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Projektvorstellung

(Obst-) Vielfalt von Vielen!

Vollhängende Apfel- oder Birnbäume und keiner erntet sie. Stattdessen normgerechtes Obst in den Verkaufsregalen, das meist x-Mal gegen Krankheiten gespritzt wurde. Dabei schmeckt das Obst von Streuobstwiesen meist intensiver, wird häufig auch von Allergiker*innen vertragen und kommt ohne Pestizide aus. S‘Obst möchte deshalb alte Obstsorten von Streuobstwiesen für viele Menschen verfügbar machen, kurze Transportwege realisieren und zum Erhalt einer hohen Artenvielfalt beitragen.

Projekt
Artenvielfalt
Verwertung
Raupe auf Äpfeln

© Henrike Halekotte

Wer, was und wann

S'Obst - Streuobst aus dem Göttinger Land, wurde 2018 gegründet, um viele Menschen für lokales Obst von Streuobstwiesen zu begeistern. Zum einen werden Bäume an Pat*innen verpachtet, die mit ihrem jährlichen Beitrag von 35 € dafür sorgen, dass die Bäume regelmäßig geschnitten werden. Im Gegenzug dafür dürfen die Baumpat*innen das Obst ihres Baumes ernten. Zum anderen liefert S'Obst seit 2019 wöchentlich saisonales Obst an Mitglieder einer Solidarischen Streuobst Gemeinschaft, die nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft arbeitet.
S'Obst arbeitet in Kooperation mit dem Landschaftspflegeverband Göttingen e.V., und dem Streuobst e.V., von denen es die Streuobstwiesen zur Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt und Unterstützung bei der Baumpflege bekommt. Die Baumpat*innen und Mitglieder der Solidarischen Streuobst Gemeinschaft ermöglichen die Pflege und den Fortbestand zahlreicher alter Obstsorten, den Erhalt einer Kulturlandschaft mit einer sehr hohen Artenvielfalt sowie die Ernte und Vermarktung lokalen Obstes mit kurzen Wegen.

Hintergrund und Ziele

Streuobstwiesen bieten zahlreichen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum, auch z.T. vom Aussterben bedrohten Insekten- und Vogelarten. Trotz dieser besonders schützenswerten Lebensräume nimmt die Zahl der Streuobstwiesen kontinuierlich ab. Das fehlende Wissen um ihre Pflege und der wesentlich höhere Arbeitsaufwand im Vergleich zum Plantagenobst sind Gründe dafür. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat es sogar eine Abholzprämie für Hochstammbäume gegeben, um sie durch die arbeitswirtschaftlich interessanteren Niederstämme der Obstplantagen zu ersetzen. Doch was damals als rückständig galt, entpuppt sich aus heutiger Sicht als wahres Wunder der Artenvielfalt und des Geschmackserlebnisses.

Die großkronigen Baumbestände sorgen für unterschiedliche Licht- und Schattenplätze auf dem Boden, so dass sich hier, je nach Lichtverhältnissen, verschiedene Pflanzenarten ansiedeln. Im Gegensatz zum Wald gibt es auch offene Stellen mit viel Sonnenlicht, sonst könnte unter den Bäumen kein Gras, Blumen und Kräuter wachsen. Das Mosaik unterschiedlichster Lebensbedingungen ermöglicht es wiederum verschiedenen Tieren sich anzusiedeln, allen voran den Insekten. Durch die Baumkronen wird zusätzlich noch die Vertikale erschlossen: Baumhöhlen dienen als Nistplätze für Vögel, abgestorbene Äste beherbergen holzzersetzende Insekten und Wildbienen und Wespen laben sich an den süßen Früchten, um nur einige der Tierarten zu nennen, die hier leben (eine schöne Doku dazu ist der Film von Joachim Hinz: „Die kleine Welt im Apfelbaum“).

Die Artenvielfalt auf Streuobstwiesen wird noch durch den Anbau unterschiedlicher Obstsorten gefördert, die zu verschiedenen Zeiten reif werden. Das Obstjahr kann schon im Juni mit den ersten Kirschen beginnen, darauf folgen Mirabellen, Zwetschgen, die ersten Frühäpfel, Birnen und viele Wildfrüchte in den Randgehölzen. Im Prinzip können Mensch und Tier sechs Monate lang Früchte auf diesen Wiesen finden, selbst wenn in manchen Jahren einige Bäume nichts tragen.

Diese Vielfalt schlägt sich auch im Geschmackserlebnis nieder: ein Klarapfel schmeckt z.B. ganz anders als der Berner Rosenapfel oder der Boskoop. Außerdem gibt es Äpfel, wie der Rheinische Winterrambour, die sich besser zum Verarbeiten eignen, beispielsweise für Kuchen oder Apfelmus, andere, wie Ingrid Marie, schmecken am besten frisch vom Baum und wieder andere, wie der Rote Eiserapfel, müssen erst einige Zeit gelagert werden bis sie verzehrt werden können. Selbst manche Allergiker*innen vertragen einige der alten Obstsorten, da sie z.T. andere Inhaltsstoffe aufweisen als die gängigen Marktsorten.

Es gibt so viele gute Gründe, die für den Verzehr von Streuobst sprechen und trotzdem verschwindet es langsam aus unserer Kulturlandschaft, weil sich niemand mehr kümmern möchte. Gleichzeitig setzt bei immer mehr Menschen ein Umdenken ein, die mit Sorge auf den Artenschwund blicken und sich unabhängig von einer Landwirtschaft machen möchten, die industrielle Ausmaße angenommen hat.
S‘Obst (Streuobst aus dem Göttinger Land) möchte dabei helfen, dass Streuobst vor unseren Haustüren wieder seinen Wert bekommt, weil es gut schmeckt, gesund ist und weil durch den Aufenthalt auf Streuobstwiesen deren Vielfalt unmittelbar erlebt werden kann. Dafür verpachtet S‘Obst seit 2018 einzelne Bäume an Baumpat*innen, die „ihren Baum“ das ganze Jahr über besuchen, Ausflüge und Picknick dorthin machen und im Herbst das Obst alleine oder bei einer gemeinsamen Ernteaktion pflücken können. Für diejenigen, die weniger Aufwand betreiben und trotzdem leckeres Obst von Streuobstwiesen essen möchten, hat S‘Obst 2019 eine Streuobst-Solawi ins Leben gerufen, die sich am Konzept der Solidarischen Landwirtschaft orientiert. Für die Mitglieder der Solawi liefert S‘Obst einmal wöchentlich 1 bis 2 kg Obst zu einer Abholstelle nach Göttingen. Der Zeitraum der Obstlieferung beginnt mit der Kirschernte im Juni und endet Ende Januar mit Lageräpfeln. Im Gegenzug verpflichten sich die Mitglieder einen Jahresbeitrag für das Obst zu zahlen und haben die Möglichkeit bei Arbeiten auf der Streuobstwiese mitzuhelfen.

Das Besondere an beiden Konzepten ist, dass sie S‘Obst Planungssicherheit geben. Durch den finanziellen Beitrag und die Verbindlichkeit ein Jahr lang einen Baum zu pachten oder wöchentlich Obst abzunehmen wird die Bewirtschaftung der Streuobstwiesen sichergestellt. Ohne die regelmäßige Mahd der Wiese verbreiten sich nämlich schnell Dornen und Sträucher und verwandeln die Obstwiese in ein undurchdringliches Gestrüpp. Auch die Obstbäume brauchen ihren fachgerechten Schnitt, sonst brechen in guten Obstjahren einzelne Äste unter der Fruchtlast ab und führen dann zu einem vorzeitigen Absterben der Bäume.

Unterstützt wird S‘Obst bei der Umsetzung der Konzepte durch den Landschaftspflegeverband Göttingen und den Streuobst e.V. Sie stellen S‘Obst die Streuobstwiesen zur Verfügung und sorgen dafür, dass die Wiese unter den Bäumen gemäht oder abgeweidet wird. Hilfe kommt auch noch von anderen Seiten, z.B. mit der Möglichkeit einen Gewölbekeller als Naturlager für das Obst zu nutzen und in der benachbarten Scheune Ernteutensilien unterzustellen. Die beiden Abholstellen für das Obst der Solawi können pachtfrei genutzt werden. Außerdem gibt es immer wieder Menschen, die gerne auf den Streuobstwiesen mithelfen. Es ist das Engagement vieler, die S‘Obst die Durchführung beider Konzepte ermöglichen, nach dem Motto: „(Obst-) Vielfalt von Vielen!“ Die Begeisterung der Beteiligten und die Rückmeldungen der Mitglieder zeigen: wir sind auf dem richtigen Weg!

S‘Obst wurde 2018 durch eine Einzelperson gegründet. Mittlerweile kümmern sich zwei weitere Personen um die Streuobst-Solawi. Darüber hinaus hat sich in diesem Jahr noch eine Streuobst-Solawi in einer benachbarten Kleinstadt gegründet, die ihr Obst auch nach Göttingen liefert.

Miteinander Lernen

Was waren die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Projektes und wie seid Ihr damit umgegangen?

Die größte Schwierigkeit war geeignete Streuobstwiesen zu finden, auf denen ich meine Ideen umsetzen konnte. Es gibt zwar im Landkreis Göttingen noch mehrere hundert Hektar private und öffentliche Streuobstwiesen, aber oft große Skepsis vonseiten der Eigentümer*innen gegenüber unbekannten Personen, die sie noch nicht einschätzen können. Hier war es wichtig erst einmal ein Netzwerk und Vertrauen aufzubauen. Mein Engagement im Streuobst e.V. und die Zusammenarbeit mit dem Landschaftspflegeverband (LPV) waren hier sehr hilfreich.

Welche Unterstützung ist für das Gelingen des Projektes unerlässlich (gewesen)?

Ohne die Partnerschaft mit dem LPV und seine Hilfestellungen würde es S‘Obst nicht geben.

Was würdet Ihr / würdest Du anders machen, wenn Ihr / Du noch einmal von vorne anfangen würde(s)t?

Wir sind noch am Anfang, im Rückblick würde ich bis jetzt noch nichts anders machen.

Wie könnten Forschende Euer Vorhaben unterstützen? Welche Fragen sind bisher unbeantwortet geblieben?

Die Weiterverarbeitung von Äpfeln und Birnen zu Apfel- oder Birnenmus wäre ein spannendes neues Feld, weil damit Überschüsse gut verwertet werden könnten.

Austausch und Unterstützung

Im Raum Göttingen tauschen sich die Aktiven im Bereich Streuobst und der verschiedenen Solawis (Solidarische Landwirtschaft) regelmäßig aus und unterstützen sich gegenseitig. Trotzdem wäre ein Austausch mit anderen Initiativen, die Tafelobst vermarkten oder weiterverarbeitete Produkte aus Streuobst herstellen spannend!

Kontakt

Name der Ansprechperson: Sonja Biewer

Organisation: S'Obst

Website: https://sobsternte.de/ 

Adresse: Reinholdstr. 12, 37083 Göttingen

E-mail: info(at)sobsternte.de

Telefon: 0176 8672 2070

Diese Projektvorstellung steht unter folgender CC Lizenz: BY