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Bürgerbündnis erkämpft öko-soziale Landvergabe

Die Europäische Union bestimmt die großen Linien der Agrarpolitik. Aber auch lokal können wir viel Boden für den Ökolandbau gut machen. Kommunen und Bundesländer besitzen riesige Agrarflächen. Weitere 600.000 Hektar Land gehören der Kirche. Die öffentliche Hand sollte Vorreiter sein und ihre Flächen künftig nur noch nachhaltig verpachten.

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Flächen / Boden
Übergreifend
Aktion auf dem Acker Unser Land schafft Wandel

© Unser Land schafft Wandel e.V.

Öfffentliches Land bietet eine riesige Chance für eine naturverträgliche Landwirtschaft, sagt Björn Pasemann, Koordinator vom Aktionsbündnis "Unser Land schafft Wandel". Das hat in Greifswald ein umweltgerechtes und gemeinwohlorientiertes Pachtverfahren durchgesetzt.

 

Oekolandbau.de: Rund 60 Prozent der Agrarflächen in Deutschland werden verpachtet. Hat Greifswald auch viel Pachtland oder was war der Anlass, ein Aktionsbündnis zu gründen?

Björn Pasemann: Die Stadt Greifswald verpachtet rund 4.700 Hektar Landwirtschaftsflächen. Mit den Flächen der Universität und der Kirche werden sogar über 10.000 Hektar verpachtet. Öffentliches Land gehört letztlich allen Bürgerinnen und Bürgern. Das bietet eine riesige Chance, etwas für die Biodiversität und das Gemeinwohl zu tun. Um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben sich Bürger, örtliche Umweltschutzorganisationen und das Bündnis Junge Landwirtschaft zusammengeschlossen. Aber wir wollten nicht nur reden, sondern konkret etwas gegen das Artensterben in der Landschaft unternehmen. Daher haben wir einen Verfahrensvorschlag und ein Punktesystem für die Landvergabe entwickelt. Das hat das Stadtparlament weitgehend übernommen.

Oekolandbau.de: Wie läuft die Landverpachtung praktisch ab?

Pasemann: Der Zugang zu Land ist eine Kernfrage in der Landwirtschaft. 24 Monate bevor ein städtischer Pachtvertrag ausläuft, schreibt die Stadt ihre landwirtschaftlichen Nutzflächen öffentlich im Stadtblatt und Internet zur Pacht aus. Wichtig war es uns, dass Vergabeverfahren transparent zu gestalten. Die Pachtbewerberinnen und Pachtbewerber machen im Pachtantrag, einer Art Bewerbungsformular, Angaben zu den Kriterien. Wer die Kriterien am besten erfüllt, erhält den Zuschlag.

 

Oekolandbau.de: Wie haben Sie den Gemeinderat von Ihrem Verfahren überzeugt?

Pasemann: In der Politik war schon ein gewisses Bewusstsein für den Landbesitz der Stadt vorhanden. Dennoch stieß unser Vorschlag in der Stadtverwaltung und bei großen Pächtern auf Widerstand. Deshalb haben wir monatelang Druck ausgeübt: Wir haben für unsere Anliegen demonstriert und mit vielen kreativen Aktionen geworben: vor dem Rathaus und auf dem Acker. Wir haben Infoveranstaltungen organisiert, eine Petition gestartet und direkt mit Politikerinnen und Politikern geredet. Vor der Kommunalwahl haben wir die Parteien zu ihrer Position befragt und ihre Meinungen dokumentiert. All das hat geholfen. Im November 2019 hat die Bürgerschaft die Landvergabe neu geregelt.

 

Oekolandbau.de: Wie sollten andere Umwelt- oder Verbraucherinitiativen vorgehen?

Pasemann: Der Umgang mit öffentlichem Land gehört endlich auf die Agenda der Politik. Zunächst muss man herauszufinden, wie viel landwirtschaftliche Flächen Kommunen, Kirchen und andere öffentliche Institutionen verpachten. Wie viel davon ist bereits in Hand von Bio-Betrieben und wie lange laufen die Pachtverträge? Diese Fragen lassen sich am besten über eine kleine parlamentarische Anfrage beantworten. Gleichgesinnte sollten sich zu einem breiten Bündnis zusammenschließen. Wir hatten ein Kernteam von zehn Menschen, aber viel mehr Unterstützer. Gemeinsam können Sie einfach mehr Druck und Aktionen machen. Es gilt, die Landvergabe zu reformieren, Pachtpreissteigerungen zu verhindern und Pachtverträge naturverträglich zu gestalten. Wo wenn nicht auf öffentlichem Land sollte damit begonnen werden, der Biodiversitäts- und der Klimakrise entgegenzusteuern?

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Mit Bündnissen von Landwirten, Umweltinitiativen und Verbrauchern lässt sich die öffentliche Landvergabe in Kommunen und eventuell Kirchen neu und besser regeln.

Hintergrund

Flächen sind teuer und knapp "20 Prozent Ökolandbau bis zum Jahr 2030" – lautet das Ziel der Bundesregierung entsprechend der Nachhaltigkeitsstrategie. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Bio-Betriebe, die sich vergrößern wollen oder Neueinsteigerinnen und Neueinsteigern finden kaum mehr Land. Die Pacht und Bodenpreise sind in Deutschland in den letzten Jahren explodiert. Laut Statistischem Bundesamt erhöhten sich die für landwirtschaftliche Grundstücke gezahlten Durchschnittspreise in den vergangenen Jahren von 2009 bis 2018 auf das 2,3-Fache. Außerdem hat sich Boden zum Spekulationsobjekt entwickelt. Eine Studie des Thünen-Instituts untersuchte 853 Agrar-Firmen in zehn ostdeutschen Landkreisen. Bereits ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe gehörten dort Ortsfremden.