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Nervennahrung – Wie wirkt sich unsere Ernährung aufs Gehirn aus?

Wenn der Mensch nichts isst, is(s)t er nichts. Dabei müssen wir uns bewusst oder unbewusst jeden Tag entscheiden: Was esse ich heute, was kaufe ich ein? Zu welchen Lebensmitteln wir dabei greifen sollten, ist buchstäblich in aller Munde: “superfood”, “nutraceuticals”, “health food” und “brain food” versprechen uns, dass wir gesund bleiben, länger leben und uns emotional und kognitiv optimieren – oft sogar gleichzeitig klimafreundlich. Aber was ist wissenschaftlich belegt an diesen Aussagen?

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CC0 von Tim Ulama auf pixabay.com, Auswahl der Redaktion

Eine Reihe von Studien der letzten Jahre legt nahe, dass unsere Lebensweise unser Gehirn und seine Denkprozesse beeinflussen kann. Neben regelmäßigem Sport, Nichtrauchen und sozialer Teilhabe scheint sich auch eine gesunde Ernährung positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit auszuwirken. Manche behaupten sogar, dass eine einzige Mahlzeit unsere Entscheidungen verändern kann. Welche Signalwege zwischen Nahrung und Gehirn könnten hierfür verantwortlich sein, und wie stichhaltig ist die Studienlage beim Menschen?

Wir finden in unseren Studien und in der Literatur ein relativ neues, alarmierendes Ergebnis: Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter ist mit mikrostrukturellen und funktionellen Veränderungen im Gehirn verbunden, die in der MRT-Bildgebung sichtbar werden. Vermutlich liegt das an einem schlechteren Insulin-/Glukosestoffwechsel und einem größeren Ausmaß an Entzündungen, die mit steigendem Körperfettanteil einhergehen und das Gehirngewebe schädigen können. Verschlechterungen in der Kognition und eine schnellere Hirnalterung könnten davon die Folgen sein. Zuviel Körperfett abzubauen und maßvoll zu essen scheint also auch wichtig für das Gehirn zu sein.

Kann in der Konsequenz also regelmäßiges Fasten oder “Kalorienrestriktion” das Gehirn vor Alterungsprozessen bewahren? Dass eine milde Kalorienrestriktion (das heißt etwa 10 bis 50 Prozent weniger Kalorien, ohne Unterernährung) lebensverlängernd bei Organismen wie Hefen, Würmern, bestimmten Fliegen und auch einigen Mäusestämmen wirkt, ist schon länger bekannt. Auch bei Menschen ab einem BMI (“body mass index”) von mehr als 22,5 kg/m2 scheint sich eine derartige Ernährungsumstellung positiv auf die graue Substanz und die Lern- und Merkfähigkeit auszuwirken.

Aber haben Sie schonmal selbst FdH (umgangssprachlich “Friss die Hälfte”) ausprobiert? Dann gehören Sie vielleicht auch zu einer Mehrheit, der eine dauerhafte Diät schwerfällt. Mithilfe bestimmter Substanzen oder Molekülen versucht man daher, die positiven körperlichen Wirkungen einer Kalorienrestriktion auf das Gehirn zu imitieren — ohne dass es dabei die Willenskraft bräuchte, auf Kalorien zu verzichten. Dazu gehört zum Beispiel das in Rotwein enthaltene Resveratrol, das man in Form von Pulver oder Kapseln hochdosiert einnehmen kann. Leider sind die Studienergebnisse hierzu bisher nicht eindeutig. Wir als Forscherinnen stehen oft vor dem Dilemma, dass die ProbandInnen selbst meist wissen, welcher Diät sie während der Studienteilnahme folgen sollten, sie offenbaren uns ihre tatsächliche Ernährung aber nicht unbedingt. Insofern lauern Placeboeffekte und “non-compliance” quasi wie Fettnäpfchen der Ernährungswissenschaften – vieles ist deshalb noch nicht bewiesen oder widerlegt.

Warum es vielen schwerfällt, auf Burger, Schokolade und Co zu verzichten, könnte an unserem dopaminergen Belohnungsnetzwerk im Gehirn liegen. Das reagiert auf kaloriendichte Essensreize oft so stark, dass es nicht gelingt, langfristige Ziele zu erreichen, wie sich gesund zu ernähren. Was dagegen hilft, ist nicht bekannt. Wenn man jedoch solche Menschen genauer untersucht, die sich bevorzugt mit pflanzlichen Lebensmitteln, also eher gesund, ernähren, finden sich neben einem geringeren Körpergewicht auch Unterschiede in der Persönlichkeit: Sie sind im Durchschnitt weniger extravertiert, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildung.

Bei einer pflanzenbasierten Ernährung ist es nicht nur die geringere Kaloriendichte, sondern auch ein hohes Maß an Ballaststoffen, was sie so gesund macht. Ballaststoffe gelten als Sattmacher und Präbiotika, also Stoffe, die das Wachstum und die Aktivität von Bakterien anregen. Sie werden primär im Dickdarm verdaut, wo das Mikrobiom, also die Bakteriengemeinschaft im Darm, deren Polysaccharidketten zu anderen Metaboliten fermentiert. Diese können wiederum als Signalmoleküle im Körper verschiedene Mechanismen anstoßen und so auch das Gehirn beeinflussen.

Ein Blick über den Tellerrand in die Klimapolitik lässt darüber hinaus erahnen, wieviel Klimaemissionen wir durch weniger Konsum von Lebensmitteln aus der Tierproduktion als Gesellschaft einsparen könnten. Letztlich fehlt es aber noch an Interventionsstudien beim Menschen, um zu belegen, dass eine gesunde Ernährung das Gehirn “optimieren” kann.

Insofern bleibt uns noch viel zu tun: In einer laufenden Studie untersuchen wir derzeit, ob die Einnahme von Ballaststoffen beispielsweise in Pulverform zusätzlich zur gewohnten Ernährung, die kognitiven Leistungen und auch die Entscheidungen für gesunde Lebensmittel verbessern kann. Dies könnte dabei helfen, ein Verlangen nach kalorienreichen Lebensmitteln abzumildern und langfristig eine gesündere Ernährungsweise zu entwickeln.

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