlich gestiegen.

Klar ist: Es gibt auch in Deutschland viel zu viele Menschen, die sich frisches Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und hochwertiges Eiweiß kaum noch leisten können, um eine ausgewogene, gesundheitsfördernde Ernährung für sich und ihre Familien zu garantieren. Mindestens die 4,26 Millionen Hartz IV-Empfänger und Empfängerinnen in Deutschland sind für ihre Einkäufe auf Billiglebensmittel angewiesen, über den Einkauf von Biolebensmitteln brauchen sie gar nicht erst nachzudenken. Nicht genug damit, dass diese Menschen keinen Zugang zu gutem Essen haben: Sie leiden außerdem auch häufiger an ernährungsbedingten Krankheiten als der Bevölkerungsdurchschnitt und haben eine geringere Lebenserwartung – von sozialer Gerechtigkeit kann da keine Rede sein!

Zugang zu gutem Essen für alle durch Relokalisierung – oder etwa nicht?

Relokalisierte Ernährungssysteme wären auch sozial gerechter – so wird oft argumentiert. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass die lokale Wirtschaft gestärkt werde, lokale Arbeitsplätze entstünden und eben die Preise für lokal erzeugte, frische Lebensmittel durch geringere Transport und Verarbeitungskosten sowie direktere Vermarktung mit weniger Zwischenhandel niedriger seien.

Aber stimmt das wirklich? Eine ganze Reihe von Studien bestätigt, dass das Haupthindernis für die Teilnahme an lokalen Ernährungsprojekten der hohe Preis ist. Auch im Umland von Berlin wird man auf der Suche nach preisgünstigen Regionallebensmitteln kaum fündig: Für eine kleine Märkische Kiste mit vorwiegend regionalem Obst und Gemüse (ergänzt durch Produkte aus dem Bio-Großhandel, insbesondere im Winter) muss man 13 Euro berappen. Die gleiche Menge an Obst und Gemüse wäre zum Beispiel bei Rewe für weniger als 9 Euro zu bekommen, bei Real würde man sogar nur 5,20 Euro zahlen. Zwar hinkt der Vergleich, denn alle Produkte aus der Märkischen Kiste haben Bio- Qualität, während bei Rewe und Real nur auf den günstigsten Preis geachtet wurde. Aber hier geht es nur um die zentrale Frage, wie zugänglich regionale und nachhaltig produzierte Lebensmittel tatsächlich sind im Vergleich zu globalisierter Billigqualität aus dem Supermarkt.

Auch die Mitgliedschaft in einem Betrieb der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi, vgl. S. 55–58) macht das Leben nicht unbedingt günstiger. Ein großer (für Familien bemessener) Ernteanteil der SoLaWi SpeiseGut in Berlin kostet beispielsweise 70 Euro pro Monat. Die Teilnehmenden bekommen im Winter zum Beispiel alle zwei Wochen eine Kiste mit 1 kg Kartoffeln, 1 kg Möhren, 300 g Zwiebeln, 200 g Mixsalat und 500 g Pastinaken. So sinnvoll das Prinzip der SoLaWi für die Produzenten – und für zahlungskräftige Teilnehmende – sein mag: Eine Alleinerziehende mit Kind kann es sich kaum leisten, knapp ein Drittel des zur Verfügung stehenden Betrags für Ernährung (knapp 230 Euro/ Monat für einen Erwachsenen und ein Kind unter 5 Jahren) für eine verhältnismäßig kleine Menge Gemüse aufzubringen und vom restlichen Geld den gesamten übrigen Bedarf an Nahrungsmitteln und Getränken zu decken. Im Sommer gibt es zwar deutlich mehr frische Gemüsevielfalt, aber proteinreiche Kost muss auch dann noch hinzugekauft werden.

In den USA bestätigen viele Studien, dass die Teilnehmer an lokalen Ernährungsprojekten vorwiegend weiß und eher wohlhabend und gebildet sind. Diejenigen, die auch schon in den etablierten Ernährungssystemen marginalisiert sind, bleiben es demnach zumeist auch in den gut gemeinten Alternativprojekten. Wird bei der Relokalisierung von Ernährungssystemen nicht berücksichtigt, dass der sozioökonomische Status Einfluss auf die Teilhabemöglichkeiten hat, dann profitieren vor allem die sogenannten LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) – in der Regel eine relativ wohlhabende und gut ausgebildete Bevölkerungsgruppe. In Berlin kann man davon ausgehen, dass dieser »LOHAS-Fokus« die 20 Prozent der Berlinerinnen und Berliner, die Hartz-IV-Empfänger sind, definitiv ausschließt.

Regionalisierung: eine gute Idee für die bäuerliche Landwirtschaft?

Gleicher Zugang für alle zu gutem Essen ergibt sich also nicht automatisch durch die Relokalisierung des Ernährungssystems. Aber wenigstens für die Produzenten und Arbeitskräfte auf dem Land wäre die Regionalisierung des jeweiligen urbanen Ernährungssystems doch gut, oder? Zumindest werden die Vorteile weitgehend regional gespeister Ernährungssysteme für die lokale Landwirtschaft häufig hervorgehoben. Sie werden zudem oft mit der Förderung kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe verbunden, obwohl Letztere ja nicht automatisch zu höheren Einkommen für die Bäuerinnen und Bauern führt. Auch auf regionaler Ebene müssen sich Produzenten auf dem Markt behaupten und kosteneffizient arbeiten.

Untersuchungen aus den USA deuten in der Tat darauf hin, dass niedrige Einkommen auch für die Landwirte selbst in alternativen Nahrungsnetzen ein Problem sind. Ein SoLaWi-Bauer drückte es folgendermaßen aus: »Unsere eigenen Einkommen sind bei Weitem niedriger als die der meisten Teilnehmer in unserer CSA (community supported agriculture – dt. SoLaWi).« Landwirte in lokalen Nahrungsnetzen in Washington bestätigen, dass sie sich für ihre Familie nur konventionelle Lebensmittel leisten können, obwohl sie doch selbst biologische Saisonprodukte anbauen.

Ähnliche Erfahrungen haben in Deutschland kleinere landwirtschaftliche Betriebe, wie sie in regionalen Nahrungsnetzen vorherrschen, gemacht. Zwar sind die Einkommen in der Landwirtschaft in den letzten Jahren wieder gestiegen und vor allem in Ostdeutschland verhältnismäßig hoch. Dies liegt jedoch vor allem an der durchschnittlichen Betriebsgröße, die dort historisch aus den alten LPG-Strukturen erwachsen ist. Einzelunternehmer mit Betriebsgrößen von unter 100 Hektar und Milchviehbetriebe mit weniger als 50 Tieren kommen eher schlecht als recht über die Runden.

Gute Arbeit – guter Lohn?

Die Konzentration auf die Landwirte lässt zudem die Frage nach existenzsichernden Löhnen für Arbeiter und Arbeiterinnen (vor allem Saisonkräfte) offen. Lokale Lebensmittelproduktion schafft zwar auch neue Arbeitsplätze, insbesondere wenn der Fokus eher auf arbeitsintensiver Bio-Produktion liegt. Aber auch in der Bio-Branche werden häufig niedrig bezahlte Saison- und Wanderarbeiter eingesetzt, und gesundheitsgefährdende, ausbeuterische Arbeitsbedingungen sind hier leider gang und gäbe. Die arbeitsintensiven Anbaumethoden, die oft in lokalen Nahrungsmittelsystemen gefördert werden, können Landwirte sogar erst dazu zwingen, billige Arbeitskräfte einzusetzen, um auf dem Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Untersuchungen in den USA und Kanada zeigen zum Beispiel, dass local und organic genauso stark von der Ausbeutung billiger Arbeitsmigranten aus Lateinamerika abhängen wie die konventionelle Agrarindustrie.

Auch im Biosiegel der EU fehlen Kriterien zu fairen Arbeitsbedingungen völlig, und es gibt regelmäßig Berichte über Ausbeutung bis hin zu Zwangsprostitution von Saisonarbeitskräften und Arbeitsmigranten, beispielsweise im Tomatenanbau Italiens und Spaniens. Fälle von unzumutbarer Unterbringung, schlechten Arbeitsbedingungen und unangemessen niedrigen Löhnen für osteuropäische Saisonkräfte werden aber immer wieder auch aus Deutschland berichtet, etwa von der Erdbeer- oder Spargelernte, aus Schlachthäusern oder während der Weinlese.

Eine weitere Frage der sozialen Gerechtigkeit in lokalen Ernährungssystemen ist, in welchem Ausmaß sogar unbezahlte Arbeit geleistet wird. Bäuerliche Betriebe, egal welcher Größe oder Ausrichtung, werden überdurchschnittlich häufig von Männern geleitet, nur neun Prozent der Betriebe in Deutschland werden von Frauen geführt. Gleichwohl müssen die »Bauersfrauen« oft unbezahlt mit anpacken, denn kleinbäuerliche Betriebe, die für lokale Märkte produzieren, sind in hohem Maße auf unbezahlte Familienarbeit angewiesen. Immerhin, einige Forschungsergebnisse in den USA deuten darauf hin, dass Frauen in der nachhaltigen Landwirtschaft dreimal häufiger als Betriebsleiterinnen tätig sind als in der konventionellen Landwirtschaft.

Auch auf der Verbraucherseite fällt in lokalen Ernährungssystemen tendenziell mehr »Frauen«-Arbeit an, insbesondere in Projekten wie Selbsterntegärten, Gemeinschaftsgärten und SoLaWis mit Arbeitseinsätzen. Selbst in marktbasierten Projekten erfordert die Tatsache, dass Lebensmittel eher frisch und unverarbeitet sind, mehr Zeit, Mühe und Können für die Verarbeitung. Zudem ist hier der Einkauf aufwendiger, weil einzelne Verkaufsstellen für lokale Lebensmittel oft weit auseinanderliegen. Egal, ob man es als Fortschritt oder Rückschritt ansieht, sich von bequem im Supermarkt gekauften Fertigprodukten abzuwenden und (wieder) mehr frisch zu kochen: Der dafür notwendige Mehraufwand fällt auch heute meistens noch Frauen zu. So kann die Relokalisierung des Ernährungssystems unbeabsichtigt traditionelle Geschlechterrollen in Haushalten verfestigen – für die Geschlechtergerechtigkeit wäre dies ein erneuter Rückschritt.

Ausgrenzung und Bevormundung

Die auf lokaler Ebene erwarteten positiven Effekte basieren häufig auf der Annahme, dass lokalisierte Entscheidungen demokratischer sind oder dass lokale Gemeinschaften automatisch das Gemeinwohl priorisieren. Wer jedoch von einer lokalen Ernährungsstrategie profitiert, hängt nicht unwesentlich von der sozialen Agenda derjenigen ab, die die Strategie entwickeln. Jedenfalls: Die Motive für eine Relokalisierung können durchaus vielfältig sein – und Gerechtigkeit ist nicht notwendigerweise ihr primäres Ziel.

Im Gegenteil, Gemeinschaften auf lokaler Ebene können auch ausgrenzend und nationalistisch sein (siehe Kapitel 4). In Deutschland gibt es zum Beispiel eine wachsende, offen völkisch geprägte Siedlungsbewegung, die regionale Wirtschaftsnetze und Selbstversorgung propagiert, um aus nationalistischen Motiven gegründete Dorfgemeinschaften aufzubauen und die »deutsche Heimat« als Lebensraum der »Blutdeutschen« zu etablieren. In der Tat haben viele der nationalistischen und populistischen Bewegungen, die fast überall in Europa im Aufwind sind, auch die Förderung der regionalen Landwirtschaft in ihrem Programm stehen. In Brandenburg macht sich zum Beispiel die AfD für eine Förderung der regionalen Landwirtschaft und gegen Bodenspekulation stark: richtige Ziele, aber mit falscher, inakzeptabler Motivation und Gesinnung dahinter. Auch in Großbritannien und Frankreich schreiben sich rechtspopulistische Parteien wie UKIP (UK Independence Party) und Rassemblement National (in Frankreich) die Förderung der nationalen bäuerlichen Landwirtschaft mit derart zweifelhaften Motiven im Hintersinn auf die Fahnen. Dahinter steht in diesem Fall also nicht etwa ein Streben nach Gemeinwohl, sondern rassistisches und menschenverachtendes Gedankengut.

Doch lokale Ernährungssysteme können bestehende, repressive Verhältnisse auch ungewollt verstärken: In den USA hat die Sozialwissenschaftlerin Julie Guthman analysiert, wie alternative Ernährungsbewegungen weiße Kulturgeschichte widerspiegeln oder »weiß codiert« sind. Lokale Ernährungsinitiativen werden oft von weißen und privilegierten Klassen gegründet, die nur »das Beste wollen«, während die armen, unterprivilegierten Klassen »erzogen« werden müssen. Feldforschung von Guthman in Food Deserts (zu deutsch »Lebensmittelwüsten«: Stadtviertel, in denen wenige oder gar keine Einkaufsmöglichkeiten mehr bestehen, insbesondere nicht mehr für frische Lebensmittel wie Obst und Gemüse) fand heraus, dass die Bewohnerinnen und Bewohner sich vor allem wünschen, in herkömmlichen Lebensmittelgeschäften einzukaufen. Das Beharren auf »Alternativen« kann somit ein Gefühl der Ausgrenzung und Stigmatisierung verstärken, indem es den Bewohnern von Lebensmittelwüsten das verweigert, was andere für selbstverständlich halten: anonymes, bequemes Einkaufen in Supermärkten mit Regalen voller Billigkalorien. Mit anderen Worten: »Alternativen reflektieren oft mehr die Wünsche der Schöpfer dieser Projekte, als diejenigen der Gemeinschaften, denen sie vermeintlich dienen«.

Warum überhaupt Relokalisierung?

Warum also brauchen wir relokalisierte Ernährungssysteme, wenn sie doch, wie wir gesehen haben, weder allen Verbrauchern und Verbraucherinnen gleichermaßen die Teilnahme ermöglichen noch den produzierenden Bäuerinnen und Bauern existenzsichernde Einkommen oder Arbeitern und Arbeiterinnen würdige Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung garantieren?

Weil geographisch kleinere Räume die aktive Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen einfacher macht und mehr Durchschaubarkeit, mehr Wahlfreiheit und auch mehr demokratische Kontrolle ermöglicht. Auf der lokalen Ebene sind Veränderungen sichtbarer und greifbarer, während die Arbeit daran auf einer höheren, politischen Ebene abstrakt, extrem langwierig und damit entmutigend sein kann.

Relokalisierung allein kann nicht das Allheilmittel sein, um unser an Ausbeutung und Ungerechtigkeit krankendes Ernährungssystem sozial gerecht zu machen, und wir dürfen die oben aufgeführten Fallstricke nicht ignorieren. Aber genau hieraus erwächst Ernährungsräten ihre vielleicht wichtigste Rolle: wachsam sein und aktiv dafür sorgen, dass niemand im lokalen oder auch globalen Kontext urbaner Nahrungsversorgung benachteiligt oder ausgegrenzt wird.

Die Handlungsmöglichkeiten von Ernährungsräten, historisch entstandene und im System fest verankerte Ungerechtigkeiten aufzubrechen, sind gleichwohl begrenzt. Aber dennoch bleibt es unsere Verantwortung, zumindest vor Ort für Gerechtigkeit zu sorgen, statt Ungerechtigkeiten als unabänderlich hinzunehmen! »Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen« – das sagte wohl nicht nur Mahatma Gandhi, dem dieses Zitat nichtsdestotrotz am häufigsten zugewiesen wird. Als Leitprinzip für die Arbeit von Ernährungsräten ist es jedenfalls passend: Immerhin eint die meisten das Ziel, durch Veränderungen von unten langsam, aber sicher auch das Gesamtsystem zu verändern.

Ohne Preis kein Speis

Zugang zu gutem Essen weniger preisabhängig zu machen ist also ein Kardinalziel für Ernährungsräte. Aber wo sind Ansatzpunkte dafür auf lokaler Ebene zu finden? Solange der Preis für Lebensmittel für viele das einzige halbwegs kontrollierbare Auswahlkriterium ist, müssen Ernährungsräte sich auch mit der »Preisfrage« auseinandersetzen.

Ernährungsräte in den USA versuchen sich dem Thema zu nähern, indem sie sich dafür starkmachen, dass Bauernmärkte und andere alternative Einkaufsorte Food Stamps (Gutscheine, mit denen einkommensschwache Personen Lebensmittel kaufen können) als Bezahlung akzeptieren. Zwar können dadurch auch Menschen, die auf diese Gutscheine angewiesen sind, am alternativen Ernährungssystem teilnehmen – aber letztlich sind Food Stamps auch nur ein alternatives Zahlungsmittel, das genauso endlich ist wie Geld. Wer nicht viel davon zur Verfügung hat, wird sich mit dem Kauf teurer Lebensmittel auch dann schwertun, wenn ein Teil davon als Zuwendung durch Gutscheine zur Verfügung steht.

Wirklich helfen würde es ärmeren Menschen, wenn sie für ihre Lebensmittel weniger aufwenden müssten, egal mit welchem Zahlungsmittel – wenn also zum Beispiel Hofläden, Bauernmärkte und Marktschwärmereien Preisnachlässe für Geringverdiener gewähren würden. Solange solche Preisnachlässe aber nicht staatlich finanziert werden, müssen sie im Zweifelsfall von den Produzenten oder den Weiterverkäufern getragen werden – und die sind bekanntlich selbst auf ausreichende Einkommen und Gewinne angewiesen, um sich und ihre Familien finanziell über Wasser zu halten und auf dem Markt zu überleben.

Es gibt allerdings auch Spielräume, die ausgehandelt werden könnten. Wie wäre es, wenn sich ein Ernährungsrat erfolgreich dafür starkmacht, dass die Verwaltung so nennenswert in lokale Infrastruktur und effiziente regionale Wertschöpfungskreisläufe investiert, dass sich für Produzenten Kosteneinsparungen ergeben? Kosteneinsparungen, die dann aber nicht in niedrigere Preise für alle umgesetzt werden, sondern gezielt Nachlässe für Geringverdiener finanzieren.

Eine solche Idee setzt natürlich eines voraus: Solidarität von Gutverdienern mit Geringverdienern. Restaurants, in denen jede und jeder zahlt, was gerade möglich ist, sind ein Beispiel für diese Art freiwilliger solidarischer Querfinanzierung. Unter dem Stichwort sind natürlich noch weitere Optionen denkbar: SoLaWis heißen in Deutschland zum Beispiel hauptsächlich deshalb »Solidarische Landwirtschaft«, weil die Teilnehmenden solidarisch mit den Bäuerinnen und Bauern wirtschaftliche Risiken tragen. Sie verpflichten sich für eine ganze Erntesaison, einen festen Monatsbetrag zu zahlen, sodass für die Bauern Planungssicherheit entsteht und sie sich auf ein garantiertes Mindesteinkommen verlassen können. Fällt die Ernte aus oder sacken die Marktpreise in den Keller, ist nicht die Existenz des Produzenten bedroht – sondern alle haben gemeinsam Pech gehabt.

Solidarität kann aber auch zwischen den Teilnehmenden gedacht werden, wenn je nach Einkommen und Möglichkeiten unterschiedliche Beiträge gezahlt werden. In den USA gibt es viele CSAs, in denen die Beiträge gestaffelt sind und geringere Beiträge von einkommensschwachen Mitgliedern durch höhere Beiträge von Besserverdienenden ausgeglichen werden. Auch in Deutschland gibt es viele SoLaWis, die solidarische Bieterrunden durchführen, um finanziellen Ausgleich zwischen den Mitgliedern zu schaffen (vgl. Kap. 2).

Und dennoch: All diese Ideen können den Zugang zu gutem Essen allerhöchstens etwas weniger preisabhängig machen. Kritiker der solidarischen Bepreisung wenden nicht zu Unrecht ein, dass dies die nötige Auseinandersetzung mit den Zwängen einer globalisierten Nahrungsversorgung in einem neoliberal kapitalistischen Markt zu sehr ins Private verlagert, statt dem Staat eine gemeinwohlorientierte Rahmensetzung abzufordern. Solange kapitalistische Marktzwänge für die Produktion von Lebensmitteln gelten, kann gutes Essen durch vereinzelte Vergünstigungen jedenfalls nicht systematisch allen Menschen gleichermaßen zugänglich gemacht werden.

Hinzu kommt: Wer auf Solidarität oder Almosen angewiesen ist, um sich gut und ausreichend ernähren zu können, ist zur Erfüllung seines Menschenrechts auf Nahrung abhängig von der Gutwilligkeit der Besserverdienenden. Wir sollten gut überlegen, ob es wirklich ein Grund zum Feiern sein kann, dass in 25 Jahren die Tafeln in Deutschland nahezu zu Alleinversorgern von gut anderthalb Millionen Menschen geworden sind. Ist das das System, welches uns vorschwebt? Wohl kaum.

Change the system!

Wollen wir nicht eigentlich ein System, in dem jede und jeder sich ausreichende, gute, nachhaltig produzierte und zur jeweiligen Kultur passende Lebensmittel leisten kann, ohne dafür auf Almosen angewiesen zu sein? Der Food-Policy- Veteran Mark Winne aus den USA empfiehlt in seinem Buch Closing the Food Gap (dt.: Die Ernährungslücke schließen), die Ursachen für Armut endlich zu bekämpfen und Reichtum umzuverteilen, statt sich langfristig lediglich mit Sozialprogrammen zur Bekämpfung von Hunger zu begnügen.

Dem ist zuzustimmen, denn in einer Welt, in der das reichste Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte des weltweiten Vermögens besitzt, während ein Drittel der Menschheit von weniger als zwei Dollar pro Tag lebt, sind alle staatlichen und privat organisierten Hilfsprogramme doch nur Tröpfchen auf heißen Steinen. Ohne einen Systemwandel und die Umverteilung von Reichtum wird auch soziale Gerechtigkeit eine Utopie bleiben. Doch wie können sich Ernährungsräte auf der lokalen Ebene für die große Transformation einsetzen?

Zumindest eine greifbare Maßnahme, die auch lokal umsetzbar ist, wäre eine Mietpreisbremse, die tatsächlich ihren Namen verdient. Immobilienpreise steigen nicht nur in deutschen Städten schneller, als Gemüse wächst: Bezahlbarer Wohnraum wird immer mehr zur Mangelware. Je höher die Mieten, desto wichtiger ist es für Menschen mit wenig Einkommen, dass sie billige Nahrungsmittel kaufen können. Der Anteil des Haushaltsbudgets für Nahrung kann entweder durch weniger Essen oder durch billigeren Einkauf gesenkt werden. Wer den Anteil für die Miete verringern will, sitzt jedoch schnell wegen aufgelaufener Mietschulden auf der Straße.

Das heißt: Wirksame Maßnahmen zur Begrenzung von Mietpreisen können für einkommensschwache Menschen wesentlich verlässlicher und systematischer dazu beitragen, dass sie sich ausreichend gute Lebensmittel leisten können, als der Versuch, hier und da gute Lebensmittel für diese Konsumentinnen und Konsumenten preisgünstiger zu machen.

Lebensmittelwüsten in der Stadt

Die ersten Food Policy Councils in den USA entstanden dort, wo die Schwerindustrie seit den 1980er Jahren ihre Fabriken aufgab und die Arbeitslosigkeit viele Menschen in den Hunger trieb. Nicht nur die Fabriken verschwanden, sondern auch Gemüsehändler, Märkte und Restaurants, weil die Kaufkraft drastisch sank. Übrig blieben nur Discounter, in denen Fleisch billiger ist als Gemüse, und Fast-Food-Restaurants. Ganze Stadtteile wurden zu so genannten Food Deserts, in denen keinerlei Zugang zu gutem Essen mehr vorhanden ist. Laut US-Landwirtschaftsministerium leben je nach Definition bis zu 55 Millionen Amerikaner in einer solchen »Lebensmittelwüste«, davon 2 ,4 Millionen ohne Zugang zu einem Fahrzeug – was das Erreichen einer Einkaufsmöglichkeit noch weiter erschwert.

Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Menschen in Deutschland in einer Lebensmittelwüste leben, und sie sind bislang für Ernährungsräte und andere Ernährungsinitiativen auch kein Thema. Dass aber Bioläden und Bauernmärkte vor allem in den Wohnvierteln der besser Betuchten entstehen und Hofläden zumeist nur mit dem Auto erreichbar sind, gilt auch für Deutschland. Nicht weiter verwunderlich, denn diese sind auf die zahlungskräftige Kundschaft angewiesen. Wer in ärmeren Stadtvierteln wohnt und kein Auto zur Verfügung hat, ist daher de facto von diesen alternativen Einkaufsmöglichkeiten ausgeschlossen oder muss zumindest kaum zumutbar große finanzielle und logistische Hürden überwinden, um dennoch dort einkaufen zu können.

Es ist daher in jedem Fall ein relevantes und lohnendes Ziel für Ernährungsräte, derartige Missstände bekannt zu machen und für Abhilfe zu sorgen. In einem zukunftsfähigen Ernährungssystem müssen Einkaufsmöglichkeiten für alle ohne besonderen Aufwand erreichbar sein, unabhängig davon, in welchem Stadtviertel sich der Wohnort befindet und ob ein eigenes Fahrzeug zur Verfügung steht.

Wegzaubern können Ernährungsräte bestehende geographische Strukturen indes natürlich nicht. Möglichkeiten, innerhalb bestehender Strukturen eine intensivere Vernetzung und bessere Erreichbarkeit zu schaffen, lassen sich oft aber trotzdem finden. Viele Ernährungsräte in den USA setzen sich dafür ein, dass Busrouten neu geplant werden, um Lebensmittelgeschäfte für Menschen ohne Auto besser erreichbar zu machen. Oder sie versuchen, Einkaufsmöglichkeiten in den Food Deserts zu verbessern: In Baltimore (Maryland) hat der lokale Ernährungsrat eine Verordnung auf den Weg gebracht, mit der Supermärkte Steuerermäßigungen bekommen, wenn sie sich in derartigen Gegenden ansiedeln. Und der Ernährungsrat in Los Angeles hat ein Programm entwickelt, das kleine Eckläden (Corner Stores – ähnlich den »Spätis« in einigen deutschen Großstädten) dabei unterstützt, mehr frische Lebensmittel ins Sortiment zu nehmen. Ähnliches existiert in Philadelphia und New Orleans. Man stelle sich vor, in den rund 1000 Berliner Spätis würden Havelländer Bioäpfel und Biomilchprodukte verkauft!

Vielleicht wären manchenorts auch mobile Einkaufsorte und Bringdienste eine gute Lösung: In Hartford (Connecticut) wurde zum Beispiel ein Mobile Market ins Leben gerufen: ein umgebauter Bus, der frisches, regional angebautes Obst und Gemüse in Stadtviertel mit wenigen Einkaufsmöglichkeiten bringt.

Growing Power

Während der Amtszeit von Barack Obama als US-Präsident war die grassierende Fettleibigkeit vieler armer Menschen eines der wichtigsten Themen auf der politischen Agenda, vor allem für seine Gattin. Michelle Obama gärtnerte nicht nur medienwirksam im Garten des Weißen Hauses, sie kam auch persönlich, wenn ein Gemüsehändler in einem vernachlässigten Viertel einen Laden eröffnete.

Will Allen besuchte sie sogar zweimal. Denn er gilt als Vorbild für viele Schwarze und seine City Farm in Milwaukee als Musterbeispiel, wie gutes Essen und frische Kost in benachteiligte Viertel gebracht werden können. »Wir haben Growing Power an einer Stelle errichtet, wo du in jeder Richtung fünf Meilen gehen kannst, und du wirst kein gutes Essen finden, nur Junkfood. Für die Menschen hier, die oft kein Auto haben, ist das eine Katastrophe.«

Will Allen ist als früherer Basketball-Star im ganzen Land bekannt. Er stammt aus einer Familie von Landarbeitern, die sich später eine eigene Farm leisten konnte. »Wir hatten immer genug Essen, gutes Essen!« Deshalb wurde die City Farm auch nicht als Gemeinschaftsgarten gegründet, sondern als Unternehmen mit sozialen Grundsätzen: mit Angestellten entweder aus der meist schwarzen Nachbarschaft oder mit Freiwilligen aus anderen Städten.

Es begann 1993, als er ein Stück Brachland kaufte. 20 Jahre später hatte Will Allen 140 Angestellte, die in Gewächshäusern (mit einer Fläche von 10 Hektar) und auf Äckern und Feldern (120 Hektar) Gemüse anbauen. Angetrieben wird er von immer noch existierendem Hunger: »Drei von zehn jungen Leuten gehen heute Abend ohne ein Essen ins Bett.« Das will er ändern.

Als er neue Felder suchte, stieß er auf das Problem, dass viele Böden in der Stadt versiegelt waren. »Gutes Essen erzeugt man mit gutem Boden. Den stellen wir mithilfe unserer Wurmzuchten her. Aber wenn du einen ehemaligen Parkplatz hast, dann können wir den Asphalt nicht wieder aufreißen, das wäre nicht nur zu teuer, sondern der Untergrund ist auch oft mit Blei belastet. Aber wir können unseren Wurmboden daraufschütten« – und so entstanden hochproduktive Hügelbeete auf Beton und Asphalt.

»In unseren Städten gibt es riesige Brachflächen«, sagt Will Allen. In Detroit sind es noch mehr als in Milwaukee: 230 Quadratkilometer – bei einer Stadtfläche von insgesamt 440 Quadratkilometern! »Meine Tochter will jetzt eine neue Farm in Chicago eröffnen, dort liegen 77.000 Grundstücke brach, insgesamt 85 Quadratkilometer. Die Dachflächen sind da noch gar nicht mitgerechnet. Damit könnte man noch viel mehr machen.«

»Aber tatsächlich ist Bauersein sehr schwierig«, setzt er hinzu, »ich war Profi athlet und habe sonst auch noch vieles gemacht, aber Gemüse auf nachhaltige Art und Weise anzubauen ist der härteste Job. (…) Das Essen hier im Norden der USA wird aus einer Entfernung von durchschnittlich 2400 Kilometer herangekarrt. Das müssen wir ändern.«

Im November 2017 musste Growing Power Insolvenz anmelden. Doch schon wenige Monate später steht Will Allen wieder in seinen Gewächshäusern und versucht die City Farm in Milwaukee wieder zu reaktivieren. Er denkt nicht daran, mit 69  Jahren in den Ruhestand zu gehen, und gründete drei neue Unternehmen. Und seine Farm in Chicago läuft unter der Lei  tung seiner Tochter weiter als Urban Growers Collective. Sein Erbe ist ohnehin größer: Der Pionier der urbanen Gärtnerbewegung half beim Aufbau von Farmen in den ganzen USA, in Südafrika und Haiti, aber er war vor allem ein weltweites Vorbild für den Aufbau von Gemeinschaften: » We grow more than food, we grow communities.« Sein größter Erfolg war es dann auch, große Teile der schwarzen Bevölkerung aus dem Griff des Junkfood befreit zu haben.

Auch die Rückeroberung urbaner Flächen zum Anbau von Lebensmitteln ist eine Strategie im Kampf gegen Lebensmittelwüsten. Gemüse und Obst in Gemeinschaftsgärten, Selbsterntegärten oder im eigenen (Klein-)Garten bzw. auf Balkon oder Fensterbank selbst anzubauen ist natürlich ebenfalls eine Möglichkeit, welche die Obstund Gemüseversorgung einkommensschwacher Gruppen verbessern kann. Der Los Angeles Food Policy Council hat sich dafür eingesetzt, dass Gemüse- und Obstgärten im sozialen Wohnungsbau erhalten und gefördert werden. In Detroit hat sich das Black Community Food Security Network gegründet, um qualitativ hochwertige Ernährung und vitaminreiche Frischkost in die Armenviertel zu bringen, unter anderem durch urbane Landwirtschaft auf brachliegenden Grundstücken.

Auch für deutsche Ernährungsräte wie in Köln und Berlin gehört die Förderung von urbanen Gärten zu den Schwerpunktzielen, wenn auch häufig primär als Bildungsprojekt und weniger als soziales Projekt für die Produktion von günstigen und zugleich hochwertigen Lebensmitteln. Damit Selbstanbau tatsächlich einen sozialen Effekt hat, muss die Beteiligung an Projekten kostengünstig oder kostenlos möglich sein – was längst nicht in allen urbanen Gemeinschaftsgärten der Fall ist. Zudem erfordert der Anbau von Obst und Gemüse in relevanten Mengen Wissen, praktische Fähigkeiten und Zeit, die nicht zwangsläufig alle mitbringen, auch Hartz-IV-Empfänger wie Aufstocker oder Alleinerziehende nicht. Außerdem sind die Möglichkeiten in kleinen Gemeinschaftsbeeten oder auf Balkonen und Fensterbänken räumlich (sehr) beschränkt. Eine komplette Selbstversorgung aus dieser Quelle ist also utopisch. Hinzu kommt, dass das Selbstversorgerdasein nicht allen liegt, also auch nicht für alle einkommensschwachen Konsumentinnen und Konsumenten die Lösung der Wahl sein kann. Dennoch dazu »verdonnert« zu werden würde nur das ohnehin schon oft vorhandene Gefühl der Stigmatisierung verstärken.

Ernährungsräte tun daher gut daran, bestehende Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten vor Ort und deren Schwachstellen genau zu analysieren und Konzepte zu entwickeln, um Lücken gegebenenfalls möglichst schnell und vollständig zu schließen. Es liegt zudem nahe, sich als Ernährungsrat in die Stadtplanung möglichst intensiv einzubringen. Etwa, damit Flächen für die urbane Nahrungsversorgung schon in frühen Planungsstadien mitgedacht werden und zugleich auch der gemeinnützige Anbau von Kulturpflanzen auf städtischen Flächen in Erwägung gezogen wird.

Für die Städteplaner hieße das, in Zukunft so zu planen, dass Lebensmittelwüsten gar nicht erst entstehen und eine behutsame Stadtentwicklung nach dem Leitbild einer »durchmischten Stadt der kurzen Wege« Platz greift, die nicht nur Wohnen, Arbeiten und Freizeit zusammendenkt, sondern auch verschiedene Milieus und unterschiedliche Einkommensgruppen.

Verschwenden beenden!

Die Verschwendung von essbaren Lebensmitteln einzudämmen ist aus verschiedensten Gründen ein sinnvolles Anliegen, auch für Ernährungsräte. Wo Lebensmittelüberschüsse nicht von vornherein vermieden werden können, sind Weiterverteilung und -verwendung zu ermöglichen. Ideen dafür gibt es viele.

Bekanntestes Beispiel im englischsprachigen Raum sind die Food Banks, in Deutschland als »Tafeln« weit verbreitet. Sie sammeln überschüssige, einwandfreie Lebensmittel und verteilen diese an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte. Weitere Möglichkeiten, Lebensmittel zu retten und damit auch das eigene Budget zu entlasten, sind das über Online-Plattformen und sogenannte Fairteiler-Kühlschränke organisierte Foodsharing oder der preisreduzierte Verkauf von »überschüssigen« Lebensmitteln über Apps (z. B. Too Good To Go) oder Reste-Supermärkte (z. B. SirPlus in Berlin).

Die Weiterverteilung von noch einwandfrei genussfähigen Lebensmitteln ist schon deshalb richtig, weil es weder moralisch noch hinsichtlich begrenzter Ressourcen als hinnehmbar gelten kann, weltweit rund die Hälfte aller produzierten Lebensmittel auf den Müll zu werfen. Man kann aber leider nicht zwangsläufig davon ausgehen, dass derartige Initiativen der »Müllvermeidung« auch zu mehr Gerechtigkeit im Ernährungssystem beitragen. Kritiker nen-nen die Existenz von »Almosensystemen« wie den Tafeln völlig zu Recht einen politischen Skandal, der die Dysfunktion unserer Ernäh-rungssysteme lediglich verdeutlicht. Nicht zuletzt, weil den als Tafelkunden und -kundinnen gebrandmarkten Menschen nicht selten auch noch Dankbarkeit für die aussortierten Brosamen vom Tisch der Reichen abgenötigt wird, wenn auch zumeist unausgesprochen.

Die Förderung von Armenspeisungen ist nicht der Weg zu sozialer Gerechtigkeit, die Politiker so gerne als Ziel anführen; es ist die entschlossene und vor allem wirksame Bekämpfung der Ernährungsarmut, welche die vermeintlich großzügigen Lebensmittelspenden überhaupt erst notwendig macht. Dazu gehört der Wandel von der Überschussproduktion zu einem zukunftsfähigen System, in dem alles Wertvolle im »ersten Markt« verwertet wird und in dem weder Lebensmittelverschwendung noch ein Schattenversorgungssystem aus Überschüssen Platz haben.

Gute Gemeinschaftsverpflegung

Wie kann gutes Essen systematisch allen Menschen gleichermaßen zugänglich werden, ohne dass einkommensarme Menschen als »Bedürftige« stigmatisiert werden?

Eine der wirkmächtigsten Einflussmöglichkeiten bietet hierzu die Gemeinschaftsverpflegung, insbesondere in Schulen und Kitas, denn hier können tatsächlich alle schulpflichtigen Kinder gleichermaßen erreicht werden. Das setzt aber voraus, dass das Essen für alle kostenlos ist. Dürften nur die als »bedürftig« eingestuften Kinder kostenlos essen, käme dies einer weiteren Stigmatisierung gleich. In vielen US-amerikanischen Städten wie New York, Boston, Chicago oder Detroit wird das Schulmittagessen für alle Kinder kostenlos angeboten, seit sich gezeigt hatte, dass viele Schüler und Schülerinnen lieber mit leerem Magen im Klassenzimmer sitzen, als zuzugeben, dass ihre Familien nicht genug Geld für das Mittagessen aufbringen können.

Ob das Schulessen tatsächlich überall als »gut« bezeichnet werden kann, ist eine andere Frage. Plastiktabletts mit Mulden, in die grauer Brei geklatscht wurde, daneben ein Löffel gezuckertes Apfelmus – derartige Geschmacklosigkeiten findet man öfter bei der Suche nach Bildern vom Schulmittagessen in den USA. Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Die Einbindung lokaler Landwirtschaft in die Schulversorgung wird inzwischen auch in den USA großgeschrieben: Über das National Farm to School-Network (dt. Landwirt-zu-Schule-Netzwerk) haben rund 42.000 Schulen in allen Bundesstaaten Kontakte zu lokalen Landwirten aufgebaut und damit frisches Obst und Gemüse, Eier und Fleisch auf die Teller gebracht. Versorgt werden damit bis jetzt schon über 23 Millionen Schüler und Schülerinnen – wenn auch noch längst nicht überall kostenlos.

Eine konsequente Versorgung aller Schülerinnen und Schüler mit kostenlosem Mittagessen, die vielen Verwaltungen hierzulande als utopisch und nicht finanzierbar erscheint, ist gleichwohl in vielen anderen Ländern längst Realität: In Schweden und Finnland erhalten alle Schulkinder im Alter von 7 bis 16 Jahren täglich kostenfrei ein warmes Mittagessen. Indien unterhält ein flächendeckendes Schulspeisungsprogramm, mit dem über 100 Millionen Schulkinder versorgt werden. Und in Lateinamerika gibt es kaum Länder ohne kostenloses Schulessen: Nur in vier der sechzehn Staaten müssen Eltern von Grundschul- und Kindergartenkindern für das Mittagessen bezahlen.

Besonders interessant ist das brasilianische Beispiel: Über das Schulessen-Programm PNAE (Programa Nacional de Alimentação Escolar) werden täglich 45 Millionen Schulkinder mit Mahlzeiten versorgt. Diese sind nicht nur konsequent kostenlos. Das Programm wird auch gezielt genutzt, um die regionale bäuerliche Landwirtschaft zu unterstützen. Seit 2009 wird per Gesetz 30 Prozent des PNAE-Budgets für den Kauf von Produkten aus regionaler Familienlandwirtschaft genutzt, mit Schwerpunkt auf biologisch und agroökologisch produzierten Lebensmitteln. Positive Effekte ergeben sich dadurch nicht allein für die Kleinbauern, sondern auch für die Kinder, die bis 2009 mit eher minderwertiger Kost versorgt wurden. Was bis dato auf den Tisch kam, legte die Bundesregierung zentral fest, überall in dem riesigen und kulinarisch diversen Land gab es das gleiche Essen. Ein Teil der Nahrungsmittel wie Reis und Milch in Pulverform kam von ausländischen Hilfswerken, der Rest von großen Lebensmittelkonzernen. Fast alles war industriell verarbeitet.

Seit ein Teil des Budgets an regionale Landwirte geht, gibt es an vielen Schulen frisches Obst und Gemüse, Eier, Joghurt, Milch und Brot. Allerdings: Das Gesetz wird nicht in allen Bundesstaaten gleichermaßen systematisch in die Praxis umgesetzt. Während im wohlhabenden Paraná in Brasiliens Süden lokale Kleinbauern bei der Lieferlogistik unterstützt werden, sind sie im ärmeren Bahia auf sich selbst gestellt, obwohl gerade hier Distanzen groß sind und Unterstützung sinnvoll wäre. Zudem ist leider ungewiss, wie es mit dem Programm weitergeht; seit der konservative Michel Temer 2016 als Präsident die Regierungsgeschäfte übernommen hat, werden soziale Programme Schritt für Schritt gekürzt (siehe Seiten 227 ff.).

Regionalität und Nachhaltigkeit in der Schul- und Kitaversorgung in den Vordergrund zu stellen fällt dann leichter, wenn sich die Umstellungen für die Eltern nicht im Preis bemerkbar machen. Nachweislich ist die Schulverpflegung immer dann im Durchschnitt qualitativ hochwertiger, wenn sie kostenlos angeboten wird. Drückt der Preis für das Schulessen zu sehr auf ein ohnehin knappes Haushaltsbudget, wird automatisch die kostengünstigste Möglichkeit das Rennen machen. Auch deshalb ist die kostenlose Schul- und Kitaverpflegung ein sinnvolles Ziel. Dass und wie die Umstellung auf eine ökologisch nachhaltige, kulinarisch attraktive und sozialer gestaltete Gemeinschaftsverpflegung weitgehend kostenneutral möglich wird zeigt das Beispiel Kopenhagen (siehe Seiten 145 ff.).

Punktuelle Relokalisierung statt echter Transformation

Wie ausgeführt, können öffentliche Einrichtungen als Großabnehmer einen wichtigen Impuls setzen, um regionale Produzenten von ökologischen Lebensmitteln gezielt zu unterstützen. Sie schaffen damit eine stetige Nachfrage und sichern durch die damit verbundenen dauerhaften Lieferbeziehungen den bäuerlichen Betrieben eine sichere Einkommensgrundlage. Unterstützt werden dadurch nicht nur existierende Höfe; auch landwirtschaftliche Neugründungen werden attraktiver, wenn ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit mit der regelmäßigen Belieferung von Schulen, Kitas und öffentlichen Kantinen gewährleistet ist.

Sichere Einkommensperspektiven und gute Gewinnmöglichkeiten für regionale bäuerliche Betriebe zählen wiederum zu den wichtigsten Grundlagen, um ein Ernährungssystem auch für Produzenten sowie Arbeiterinnen und Arbeiter fair und gerecht zu gestalten. Eigentlich eine Binsenweisheit, die aber in unserem derzeitigen Ernährungssystem schlicht nicht Realität ist: Nur wer wirtschaftlich gut dasteht, kann auch die Familie gut ernähren, existenzsichernde Löhne zahlen und die Arbeitsbedingungen für alle fest oder saisonal Angestellten menschenwürdig gestalten.

Kurzum: Die Herausforderung bei allen Relokalisierungsbestrebungen besteht darin, eine gute Balance zwischen den Bedürfnissen von Erzeugern und Verbrauchern zu finden: faire Preise für die einen, bezahlbare Lebensmittel für die anderen.

Nicht alle Probleme lassen sich indes auf lokaler Ebene lösen, denn die Relokalisierung von Ernährungssystemen wird nach wie vor stark von kapitalistischen Marktrealitäten bestimmt. Sich allein auf lokaler Ebene davon lösen zu wollen wäre ein utopisches Unterfangen. Solange Lebensmittel wie jede andere Ware behandelt werden, sind lokale Ernährungsakteure genauso wie alle anderen Wirtschaftsakteure davon abhängig, wirtschaftlich tragfähig zu arbeiten. Wenn es nicht gelingt, gleichzeitig ein tragfähiges soziales Sicherungssystem zu schaffen – oder Reichtum gleichmäßiger zu verteilen –, wird die gleichberechtigte Teilhabe aller Bürger und Bürgerinnen immer ein von finanziellen Hürden geprägtes Spannungsfeld bleiben.

Auf lokaler Ebene gibt es einzelne Ansätze, diese Hürden zu überwinden, was aber die dringend nötige politisch betriebene Transformation des Gesamtsystems nicht ersetzen kann. Das Recht, frei von Hunger zu sein, sowie das weitergehende Recht auf Nahrung als Teil eines angemessenen Lebensstandards sind Menschenrechte, die im UN- Sozialpakt (Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte) verankert sind. Die Wahrung von Menschenrechten ist Aufgabe des Staates – wenn also immer mehr Menschen in Deutschland nicht mehr in der Lage sind, sich angemessen und in Würde zu ernähren, wie es das Menschenrecht auf Nahrung verlangt, handelt es sich um staatliches Versagen.


Bei diesem Artikel handelt es sich um ein Kapitel aus dem Buch "Genial lokal. So kommt die Ernährungwende in Bewegung" (oekom-Verlag, München 2018)

Veröffentlicht von

Christine Pohl