Was macht die Stadt satt?

Was »regional« bedeuten soll, »wie viel Region« die Stadtversorgung braucht und warum mehr Agrobiodiversität nottut

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Woher werden in einem zukunftsfähigen Ernährungssystem die Lebensmittel stammen, die täglich in unseren Städten und Gemeinden verzehrt werden? Aus der Perspektive moderner urbaner Ernährungspolitik gibt es auf diese Frage nur eine, buchstäblich naheliegende Antwort: aus der Region natürlich! Und auf den ersten Blick scheint auch klar, was damit gemeint ist.

Die nähere Betrachtung zieht jedoch Anschlussfragen nach sich: Wo soll man zum Beispiel im konkreten Einzelfall die räumlichen Grenzen ziehen, die den Begriff der Region, wie er hier verstanden wird, zweckmäßig und sinnvoll definieren? Reden wir von 50 oder doch eher von 100 Kilometern und mehr im Umkreis einer Stadt? Und ab welchem Prozentsatz an Produktzutaten, die aus einer per Definition festgelegten Entfernung stammen, soll ein Produkt überhaupt als regional gelten dürfen?

Die Frage nach den räumlichen Grenzen dessen, was in Bezug auf die Nahrungsversorgung einer Stadt oder Kommune als urbane Umgebung oder Region definiert werden kann, stellt sich aber noch auch aus anderer Perspektive. Wer den Systemwandel anstrebt, muss im Voraus wissen, wie groß der Flächenbedarf für die Nahversorgung einer bestimmten Einwohnerzahl (jetzt und in der näheren Zukunft) sein wird und ob die ermittelte Größenordnung überhaupt zur Verfügung steht oder zumindest verfügbar gemacht werden könnte.

Dies führt schließlich zu Überlegungen, die unseren aktuellen Konsumstil genauso betreffen wie den der Zukunft – oder genauer: den wünschenswert zukunftsfähigen. Vermutlich wird die Mehrheit der Konsumentinnen und Konsumenten ihren Lebensmittelbedarf auch in Zukunft nicht ganz radikal auf lokal umstellen. Jedenfalls nicht so, dass der völlige Verzicht auf alles damit verbunden wäre, was in unseren Breiten nicht angebaut werden kann. Für Verfechter einer wirklich radikal interpretierten »Regionaldiät« zählen dazu nicht nur Kaffee, Tee, Kakao, Kokosnuss, Ananas und anderes mehr, sondern auch Zitrusfrüchte oder Olivenöl.

Gerechte Verteilung vorausgesetzt, werden in Zukunft jedem Erdbewohner maximal 2000 Quadratmeter Fläche für den gesamten Bedarf an landwirtschaftlich erzeugten Rohstoffen (zu Nahrungs- und weiteren Zwecken) zur Verfügung stehen. Wovon dann allerdings nur ein Teil als wohnortnah verfügbar in Betracht käme. Zu fragen wäre hier jedoch auch, wovon es jetzt und in Zukunft abhängt, wie groß dieser Anteil ist. Welchen Effekt zum Beispiel das prognostizierte Bevölkerungswachstum in den Städten haben wird, wie sich individuelle Konsum- und Ernährungsmuster auswirken und wie das Anbausystem den Flächenbedarf verändert, je nachdem, ob es vorwiegend auf ökologische Nachhaltigkeit setzt oder der konventionell agrarindustriellen Landwirtschaft verhaftet bleibt. Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich auch der Einfluss, den Stellgrößen wie individueller Fleischkonsum oder das Ausmaß der Lebensmittelverschwendung auf den ernährungsbedingten Flächenbedarf in einer bestimmten Region haben.

»Relokalisierte Nahrungsversorgung« – ein zentrales Ziel für den Systemwandel

Aus gutem Grund sehen Ernährungsrats-Initiativen eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste treibende Kraft für den zukunftsfä-higen Wandel in der »Relokalisierung« unserer urbanen Ernährungssysteme. Doch die Entwicklung geht noch immer in die entgegengesetzte Richtung, Produktion und Konsum werden räumlich und zeitlich immer weiter voneinander getrennt. Vor den Folgen dieser Trennung warnen immer mehr Wissenschaftler. Sie weisen darauf hin, dass dadurch Risiken wie der Klimawandel immer größer werden, wie auch die Abhängigkeit von globalen Märkten, die beide absehbar die Nahrungssicherheit auch in den Industrieländern bedrohen.

In der Theorie liegt der Ausweg aus dieser Sackgasse in einer konsequent lokal gegründeten Lebensmittelwirtschaft, die in erster Linie Menschen in ihrer Nähe versorgt. Unser jetzt noch weit überwiegend industriell geprägtes Anbausystem, das unter ständigem Wachstums- und Preisdruck steht und zu immer mehr Export in ferne Märkte zwingt, könnte so endlich der Vergangenheit angehören.

Doch die große Frage ist, ob und wo die jeweiligen örtlichen Ge-gebenheiten eine systematisch geplante Relokalisierung der Nahrungsproduktion und -versorgung tatsächlich zulassen. Und welche Konsumstiländerungen dazukommen müssen, damit ein wirklich grundlegender Systemwandel davon ausgehen kann. Aktuell suchen verschiedene Forscherteams Antworten auf solche Fragen. Ihre Daten und wissenschaftlichen Schlussfolgerungen können der Zivilgesellschaft, etwa in Gestalt von Ernährungsräten und verwandten Initiativen, ebenso wie der lokal, national und für Europa verantwortlichen Politik wichtige Grundlagen für die weitergehende ernährungspolitische Diskussion und zukunftsfähige Strategien liefern.

Chancen zur regionalen Versorgung von Rotterdam, Mailand, London und Berlin

Anfang 2018 veröffentlichte der Stadtplaner und Agrarwissenschaftler Ingo Zasada vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) im brandenburgischen Müncheberg gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern aus Großbritannien, den Niederlanden und Italien Ergebnisse einer groß angelegten Untersuchung. Im Fokus stand dabei die regionale Selbstversorgungskapazität von vier europäischen Metropolregionen: London, Rotterdam, Mailand und Berlin. Zasada und seine Kollegen wollten wissen, was genau die Voraussetzungen sind, unter denen die Einwohner der genannten Großstädte sich stärker mit regional erzeugten Lebensmitteln ernähren könnten. Wie viel Agrarfläche wäre heute nötig, um Berlin, Mailand, Rotterdam oder London ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen? Und wie viel im Jahr 2050, wenn voraussichtlich noch deutlich mehr Menschen in diesen Metropolen leben werden?

Die Ausgangslage für dieses Studiendesign erwies sich als in allen vier Regionen gut vergleichbar. Überall hat das globalisierte Nahrungssystem dafür gesorgt, dass nur ein Bruchteil der Lebensmit-tel, die in der Stadt konsumiert werden, vom nahen Land stammt. In allen Befragungen geben die Verbraucherinnen und Verbraucher der regionalen Herkunft ihrer Nahrungsmittel den Vorzug. Aber in der Realität werden ihnen die meist weit gereisten Produkte in ihrem Einkaufskorb einfach ungefragt aufgezwungen. Dabei wäre es allein schon deshalb vernünftiger, Nahrungsmittel dort zu produzieren, wo sie auch verbraucht werden, weil nicht zuletzt ihr Transport über weite Strecken den Klimawandel beschleunigt.

In einem ersten Schritt sichtete die Forschungsgruppe nationale Statistiken, die Auskunft über verbreitete urbane Ernährungsgewohnheiten sowie aktuelle Verbrauchsdaten zu Obst und Gemüse, Milchprodukten, Fleisch, Getreide und mehr geben. Daraus ermit-telte sie für jede der vier Regionen die Anbaufläche, die pro Person zu Ernährungszwecken beansprucht wird. Daten über die jeweilige Agrarproduktion, deren Ertrag von Klima, Boden und anderen lokalen Faktoren abhängt, flossen ebenso in die Berechnungen ein wie Flächenanteile für Lebensmittel, die nicht mit Rohstoffen aus europäischen Anbauregionen erzeugt werden können – zum Beispiel Kaffee, Tee oder Schokolade.

Auch der mengenmäßige Lebensmittelverbrauch pro Kopf und Jahr unterschied sich in den untersuchten Städten kaum: Er liegt ak-tuell im Schnitt bei rund 1000 Kilogramm. Dennoch werden dafür an die vier verschiedenen Regionen ganz unterschiedliche Flächenansprüche gestellt. In Berlin sind es unter gegenwärtigen Bedingungen 2052 Quadratmeter Ackerfläche, die beansprucht werden, in London 1862, in Mailand 2093 und in Rotterdam 1718 . Die Differenzen erklären die Forscher mit der Verschiedenheit der vorherrschen-den Ernährungsstile in den vier Metropolen.

Aus diesen Zahlen ergibt sich die Gesamtfläche, die zur Deckung des Nahrungsbedarfs der jeweiligen Stadtbevölkerung als Anbaufläche genutzt werden müsste. Und schon hier zeigt sich, welchen Einfluss allein die natürlichen Gegebenheiten auf die Chancen zur Selbstversorgung einer Stadt haben. Rotterdam (über 600.000 Einwohner), Mailand (über 1,2 Millionen Einwohner) und London (über acht Millionen Innenstadtbewohner und bald 23 Millionen Bewohner der Metropolregion) könnten ihre Nahrungsversorgung nicht auf eine ausreichend große Umlandfläche stützen. Weder jetzt noch 30 Jahre später, wenn die Bevölkerung weiter angewachsen sein wird. Dafür sind die Ränder dieser Städte zu dicht besiedelt, die Böden nicht fruchtbar genug, oder das verfügbare Ackerland wird durch Gebirge oder Meer begrenzt.

Berlin ist hier die Ausnahme mit sehr guten Zukunftschancen für die Relokalisierung des städtischen Ernährungssystems. Was den Flächenbedarf angeht, zeigen Zasadas Zahlen, dass die Berlinerinnen und Berliner ihren Nahrungsbedarf künftig problemlos mit regionalen Produkten decken könnten. Das Berliner Umland ist stark landwirtschaftlich geprägt und dünn besiedelt. Von den 14.600 Quadratkilometer Acker und Grünland, die in einem Radius von etwa 110 Kilometern um die Stadt zu finden sind, würde sogar schon die Hälfte, nämlich 7300 Quadratkilometer, ausreichen, um die Nahrungsversorgung vollständig durch regionale Erzeugnisse zu decken.

Wie die Abbildung auf Seite 26 zeigt, kann das Land Brandenburg genug produzieren, um auch Lebensmittel für Berlin bereitzustellen. Nur in wenigen Teilen des Bundeslandes kommen Werte für einen Selbstversorgungsgrad von unter 25 Prozent vor. Das liegt im einzelnen an Bevölkerungszahl und Siedlungsfläche (wie in Cottbus und Frankfurt/Oder), an großen Waldflächen (Eberswalde), an großen Wasserflächen (z. B. Brandenburg Stadt) oder an raumgreifenden Tagebauen wie in der Lausitz im Südosten Brandenburgs.

Für alle vier Städte wurden im Rahmen dieser Studie verschiedene Szenarien durchgerechnet mit jeweils unterschiedlichen Annahmen zu 1. Bioanbau, 2. Ernährungsweise, 3. Lebensmittelverlusten und 4. Bevölkerungsdichte. Wenig überraschend, benötigt konsequent ökologischer Anbau mehr Fläche, je nach Region zwischen 36  und 41 Prozent. Ein Mehrbedarf entsteht natürlich auch durch die bis 2050 geschätzte Zunahme der Bevölkerungsdichte, in den urbanen Kernzonen genauso wie in der Besiedlung ausgedehnter Randzonen.

Doch das individuelle Konsumverhalten hat hier noch viel größere Auswirkungen, etwa wenn mehr Fleisch gegessen wird oder mehr regionale Bioprodukte gekauft werden. Starken Einfluss hat zudem, in welchem Ausmaß Lebensmittel bei Anbau und Ernte, in der Verarbeitung, im Handel und in den Haushalten verschwendet werden. All dies sind wirkmächtige Stellschrauben, wenn es um zukunftsfähig begrenzte Flächenansprüche pro EinwohnerIn geht. So legen Zasada und seine Kollegen ihrem Szenario »Lebensmittelverluste« die Zahl von 17 Prozent für alle Nahrungsmittel zugrunde, die im Laufe der Produktions- und Handelskette verloren gehen, und weitere 14 Prozent für private Haushalte. Verschwendete Lebensmittel machen demnach über 30 Prozent der gesamten Produktion aus, die in den Bedarf verfügbarer Anbaufläche einkalkuliert wurden. Werden diese Verluste ganz oder wenigstens zum größten Teil vermieden, so die Studie, kann das den ernährungsbedingten Flächenfußabdruck (land footprint) sehr viel nachhaltiger verkleinern, als ihn andere Faktoren wachsen lassen.

Ernährungssicherheit für Berlin

Was den engen Zusammenhang städtischer Ernährungsmuster mit dem Flächenbedarf und entsprechenden regionalen Versorgungskapazitäten für die Stadt Berlin angeht, waren Wissenschaftler der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg schon 2017 zu teilweise vergleichbaren Ergebnissen gekommen. Esther Hönle, Toni Meier und Olaf Christensen lenken den Blick in ihrer Studie zunächst auf die Diskussion, die sich um die weltweite Ernährungssicherung dreht. Ihre Begründung für diesen Ausgangspunkt ist einleuchtend: »Die zukünftige Welternährungssicherung wird häufig im Hinblick auf Bevölkerungswachstum und Klimawandel diskutiert. Dabei gelten die Länder des globalen Südens als besonders vulnerabel (verletzlich) . Ernährungssicherheit ist jedoch auch für den globalen Norden aufgrund der zunehmenden Bevölkerungskonzentration in Städten von besonderer Aktualität. Dabei steht nicht Nahrungsknappheit, sondern die ›Delokalisation‹ von Produktion und Ernährung im Vordergrund, welche die Stadt stark von externen Faktoren abhängig macht.«

Vor diesem Hintergrund verglichen die WissenschaftlerInnen den Berliner Flächenbedarf bei heutigen Ernährungsgewohnheiten mit den regionalen Flächenkapazitäten der Umgebung und untersuchten Handlungsoptionen zur Verringerung der ermittelten Flächenansprüche. Ihr Fazit: Knapp zwei Drittel der benötigten Agrarfläche für den Bedarf der Berlinerinnen und Berliner stünden im Inland zur Verfügung. Ein großer Teil davon direkt vor den Toren der Stadt. Rein fl ächenbezogen wäre die Umstellung auf mehr regionale Versorgung Berlins also kein Problem, darin stimmt die Untersuchung prinzipiell mit Ingo Zasadas Schlussfolgerungen überein. Allerdings geben Hönle, Meier und Christensen zu bedenken, dass die Fläche, die gegenwärtig zur Ernährung einer Person gebraucht wird, noch deutlich größer ist, als ökologisch verträglich wäre.

Daraus ergeben sich Fragen nach der Resilienz (Widerstandsfähigkeit) des städtischen Ernährungssystems und nach den regionalen Versorgungsmöglichkeiten. Notwendige Bedingung für einen zukunftsfähigen Wandel wäre aus Sicht der Forscher etwa, die heute zu Ernährungszwecken pro Kopf beanspruchte Fläche deutlich zu reduzieren und damit die Umweltbelastung zu senken. Was besonders effektiv mit weniger Fleischverbrauch und drastisch verringerter Lebensmittelverschwendung erreichbar wäre.

Weiterhin stellen die Forscher fest, »dass auch ein Umdenken in der inländischen (regionalen) Produktion nötig wäre, um die Selbstversorgungskapazität Berlins zu erhöhen«. Denn bisher bauen viele Brandenburger Landwirte nur wenige Kulturen an, in der Hauptsache Mais, Raps und Weizen. Das meiste davon trägt aber weder zur Nahrungsversorgung der Berliner Bevölkerung noch zu einer im Lande bleibenden Wertschöpfung bei. Es füllt stattdessen Futtertröge oder speist Tanks und Heizkessel. Für den menschlichen Genuss gedachte Kulturen, vor allem Obst, Gemüse, Nüsse oder Hülsenfrüchte, sind dagegen viel zu selten. Ausreichend Flächen für einen zukunftsfähigen Kulturwechsel im Brandenburger Landbau wären jedenfalls vorhanden. Und, so betonen die Forscher ausdrücklich, für die Verbraucherinnen und Verbraucher müsste mit einer neuen, stärker auf lokale Produkte gestützten Esskultur ja keineswegs der komplette Verzicht auf Kiwis, Kakao oder Kaffee einhergehen.

Könnte Hamburg 100 % regional und bio essen?

Eine Studie der Hafen City Universität Hamburg kam Ende 2016 zu dem Ergebnis, die Hamburger Region könnte zu hundert Prozent mit Biolebensmitteln aus einem 100-Kilometer-Radius versorgt werden. In ihrer Studie ermittelte Sarah Joseph den Flächenbedarf für verschiedene Hamburger Ernährungsweisen.

Zwei Faktoren waren für ihre Berechnung von zentraler Bedeutung. Zum einen die Bevölkerungsdichte: Sie ging von einem Umlandradius von 100 Kilometern aus, in dem 293 Einwohner pro Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutzfläche leben. Zum anderen der Fleischkonsum pro Kopf und Jahr, weil dieser den größten Einfluss auf die beanspruchte landwirtschaftliche Fläche hat. Es zeigt sich, dass ökologische Produktion zwar mehr Fläche braucht, es aber dennoch möglich wäre, die Bevölkerung aus einem Umkreis von

100 Kilometer Radius rund um Hamburg vollständig mit regional erzeugten Biolebensmitteln zu versorgen, wenn drei Viertel der landwirtschaftlichen Flächen der Region für den Anbau ökologischer Nahrungsmittel genutzt würden. Vorausgesetzt, die Hamburgerinnen und Hamburger ließen beim Essen an zwei, besser noch an drei oder vier Tagen der Woche das Fleisch weg.

Mit ihren Empfehlungen für den nötigen landwirtschaftlichen Umstellungsprozess bricht Sarah Joseph schließlich eine Lanze für alternative Ernährungsnetzwerke, vor allem für verschiedene Formen von Erzeuger- Verbraucher-Gemeinschaften. Unter anderem seien sie in der Lage, die Zahlungsbereitschaft für regionale ökologische Lebensmittel zu erhöhen und damit zugleich für mehr Fairness bei Erzeugerpreisen und Löhnen zu sorgen.

Millionenmetropole Wien: Weltmeisterin der regionalen Gemüseversorgung

In Österreichs Hauptstadt hat das Umweltbundesamt 2017 den Bedarf und die Verfügbarkeit von regional angebautem Gemüse analysiert. Die Pilotstudie fand im Auftrag der Landwirtschaftskammern Wien und Niederösterreich, der niederösterreichischen Landesregierung sowie der Wiener Umweltschutzabteilung statt. Sie hatte das erklärte Ziel, mit ihren Daten zur Optimierung der regionalen Versorgung beizutragen. Das im Sommer des Jahres verö ffentlichte Ergebnis erlaubt den Schluss, dass »der Gemüsebedarf von 2,5 Mio.

Einwohner(inne)n in Wien und den Umland-Gemeinden bereits jetzt regional gedeckt werden« kann. Umweltstadträtin Ulli Sima äußerte sich in der Presse sichtlich stolz auf ihre Stadt: »Als einzige Millionenmetropole weltweit können wir uns mit Gemüse selbst versorgen. Dazu kommen der hohe Genussfaktor und die garantierte Gentechnikfreiheit der heimischen Produkte. Lokale Produktion sichert zudem Arbeitsplätze und kurze Transportwege schonen die Umwelt.«

In der Studie wurden exemplarisch drei Lebensmittelpfade untersucht: der Außer-Haus-Verzehr – dazu zählen Großküchen und die Gemeinschaftsverpflegung –, der Lebensmitteleinzelhandel und die Direktvermarktung. Darüber hinaus wurden Vertreter und Vertreterinnen aller drei Sektoren nach Absatzmengen und nach ihrer Sicht auf Potenziale ebenso wie auf mögliche Lieferengpässe befragt. Danach scheint in erster Linie der Bedarf an Zwiebeln und Karotten gut aus der Region gedeckt zu werden. Gemüseangebote außerhalb der regionalen Erntezeiten und für verarbeitete Produkte sind jedoch meist Importware. Vor allem in der Außer-Haus-Verpflegung fehlt oft noch jeder Hinweis auf die Herkunft.

Seine Studie beweise, sagt das Umweltbundesamt, dass der Bedarf an Gemüse in Wien und seinem Umland mengenmäßig – ungeachtet der Sorte – durch die Ernteerträge in der Region gedeckt werden kann. Es werden jährlich sogar etwa 80.000 Tonnen Gemüse mehr produziert, als benötigt werden. Die Nachfrage nach bestimmten Sorten ist allerdings größer als das Angebot. Dazu zählen Champignons, Blumenkohl und andere Kohlsorten, Melonen, Paprika, Pfefferschoten, Tomaten, Rote Bete, Salat und Zucchini. Andere Gemüsearten werden dagegen im Überschuss produziert und aus Wien sowie den Umlandgemeinden exportiert, etwa Erbsen, Karotten, Weißkohl, Sellerie, Spargel, Spinat und Zwiebeln. Ließen die Wiener allerdings das eine oder andere Schnitzel zugunsten von mehr Gemüse weg, müsste dessen Anbau im Umland leicht zulegen. Damit entstünde nämlich ein zusätzlicher Bedarf von etwa 20.000 Tonnen im Jahr.

Freiburg, einst regionale »Wiege des Ökolandbaus«, isst heute eher global

Die Stadt Freiburg ließ als Erste in Deutschland die Frage untersuchen, welchen Anteil regionale Produkte am Lebensmittelkonsum ihrer Einwohner haben. Die im Mai 2016 veröffentlichten Daten, die Heidrun Moschitz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) in Frick gemeinsam mit einer Reihe Fachkolleginnen gesammelt und analysiert hat, zeigen: Die Region versorgt die Freiburgerinnen und Freiburger derzeit nur mit 12 bis 20 Prozent, während der Löwenanteil vom globalen Markt stammt! Dabei sind die ermittelten Anteile von regionaler oder globaler Herkunft in den einzelnen Produktgruppen sehr unterschiedlich. Guten Absatz finden Rindfleisch (zu rund 80 Prozent regionaler Herkunft) und Milch (Regionalanteil immerhin 70 Prozent) aus dem näheren Umfeld (laut Moschitz aufgrund historisch gewachsener und noch intakter Strukturen). Obst und Gemüse hingegen stammen je nach Sorte nicht selten zu 80 bis über 90 Prozent von weiter oder sehr weit her. Letzteres übrigens trotz historischer Strukturen, deren Biobetriebe in den 1960er Jahren als »Wiege des Biolandbaus in Deutschland« gerühmt wurden.

Für die Erhebung der Daten wurden insgesamt 121 Produzenten, Händler und Großverbraucher Freiburgs befragt. Das Freiburger Umweltdezernat sprach anlässlich der Veröffentlichung der Studie von einem Appell an die Stadt, ihre Konsumenten und die regionalen Erzeuger einander näherzubringen. Es moniert, dass das Konsumverhalten und der Lebensstil, den die genannten Zahlen offenbaren, den kommunalen Klimaschutz- und Nachhaltigkeitszielen entgegenstehen. Da dem Bereich der Ernährung rund ein Drittel aller Kohlendioxid Emissionen zuzuschreiben sei, liefere die Studie nun aber wichtige Grundlagen für Aktionen der Stadtverwaltung, um die nachhaltige Produktion und Distribution regionaler Lebensmittel zu fördern.

Regionale Versorgung für Basel: »gering bis mittel« gesichert

Ebenfalls 2016 hat das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) auch eine aktuelle Nachhaltigkeitsbewertung des Ernährungssystems der Stadt Basel vorgelegt. Im Rahmen des Projekts »Ernährungssystem Basel« analysierten Heidrun Moschitz, Jan Landert, Christian Schader und Judith Hecht das städtische Ernährungssystem mit all seinen Akteurinnen und Akteuren im Detail. Ihre Ergebnisse belegen zwar vielfältige Beziehungen der landwirtschaftlichen Betriebe im Kanton zur Baseler Bevölkerung. Damit ist aber nur teilweise die Direktvermarktung ihrer Produkte gemeint, andere Verbindungen entstehen im Bereich Landschafts- und Naturschutz und wieder andere durch Angebote für die Freizeitgestaltung und Bildung der Städterinnen und Städter (z. B. »Schule am Bauernhof«).

Auch die Nachhaltigkeit der Verwaltungsaktivitäten in und um Basel wurde bewertet, in 51 Themengebieten anhand von 97 verschiedenen Nachhaltigkeitsindikatoren. Die Studie fand dabei viele gute Ansätze, benannte aber auch einiges an Verbesserungspotenzial. So werden beispielsweise die Unterstützung des regionalen Biolandbaus und die Bevorzugung saisonaler Produkte und vegetarischer Mahlzeiten an Schulen gelobt. Zugleich monieren die Wissenschaftlerinnen, dass »die Lohngleichheit in den untersuchten Betrieben noch nicht überall gleichermaßen adressiert wird und generell der Anteil von Bio- und Fair-Trade-Produkten noch gering ist«. Ebenso werden große Lücken in der ökologischen Nachhaltigkeit des gesamten städtischen Konsums konstatiert.

Die Nachhaltigkeitsbewertung habe gezeigt, sagen Moschitz und ihre Kollegen, dass im Kanton Basel bereits heute eine Vielzahl von Maßnahmen in Richtung einer nachhaltigen Ernährung umgesetzt werden und der Kanton diesbezüglich sogar über seine Stadtgrenzen hinaus politisch Einfluss nimmt, mit dem erklärten Ziel, den ökologischen Fußabdruck des urbanen Ernährungssystems in produktiver Kooperation mit der ländlichen Region des Kantons zu verkleinern. Was die regionale Landwirtschaft aber tatsächlich zur Versorgungssicherheit der Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln beiträgt, schätzen die FibL-Wissenschaftler insgesamt doch eher als »gering bis mittel« ein.

Die Datenbasis zur Diskussion regionaler Ernährungsstrategien ist da!

So verschieden die wissenschaftlichen Blickwinkel auch sein mögen, unter denen die Chancen für eine zukunftsfähige regionale Nahrungsversorgung der hier genannten acht Städte betrachtet und bewertet wurden, in der generellen Tendenz ihrer Schlüsse sind sich die Wissenschaftler relativ einig: Der wachsenden Delokalisation von Lebensmittelproduktion und Konsum muss unverzüglich mit einem zukunftsfähigen Wandel urbaner Ernährungssysteme entgegengewirkt werden. Und dabei kommt der Relokalisierung der städtischen Nahrungsversorgung ohne Zweifel die Hauptrolle zu. Die Frage ist, wie und in welchen Zeiträumen diese im Einzelnen umzusetzen ist, von welchen Maßnahmen die stärksten Impulse ausgehen und welche konkreten örtlichen Bedingungen dabei förderlich oder begrenzend sind. Die zur Verfügung stehenden Daten liefern dafür jedenfalls schon jetzt eine ziemlich konkrete Diskussionsbasis.

Und so wollen die Forschungsgruppen ihre Empfehlungen zumeist auch verstanden wissen: als relevante und vor allem belastbare Datenbasis für zivilgesellschaftliche Gruppen und Verbände, die ihre ernährungspolitischen Forderungen damit sachlich fundierter begründen können. Und als Planungsgrundlage für Stadtverwaltungen und Kommunen, auf die sich ihr Entwurf einer zukunftsfähigen und zugleich politisch durchsetzbaren lokalen Ernährungsstrategie stützen kann.

Mut zur Wende ist gefragt!

Doch auch den folgenden Gedanken legen die hier diskutierten Studienergebnisse nahe: Die von Ernährungsräten geforderte Umstellung auf ein deutlich höheres Maß an lokaler Lebensmittelerzeugung für unsere Städte verlangt denen, die sie politisch umsetzen, nicht nur die Bereitschaft zur Innovation oder wissenschaftlich gestützte strategische Planung ab. Ganz sicher fordert ein solcher Prozess auch viel Beharrlichkeit und noch mehr Mut von den jeweils verantwortlichen Volksvertretern und -vertreterinnen. Denn nicht alle Beteiligten werden die nötigen Änderungen uneingeschränkt und von Herzen begrüßen.

Zum Beispiel die großen Discounter und Supermarktketten. In Deutschland teilen rund 15.000 Discountmärkte (wie Aldi, Lidl, Netto und Penny) und über 10.000 konventionelle Supermärkte (wie Rewe, Edeka, Kaufland, Hit oder Nahkauf ) je nach Einzugsgebiet zwischen 90 bis 95 Prozent der gesamten Lebensmittelversorgung der Bevölkerung unter sich auf. Ihr Verständnis von Nähe hat jedoch so gut wie nichts mit den Zielen einer regional gedachten Nahrungsversorgung von Stadtbevölkerungen zu tun. Die Berechtigung, sich selbst offensiv als Nahversorger mit Frischegarantie zu bewerben, leiten sie allein daraus ab, dass sie den Anwohnern ihrer Verkaufsstandorte ihr überwiegend von fernen Märkten stammendes Lebensmittelangebot nahebringen.

Dass auch ihre Kundschaft neuerdings mehr Wert auf Bio- und Fair-Trade-Produkte legt und vermehrt nach Lebensmitteln regionaler Herkunft fragt, beantworten Supermärkte und zunehmend auch die Discounter mit einem wachsenden Angebot entsprechend gekennzeichneter Waren. Dabei geht es ihnen allerdings nicht so sehr um zukunftsfähige Versorgung, sondern vielmehr um ihre Marktanteile. Weshalb in aller Regel nicht mehr als der Mindeststandard des staatlichen oder des EU-Bio -Siegels geboten wird und »von hier« oder »aus der Region« oft nicht mehr als die nationalen Landesgrenzen meint, egal, wie lang der tatsächliche Transportweg jeweils gewesen ist. Nach den strengen Regeln der Öko-Anbauverbände hergestellte Produkte sind dabei ebenso seltene Ausnahmen wie wirklich in der näheren Umgebung (also in nicht mehr als ca. 150 Kilometer Entfernung) erzeugte.

Stadtverwaltungen, die Ernst machen wollen mit der relokalisierten Versorgung ihrer Kommune, müssen sich also aktiv kümmern, unter anderem um die Ansiedlungschancen und die wirtschaftliche Förderung regionaler Bioerzeuger, kleinerer Verarbeitungsbetriebe und den Bioeinzelhandel und die Vermarktungswege. Sie sollten auch offiziell festlegen, was in einem zukunftsfähigen Ernährungssystem »regional« heißen darf und was nicht. Damit würden sie unter anderem dem Richtlinienentwurf der EU-Kommission vom April 2018 folgen, der unfairen Handelspraktiken in den Lieferbeziehungen der Discounter- und Supermarktunternehmen zu kleinen regionalen Lieferanten (im In- und Ausland) einen Riegel vorschieben und sie so vor ausbeuterischen Methoden der Großeinkäufer schützen soll. Es ist allerdings kaum anzunehmen, dass der konventionelle Lebensmittelhandel seine dadurch eventuell geschmälerten Marktanteile kampflos aufgibt.

Vielfalt und Qualität machen »Ökodiktate« überflüssig

Andere Einwände könnten vonseiten derer kommen, für die eine nur teilweise Selbstversorgung der Städte aus der nahen Umgebung nicht weit genug geht. Oder von jenen, die befürchten, sie könnte zu weit gehen, weil die damit verbundene Beschränkung auf heimische Feld- und Gartenfrüchte der Saison sie in den kälteren Jahreszeiten auf ein extrem dürftiges und monotones Speisenangebot festlegen werde. Da fällt schnell mal das böse Wort von der Ökodiktatur, und der eine oder die andere sieht den viel gescholtenen »Veggieday« von Neuem um die Ecke kommen.

Um in dieser Debatte Boden gutzumachen, ist Fingerspitzengefühl für die ernährungspolitische Kommunikation gefordert. Sie sollte vor allem klarmachen, dass weder Ernährungsräte noch Stadtverwaltungen den Wienern die Schnitzel, den Berlinern die Curry- oder den Münchnern ihre Weißwürste streitig machen wollen, und dass auch in Zukunft keine kommunale Küche den ganzen Winter lang Kohlsuppe servieren will.

Dafür muss das Fleischangebot besser werden und vor allem von Erzeugern stammen, die ohne Tierquälerei und Genfutter produzieren. Zugleich sollten Fleischgerichte endlich mehr ernst zu nehmende Konkurrenz bekommen. Und zwar durch ein tägliches Angebot appetitlicher pflanzlicher Mahlzeiten, die mindestens genauso satt und zufrieden machen, weil sie von exzellent ausgebildeten vegetarischen Kochprofis zubereitet wurden. Wie man das hinbekommt, lässt sich von einschlägigen Beratern lernen.

Umdenken macht klar zur Wende!

Um das lokale Angebot für eine erneuerte urbane Esskultur bereitstellen zu können, bedarf es allerdings mehr. Das lenkt den Blick noch einmal auf die Forderungen, die Esther Hönle und ihre Kollegen von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg für die Neuausrichtung des Anbausystems im Berliner Umland erhoben haben. Sie legen ein Umdenken hinsichtlich der Kulturen und des Fruchtwechsels nahe und meinen damit zugleich auch das Umdenken des Handels und der Konsumentinnen und Konsumenten. Der gegenwärtige Mangel an Diversität bei den Feld- und Gartenfrüchten müsste einer Vielfalt standortangepasster Sorten weichen, wozu in jedem Fall auch der bodenverbessernde Fruchtwechsel und die wieder deutlich vermehrte Kultur von Hülsenfrüchten gehörten.

Größere lokale Agrobiodiversität (also die nicht arten-, sondern sortenbezogene Biodiversität im Anbau von Kulturpflanzen) zurückzugewinnen ist nicht nur notwendig, um unsere Nahrungsversorgungssysteme resilient zu machen, also widerstandsfähig gegen Krisen. Sie bietet auch mehr kulinarische Vielfalt über den gesamten Jahreslauf, was dann der gegenwärtig wahrlich nicht ganz unbegründeten Furcht vor winterlicher Kohl- und Rübenmonotonie entgegenzuhalten wäre. Schon ein Blick in das gut sortierte Küchengartenbuch der Henriette Davidis von 1877 genügt, um zu verstehen, auf welchem Niveau Abwechslung auf dem Teller durch ein ganzjährig vorausgeplantes lokales Sortenmanagement einst bei uns möglich und üblich war. Nicht zuletzt, um dies in Erinnerung zu bringen, ist das Buch übrigens vor einigen Jahren neu aufgelegt worden.

Die Sortenverzeichnisse und Saatgutangebote von Initiativen wie »Dreschflegel« oder dem »Kultursaat e. V.«, den »Vereinen zur Erhaltung und Rekultivierung alter Nutzpflanzen in Deutschland« (VEN e. V. und VERN e. V.), »Pro Specie Rara« in der Schweiz oder »Arche Noah« in Österreich verweisen heute darauf, aus welchen Quellen sich die kulinarische Identität der Regionen künftig wieder speisen könnte. Vorausgesetzt, die Städte und Kommunen machen auch die Entwicklung und Förderung gemeinwohlorientierter Saatgutsysteme zu ihrer Sache und fordern Bund und Länder mit dazu auf, die Macht der globalen Saatgutriesen, die solche Initiativen klein hält, gesetzgeberisch einzuschränken. Wenn im Saatgutbereich der Zukunft nicht die »marktkonforme Demokratie« des Neoliberalismus unsere Einkaufskörbe beherrschen soll, sondern eine Ernährungsdemokratie, die der Bevölkerung die Bestimmungsmacht über ihre Teller zurückgibt, dann müssten die neuen Open Source Seeds überall zum bevorzugten Saatgut der lokalen Ernährungswende werden. Damit ist Saatgut gemeint, das aus einer gemeinnützigen ökologischen Saatzucht stammt, welche ihr Lizenzrecht nicht auf den privatwirtschaftlichen Profit zuschneidet, sondern auf den offenen Umgang mit Saatgutsorten als einem zum allseitigen Nutzen entwicklungsfähigen Gemeingut.

Kein Verzicht, dafür Vorfreude auf saisonalen Genuss!

Viele Forscher betonen, wenn der Flächenanspruch pro Kopf sozial und ökologisch vertretbar reduziert würde, dann bedeute das keineswegs zwingend den Verzicht auf Kaffee, Kokos und Kakao oder den auf Orangen und Olivenöl. Vor dem Hintergrund der gerechten Verteilung von Erwerbschancen in der globalen Lebensmittelproduktion erschienen derart restriktive Forderungen ohnehin nicht angemessen.

Gleichwohl muss eine lokale Ernährungspolitik für die Zukunft geeignete Rahmenbedingungen schaffen, die der fast vollständigen Abschaffung der Jahreszeiten im Supermarktregal entgegenwirken. Das derzeitige Obst- und Gemüsesortiment scheint zwar reichhaltig. Weil es jedoch vorwiegend vom globalen Markt stammt und jede Lücke, die regional unterschiedliche Erntezeiten bedeuten würden, einfach durch Importe überbrückt, verbraucht es einfach zu viel kostbare Ressourcen. Umso mehr, wenn ein Drittel davon nie zum Verzehr kommt.

Doch zu guter Letzt sind mit dem Appell zum Umdenken auch wieder die Konsumentinnen und Konsumenten und ihre individuelle Esskultur angesprochen. Auch hier geht es um weit mehr als die komplette Verwertung alles Wertvollen oder die Rückkehr zum Sonntagsbraten. Warum nicht zum Beispiel als echte Spargelkennerin schmackhafte alte Regionalsorten den faden Hybriden aus Holland vorziehen und von sich aus auf eine vorgezogene Ernte verzichten, die weite Flächen im Umland unter hässlichen, lebensfeindlichen Folien verschwinden lässt? Warum nicht im Norden die schöne Bezeichnung »Südfrüchte« wieder zu Ehren kommen lassen und reif geerntete und daher zuckersüße, aromatische Orangen aus Kalabrien als Luxus betrachten, den man sich zur Erntezeit im Dezember als Festtagsgenuss leistet? Und wie wäre es mit der Renaissance der Apfelstiege im eigenen Vorratskeller? Bäume mit lagerfähigen alten Apfelsorten, die niemand sonst mehr leer pflückt, finden moderne »Mundräuber« auf mundraub.org im Umland vieler Städte.

Diese Reihe praktischer Beispiele ließe sich mühelos weiter verlängern. Aber auch schon die genannten zeigen, dass der persönliche Ausstieg aus »Konsumschuhen«, die viel zu große Flächenfußabdrücke hinterlassen, nicht nur keinen Verzicht bedeuten muss, sondern sogar mehr Genuss verspricht.

Der Text ist das erste Kapitel des kürzlich beim oekom Verlag erschienen Buches "Genial lokal. So kommt die Ernährungswende in Bewegung“ von Gundula Oertel, Christine Pohl und Valentin Thurn.

Veröffentlicht von

Gundula Oertel