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Für immer Rote Beete

Wie ich mein Verhältnis zum Essen verändert habe und wie mein Essen mich veränderte - eine Mitgliedschaft in einer Solawi bedeutet womöglich mehr, als sich einmal die Woche Gemüse abzuholen. Für mich hat sich damit mein ganzes Kochverhalten geändert, und auch sonst so einiges.

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Ernährungsweisen / Esskulturen
Übergreifend

CC0 von Anna Sulencka auf pixabay.com, Auswahl der Redaktion

Es war ein langsamer und langer Prozess. Für mich hatte es anfangs mit den Kindern zu tun: Wenn man Kinder bekommt, fängt man einiges an, mit neuen Augen zu betrachten –bei mir war es vor allem die Ernährung: Was füttert man da eigentlich von Anfang an in so einen kleinen Organismus hinein? Zucker, Geschmacksverstärker, Spritzmittel und Zucker? Ravioli aus der Dose, wie es in meiner eigenen Kindheit einfach dazu gehörte? Viele Fragen, schmaler Geldbeutel – aber der Wunsch, den Kindern (und auch deren Eltern) eine vernünftige und gerne auch ungiftige Ernährung zu bieten, setzte sich nach und nach durch. Einmal die Woche kaufte ich bald kontinuierlich auf dem Wochenmarkt am Biostand ein: Gemüse, Eier, Brot. Ich setzte damals also erstmals deutlich meine Prioritäten neu in Richtung biologische Ernährung. Ich traf erste Entscheidungen, die wiederum andere Umstände hervorriefen: Ein bisschen weniger Geld für andere Dinge im Portemonnaie war einer davon, mehr Zeit, die ich mit dem Putzen und Schnippeln von Gemüse (das öfters mal etwas sandig war) zubrachte, ein anderer. Auf der anderen Seite erarbeitete ich mir, mit der Gemüsebürste und dem Schnippelmesser in der Hand sozusagen, seit damals ein Bewusstsein für Nahrung, ein Gefühl dafür, wieviel das Essen ganz direkt mit uns selber zu tun hat. Eine Zufriedenheit. Ein Trend bei mir, der sich seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten erfolgreich hält, er wächst sich zu einer richtiggehenden Lebensphilosophie aus: Essen ist mir wichtig, ich bin schließlich zu einem großen Teil auch das, was ich esse, finde ich. Und deswegen räume ich meiner Nahrung einen hohen Stellenwert in meinem Leben ein. Ich gebe immer noch Geld dafür aus (denn genau das ist es auch wert) und verwende einige Zeit für das tägliche Kochen mit frischem Gemüse.

Ich weiß, Essen, das man nicht selber anpflanzen, jäten, gießen und ernten muss, erfreute sich mindestens in der Generation meiner Eltern (Nachkriegsgeneration) sehr großer Beliebtheit. Gepaart mit der Beliebtheit von Essen, das man noch nicht mal mehr selber zubereiten (waschen, schnippeln, würzen) muss – siehe die gute Dose Ravioli. Ich bin mir sicher, die Generation meiner Eltern hatte aber auch ihre ganz spezifischen eigenen Schwerpunkte. Oder ihre eigenen Errungenschaften. Frauen, die auf Grund der Pille nicht mehr zwangsläufig schwanger wurden und ganz neue Lebensentwürfe hatten; Frauen, die arbeiten gingen, genau wie ihre Männer und die dann zusammen froh über die Dose Ravioli am Abend waren. Wirtschaftswunder, riesige Supermärkte, randvolle Kühltruhen, in denen Berge von Fleisch in Styropor und Plastikfolie gepresst lagen. Das war modern, das war praktisch, das war preisgünstig – juhu. Die Entfremdung, die damit einherging, zwischen „Produkt“ und „Verbraucher“? Geschenkt. Die Pflanzen (Lebewesen) und Tiere (ebenfalls Lebewesen), die uns Menschen (und auch wir: Lebewesen) zur Nahrung angeboten wurden, entfernten sich in ihrer Entstehungsgeschichte und ihrem Herkunftsort immer weiter von uns. Sogar in ihrer Optik. Es war nicht mehr das Gemüse, dass der Bauer nebenan anbaute. Und wie ein Schwein geschlachtet wird, hatten bald alle unter 70 Jahren vergessen. Wurst essen wollten aber fast alle. Dass verschiedene Gemüse zu verschiedenen Zeiten im Jahr da sind, geriet auch aus dem Blick. Schließlich gab es Spanien, Afrika und Co, die uns ganzjährig mit Tomaten und Erdbeeren versorgten. Es gab Fertigsalate, Fertigsuppen, Fertigsaucen. Eine merkwürdige Entwicklung: Wie unser Essen entsteht und was es wirklich ist, wurde uns seit der Industrialisierung mehr und mehr von der Industrie abgenommen. Wir westlichen Menschen wurden im Gegenzug dazu Industriekaufmann, Informatikerin, Mechatroniker vielleicht. Wir spezialisierten uns für die Arbeit auf alle möglichen Dinge. Jenseits von den basischen Dingen, wie beispielsweise dem Gemüsebau.

Wäre ich damals, als ich mit dem Essen von Biogemüse anfing, nicht größtenteils bei den Kindern zuhause geblieben, hätte ich sicher auch einen anderen Weg genommen und abends die ein oder andere schnelle Tiefkühlpizza mehr „gekocht“ (es gab sie natürlich trotzdem noch ab und zu, ich war ja auf einem Weg, auf dem ich erst allmählich Gewohnheiten veränderte). Ich wäre vielleicht dem Gemüse auf meinem Teller so entfremdet gewesen, dass ich, wie als Kind, weiterhin gesagt hätte: „Igitt, Rote Beete!“ Aber jetzt, im Jahr 2020, bin ich an dem Punkt angelangt, an dem ich sage: „Für immer Rote Beete!“. Das hängt vor allem damit zusammen, dass ich mittlerweile nicht mehr nur Biogemüse einkaufe, sondern es in einer sogenannten Solawi selber mit anbaue. Eine Solawi, eine solidarische Landwirtschaft, bedeutet ja, dass mehrere Personen durch ihren Monatsbeitrag eine (kleine) Landwirtschaft finanzieren und dafür ihren Anteil an Bio-Gemüse erhalten. Bei unserer Solawi gibt es darüber hinaus die Möglichkeit, sich einen Teil des Gemüses zu erarbeiten, statt den kompletten monatlichen Betrag zu zahlen. Mehrere Stunden die Woche gärtnern wir also zusammen. Mal kriechen wir auf Knien über den Sandacker und jäten die Zwiebeln, mal graben wir mit den Fingern in der braunen Erde unseres Moorackers und ernten die Möhren. Vom Wegesrand spähen die Spaziergänger neugierig zu uns auf die Beete. Menschen auf Äckern sind eine Rarität und fallen auf. „Da möchte man je direkt hingehen und mitmachen“, sagen die Nachbarn aus dem Dorf. Und ja, es macht Spaß. Wir weinen nicht bei der Arbeit und jammern selten. Da kann natürlich eine Rolle spielen, dass alle Beteiligten Spaß an dieser Arbeit haben und sich zufällig untereinander auch noch leiden mögen. Aber darüber hinaus bringt es noch eine Menge Anderes: Ich habe unglaublich viel gelernt: Ich weiß mein (manchmal) hart erarbeitetes Essen schwer zu schätzen. Ich freue mich herzlich, Essen auf dem Teller zu haben, mit dem im Zweifelsfall auch mal geredet wurde („So, ihr lieben Tomaten, jetzt wachst mal schön, und keine Fäule bitte“). So albern es klingt. So ernst ist es trotzdem: Keine bodenverdichtenden XXL-Landmaschinen sind über mein Gemüse gefahren, es gibt keine Ernteroboter und kein Insektenvernichtungsmittel. Die Möhren, die wir aus der Erde ziehen, bringen uns zum Lachen, so bizarr sehen sie manchmal aus, wie kleine Fantasywesen. Tomatenpflanzen hinterlassen beim Hochbinden eine Art grüngrauen Film auf den Händen. Die Gurken sind groß oder klein, dick oder dünn, krumm oder auch gerade - ganz wie es kommt. Wenn ich im Supermarkt Gurken, Zucchini und Co sehe: alle gleich geformt und peniblen EU-Gardemaßen entsprechend, dann grusele ich mich fast. Wie es so weit gekommen ist, ist eine Frage - aber ich fühle mich mittlerweile dem konventionellen Gemüse im Supermarkt gegenüber unüberwindbar fremd. Der Trend der Entfremdung hat sich für mich also umgedreht und dass finde ich gar nicht so schlecht.

Auch mein ganzes „Kochverhalten“ ist, seit ich in dieser Solawi bin noch einmal anders geworden. Mein Einkaufsverhalten sowieso. Früher habe ich überlegt: Was koche ich heute? Und dann entschieden, was vielleicht gerade passen würde, damit eine Abwechslung im Speiseplan da wäre und außerdem natürlich, was den Kindern schmeckt. Dann hätte ich das Gemüse eingekauft, was ich brauche. Öfters gab es dann übrigens früher auch noch mal Nudeln mit Sauce oder Pfannkuchen, also auch mal schnelle, einfache Gerichte ohne viel Gemüse. Heute habe ich einmal die Woche eine große Kiste mit Gemüse der Saison. Ich habe jeden Tag frische Sachen zu verwerten und das tue ich eben. Zusätzlich einkaufen tue ich nicht. Es gibt, was es gibt. Im Sommer ist es dann zeitweise sehr oft Zucchini, dann manchmal regnet es Tomaten, wochenlang. Dann wiederum Salat. Herbst ist Suppenzeit, es ist einfach eine umfassende Auswahl an Möhren, Pastinaken, Kohl und Kräutern da. Ich koche ein, wir machen Sauerkraut und Kräuterpesto. Ich verbringe einen deutlichen Teil meiner Zeit mit diesem Thema, und ich gebe zu, manchmal nervt es auch - denn es kann anstrengend sein, wenn man diesen gewissen Druck verspürt, die Dinge wegarbeiten zu wollen, bevor sie schlecht werden. Oder manchmal kann ich sie wirklich nicht mehr sehen, die rote Beete im Winter, wenn all die orangen Kürbisse aus dem Lager schon aufgegessen sind. Aber das ist wirklich nur ein kleiner Abstrich, denn unterm Strich bin ich einfach nur glücklich, dass ich diesen Weg für mich gehe. Die Welt retten ist ja eine komplexe Aufgabe. Einer alleine kann auch niemals alles richtig machen. Aber er/sie kann ja mal damit anfangen, nicht immer alle falschen Sachen mitzumachen…