Storytelling: Örtchen ohne Orangen

Hommage an einen Paradiesgarten aus Kartoffeln-, Zwiebeln-, Rettich- und Weißkohlreihen, den kleinen, weißen Eierauberginen und die großen Dunkelblauen … Fleisch- und Rispentomaten.

Anant Kumar bei einer Lesung, © Anant Kumar

Prolog: Ob die Menschheit es bald einsehen möchte oder nicht, wird sie ausschließlich wegen ihrer Überlebensnöte in den bevorstehenden Zeitstufen immer weiter gezwungen, an ihre verheerenden Fehler der Gegenwart und Vergangenheit zu denken - voller Reue und in vielen Fällen mit dem Gefühl einer ausgelieferten Hilfslosigkeit.

Es gibt bereits Umdenken auf der globalen Bühne, wie z. B. im Bereich der Permakultur „The Panya Project“* in Rak Tamachat, Thailand von mehreren.

Möge die folgende Geschichte von einem kleinindischen Basar und einem frisch geborenen Kuhsöhnchen nicht nur als eine poetische Hommage, sondern vier mehr als ein ästhetischer Ansporn für die Querdenker auch in Rak Tamachat auswirken:

Örtchen ohne Orangen

Mein Vater hatte ja vielleicht etwas gegen die Orangen. Vielleicht, weil er uns – Mutter und Kindern – nie ausdrücklich sein Desinteresse an den gelben saftigen Früchten geäußert hatte. Jedenfalls brachte er nie Orangen mit nach Hause. Stattdessen türmten sich in der Küche Äpfel und Bananen auf. Dass die beiden, das heißt: Äpfel und Bananen, seine Lieblinge waren, wussten wir Kinder.

Wir hatten einen großen Hausgarten für Gemüse und Obst in jenem ostindischen Örtchen Motihari. Darin wuchs jede Menge saisonalbedingtes Gemüse, und am Rande des Feldes waren zahlreiche Bananenbäume gepflanzt.

Das riesengroße Binnenfeld unseres Hausgartens blieb im wahrsten Sinne des Wortes ein Gemüseparadies über alle sechs indischen Jahreszeiten: Kartoffeln-, Zwiebeln-, Rettich- und Weißkohlreihen, die kleinen, weißen Eierauberginen und die großen Dunkelblauen, Fleisch- und Rispentomaten! Da drüben die Okra-Parzellen und rechts daneben die Spinatblätter! Und nicht zu vergessen die betörenden Minzen- und Kräuteraromen, die vom Garten unmittelbar ins Wohnzimmer des Hauses hineindrängten.

Sobald Vater von der Arbeit nach Hause zurückkehrte, tobte er sich als Hobbygärtner, nein besser als Kleinbauer, unter seinen nicht gesprächigen, grünen Freunden aus. Die meisten Jahrestage erweisen sich in Nordindien als heiß oder heißer, und so liefen wir Kinder abends mit Wasserschläuchen durch die Reihen und um die Parzellen. Die Erde, die Obstbäume und die Gemüsepflanzen atmeten durchtränkt und dankbar ihre Düfte aus. Sie bescherten uns jeden Abend zusätzlich Überraschungen, die wir unmittelbar zu der Mutter in die Küche brachten.

Jahrelang hatten wir auf dem Hof eine mittelgroße, gutmütige, rote Kuh Lakshmi für unseren eigenen Milchbedarf, und ich nehme heute als Erwachsener dem Papa auch das übel, dass er mir nicht „Kühe melken“ beigebracht hatte. Viel mehr mussten wir Kinder brav die nie endenden Schulaufgaben abarbeiten. Laut meinem Gedächtnis muss Lakshmi ihren Jungen in der Nacht geboren haben, als wir, die Kinder, schon schliefen. Der Junge, mein Spielgefährte, war auf einmal da. Der ging mit seiner sanften Gemütsart nach der Mutter, und er war kein randalierendes Vieh. Immer wenn ich nach der Schule den Haushof betrat, ging ich zuerst zu ihm: „Na Freundchen! Alles klar?!“ streichelte ich seinen kleinen Kopf mit dem Anzeichen der aufkommenden Kinderhörner. Darauf rieb das Rind seinen Kopf an mir und leckte ein paar Male meine Wangen. Dabei beäugte uns Lakshmi friedlich derart, als ob wir beide ihre Jungs gewesen wären.

Da die regelmäßigen Obst- und Gemüseernten erfreulich große Mengen brachten, war einer von der Familie immer wieder in den herumliegenden Gemeinden unterwegs, den befreundeten Familien Gemüse- und Obstkörbe als Geschenke zu bringen. Umgekehrt schickten uns die Freunde die wechselnden Ernten ihrer Felder. Aber nicht am gleichen Tag. Die Sitte hätte so eine Geste als unhöflich oder aufdringlich empfunden.

An Nachmittagen sengender Hochsommermonate schwiegen die Äste, Zweige und Blätter der Litschi-, Mango- und Papayabäume auf dem Gehöft. Und alle armen und reichen Menschen ruhten sich innerhalb ihrer Hauswände oder unter einem Baumschatten aus, um sich nicht einen Hitzeschlag zu holen. Menschenstimmen ließen sich erst bei der Abenddämmerung allmählich vernehmen, als sich die Männer, Frauen und vor allem die Jugend scharenweise in ihren eigenen Gruppierungen bei der untergehenden Sonne in die Richtung des Abendmarkts begaben. Der tägliche Abendmarkt erreichte im Sommer seinen Höhepunkt um 20.00 Uhr, als die Einkaufsläden, Gemüse- und Obststände, Tee- und Imbisskioske und alles andere in der Lichtflut tausender Glühbirnen von jungen und alten Menschen umgeben waren.

In der heißen Monsungegend wachsen ja keine Äpfel. Sie kommen aus dem nördlichen Himalaja, wo das Klima gemäßigter und der Boden hügeliger ist.

Orangen wuchsen bei uns auch nicht. Sie kamen aus dem westlichen Teil Indiens zu uns. Es hieß, dass es in der Gegend von Nagpur viele Orangenplantagen gibt, aber ich habe als Kind keinen Orangenbaum gesehen, obwohl ich es mir so sehr wünschte: duftende Bäume voller saftiger Früchte!

Als Kind mochte ich sie sehr, auch weil der schwüle Sommer in Indien lange anhält – wie der nieselnde deutsche Winter. Daher schmachtete die trockene Kinderkehle nach süßem, frischem Orangensaft. Auch meine zweitälteste Schwester Mukta mochte Zitrusfrüchte sehr. Wir Geschwister pressten uns neckisch die prickelnden Säfte der Orangenschalen gegenseitig in die Augen. Das hielten wir für gesund für die Augen, genauso wie die Tränen beim Zwiebeln schneiden.

Orangen gab es nur gelegentlich zu Hause, wenn jemand anderer als Papa Früchte gekauft oder sie als Geschenk mitgebracht hatte.

Früchte vermochte man genug in Motihari zu kaufen. Mal ein wenig teurer, mal ein wenig günstiger. Auf dem Mina-Bazar, auf dem Marktplatz herumliegender Gemeinden, gab es unzählige Obstläden. Papa kaufte Früchte bei einem dicken reichen Händler an der Hauptstraße. Dieser Mann gefiel mir überhaupt nicht. Nicht nur wegen seines Riesen-Bauches, sondern vor allem wegen seiner Art. Der Dicke wirkte auf mich schon immer unsympathisch und geldgeil. Aber er hatte mehr Glück als die anderen Verkäufer. Die Lage seines Ladens war optimal, und der reiche und analphabetische Händler hatte gute Kundschaft aus den mittleren und reicheren Schichten.

Ich weiß bis heute nicht, was die einfachen Menschen jener bescheidenen Gemeinde am aufgeblähten Bauch und am noch aufgeblähteren Hirn jenes Händlers fanden. Ich vermute mal, dass da auch das alte Gesetz des Kapitalismus im Spiel war. Nämlich, dass das Geld einen interessanter und anziehender macht. So wurde der Reiche noch reicher. Ob sich allerdings auch sein Gehirn weiterentwickelte, darf bezweifelt werden.

Damals war jenes ostindische Örtchen Motihari von der großen Welt weit abgelegen. Es gab sehr wenige Menschen und sehr viele Mango- und Litschibäume, duftende Zitronensträucher, breite große Felder...

Die ostindische Kleinstadt Motihari1 war damals klein, hübsch und voller Geheimnisse. Im Gegensatz zum heutigen überfüllten Ort, dessen halb asphaltierte Straßen voller Löcher vom Chaos aller erdenklichen primitiven und modernen Transportmittel zu zerplatzen drohen, von Pferde- und Ochsenwagen, Fahr- und Motorrädern, indischen und halbindischen Autos (Suzuki, Daihatsu, Ford, Nissan, Volkswagen, BMW, Maruti, TATA, Hindustan Motors, Mahindra... ), Lastern und Bussen, Traktoren, Rikschas … Wasserbüffeln und Kühen …

Anmerkungen

*Tropical Permaculture www.youtube.com/watch

1 Wortwörtlich übersetzt würde „Motihari“ heißen: Ort, der seine Perlen verlor. George Orwell, Autor und britischer Kolonialbeamte, erblickte die Welt in dieser ostindischen Stadt (Bundesland Bihar), und Mahatma Gandhi startete 1917 Satyagrah, den gewaltlosen Widerstand.

Veröffentlicht von

Anant Kumar