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Die ganze Welt auf einem Acker

Das Bildungsprojekt Weltacker macht uns das komplexe Thema Welternährung schmackhaft: Hier wächst auf kleiner Fläche fast alles, was wir verzehren, verfüttern, verarbeiten und verheizen. Beim Rundgang erleben Jung und Alt exotische Früchte wie Erdnuss und Baumwolle und erkennen: mit unserem Konsum beeinflussen wir, ob die Weltbevölkerung satt werden kann.

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Besucherin Weltacker

Besucherin auf dem Weltacker © Jutta Schneider-Rapp

Der Überlinger Weltacker wirkt auf den ersten Blick wie ein botanischer Garten. Hier wachsen Exoten wie Baumwolle und Erdnüsse neben heimischen Gemüsegrößen wie Zwiebel, Kohl und Co. Das bunte Miteinander folgt einem genauen Plan. Auf 2000 Quadratmeter Fläche stehen die vierzig wichtigsten Ackerkulturen der Welt. Die Zahl macht Sinn: die weltweite Ackerfläche von 1,45 Milliarden Hektar geteilt durch 7,5 Milliarden Menschen ergibt rund 2000 Quadratmeter. So viel fruchtbares Ackerland steht uns pro Kopf zu. Darauf muss alles wachsen, was uns ernährt und versorgt: Weizen, Kartoffeln und Gemüse sowie Genusspflanzen wie Zuckerrüben, Kaffee und Tabak. Hinzu kommen Mais und Soja als Tierfutter, Baumwolle für Textilien und Raps für Biodiesel.

„Wir haben die Ackerkulturen im gleichen Verhältnis angepflanzt, wie sie auf den Feldern weltweit angebaut werden. Allein 986 Quadratmeter – also fast die Hälfte der Beete - befüllt Getreide“, erklärt Anette Wilkening vom Überlinger Weltacker. Die engagierte Pädagogin führt dreimal die Woche Besucher über den Weltacker. Gemeinsam mit Gleichgesinnten hat die Agrarwissenschaftlerin viele Stunden ehrenamtlich geackert, um das Bildungsprojekt reifen zu lassen.

Tierfutter frisst viel Fläche

Jetzt erweitert jedes Beet den globalen Horizont von Jung und Alt. Erstaunlich, dass Soja mit 150 Quadratmetern dreimal so viel Fläche hat wie Gemüse. Das meiste davon landet in Tiermägen. „Allein um zwei Schweine auf 115 Kilogramm Schlachtgewicht zu mästen, braucht es 2000 Quadratmeter Fläche“, erläutert Wilkening. Dann hat ja ein Mensch gar nichts mehr zu essen“, zeigt sich eine junge Besucherin schockiert. Betretendes Schweigen am Beet.

Das Bildungsprojekt Weltacker braucht keinen moralischen Zeigefinger. Die Flächenanteile sprechen für sich. So ist das Flächenbuffet für eine Mahlzeit Spaghetti Bolognese etwa dreimal so groß wie für Spaghetti mit Tomatensauce. Die Station Tankstelle beim Maisfeld bremst jegliche Begeisterung für Biosprit: Damit ein einziges Auto pro Jahr 14.000 Kilometer fahren kann, benötigt es 6000 bis 7000 Quadratmeter Land für Energiepflanzen. Dann müssten aber drei bis vier Menschen auf ihr Essen verzichten, sprich verhungern.

Doch Anette Wilkening lässt ihre Gäste nicht im Frust gehen: „Wir können dazu beitragen, dass alle Menschen satt werden. Mit jeder Kaufentscheidung beeinflusse ich, was auf den weltweiten Ackerflächen steht.“ Auf einem Weltacker wachsen eben nicht nur Pflanzen, sondern auch Einsichten.
https://ueberlinger-weltacker.de/

Empfehlungen für Praktiker*innen

Lehrerinnen und Lehrer sollten mit ihren Klassen den Weltacker unbedingt besuchen

Hintergrund: Weltacker national und international

Der Überlinger Weltacker ist einer von dreien in Deutschland. Die Idee zur Umsetzung dafür hatte Benedikt Härlin, ehemals Vertreter der Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) im Aufsichtsrat des Weltagrarberichts. Zusammen mit der Zukunftsstiftung Landwirtschaft hat er den ersten globalen Acker in Berlin aufgebaut. Einen weiteren hat die Höfegemeinschaft Pommern im Dorf Rothenklempenow angelegt. Aber auch in China, Kenia, Frankreich, der Schweiz und Schottland gibt es Partner-Äcker. Die gemeinsame Botschaft lautet: Es ist noch genug Boden für alle da. Eigentlich! Denn die Menschen in Europa nutzen deutlich mehr Ackerland als ihnen zusteht. Die zusätzlichen Flächen für Soja, Kaffee und Co. befinden sich im globalen Süden.

Dieser Artikel steht unter folgender CC Lizenz: BY-NC