Agenda-Konferenz für die Sozial-ökologische Forschung

Auf der Agenda-Konferenz für die Sozial-ökologische Forschung vom 19. bis 20. September 2018 stand die zukünftige Ausrichtung des BMBF-Programms „Sozial-ökologische Forschung“ (SÖF) zur Diskussion. Dabei galt es vorrangig, die Frage zu klären: Welche Schwerpunkte sollen in Zukunft bei der Förderung sozial-ökologischer Forschung gelegt werden?

Erstellt am

29.10.2018

Der Anblick des monumentalen Gebäudes wird von seinem neoklassizistischen Portikus bestimmt.

Stadthalle (Kongress Palais) in Kassel, CC-BY-SA Mohamed Yahya auf flickr.com (Ausschnitt)

Von Alexander Schrode

Hintergrund und Rahmen

Über 220 Millionen Euro wurden seit 2001 im Rahmen des BMBF-SÖF-Programms an innovative Forschung vergeben. Für die Zeit nach dem Jahr 2020 ist ein neues Förderkonzept zu erstellen, das die aktuellen, zentralen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen reflektiert. Die SÖF-Agenda-Konferenz1 sollte für das Förderkonzept eine partizipative Entwicklung ermöglichen.

Nach einer Begrüßung durch das BMBF stand Prof. Dr. Johan Rockström vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung mit seinem Vortrag „Good lives within Planetary Boundaries: A social-ecological research challenge“ auf der Bühne. Eindrücklich zeigte er auf, in welchem Ausmaß planetare Grenzen bereits überschritten sind und nach aktuellen Trends zukünftig überschritten werden. Dies markiert zentrale Herausforderungen, um ein sicheres Überleben auf dem Planeten gewährleisten zu können – Herausforderungen, denen sich insbesondere die sozial-ökologische Forschung zu widmen hat.

Nach einer weiteren Podiumsdiskussion begannen die Workshops zu den Vertiefungsthemen. Die folgende Beschreibung bezieht sich auf den Workshop zu Agrar- und Ernährungssystemen.

Thematische Forschungsausrichtung für Agrar- und Ernährungssysteme

In Workshop 2 wurden Leitplanken für die zukünftige Forschungsförderung zu Agrar- und Ernährungssystemen debattiert. Eine nach den Leitfragen differenzierte Aufarbeitung der Diskussion ist auf diesen Folien zu finden.

Allgemeine Anregungen

Dr. Camilla Bausch (Ecologic Institut) und Prof. Dr. Karin Holm-Müller (Universität Bonn) führten zu Beginn in die Diskussionsvorlage ein, welche sie gemeinsam mit Prof. Dr. Bernd Hansjürgens (Universität Halle-Wittenberg und UFZ) entwickelt hatten. Dabei betonte Dr. Bausch, dass auch strukturell institutionelle Änderungen nötig seien, z.B. Curricula an Universitäten in Bezug auf nachhaltige Agrar- und Ernährungssysteme zu verändern sowie Forschungsnetzwerke zu verstetigen und weiter zu entwickeln. Die Diskussionsvorlage widmete sich allerdings allein inhaltlichen Themen.

Themencluster

Insgesamt waren in der Diskussionsvorlage 18 verschiedene Themenbereiche (s. Tagungsband2 und Anhang) aufgeführt, welche aus Sicht der Themenpat*innen beforscht werden sollten. Diese ließen sich zu den folgenden sechs Themenclustern zusammenfassen:

  1. Bedeutung der Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme für die Biodiversität (Themen 1, 2, 3, 4)
  2. Sozial-ökologische (Aus)Wirkungen und Potentiale alternativer Agrar- und Ernährungssysteme (z.B. Solawi, Aquaponik): u.a. Wirkungen auf ländliche Regionen, ökologischer Fußabdruck als Nischen- und als Mainstream-Produkt (Themen 11, 12, 17, 18)
  3. Sozial-ökologische Auswirkungen von Lebensstilen: auf Handel, auf ländliche Regionen, flankierende Instrumente für die Erzielung der alternativen Lebensstile (Themen 2, 3, 5 und 8)
  4. Wege zur Stärkung von sozial-ökologisch nachhaltigen Regionen: Möglichkeiten für regionale Änderungen; durch welche Governance-Ansätze könnte die Stärkung erreicht werden und welche Hürden sind dabei vorhanden? (Themen 3, 4, 6, 7, 9, 10, 15, 18)
  5. (Neue) Governance Ansätze auf überregionaler Ebene zur Stärkung sozial-ökologischer Agrar- und Ernährungssysteme: Stärkung konsistenterer Politiken, Internalisierung externe Effekte (z.B. Inwertsetzung, Label) (Themen 1, 4, 6, 8, 15, 18)
  6. Informationen & Bildung für nachhaltige Landnutzung: Welche Veränderungen sind nötig, wo gibt es Probleme, welche Gruppen sind wie erreichbar, z.B. mittels Nudging? (Themen 14, 16)

Themenbereiche

Die Teilnehmenden konnten für die (im Anhang genannten) 18 Themenbereiche anschließend auf einer Tafel durch Punkte ihre Einschätzung zur grundsätzlichen Bedeutung und zeitlichen Dringlichkeit ausdrücken. Auch wenn die Verteilung insgesamt recht gleichmäßig erfolgte, schätzten die Teilnehmenden besonders die folgenden Themen als prioritär ein:

  • Zusammenhänge von Agrar- und Ernährungssystem, natürlichen Ressourcen (Biodiversität, Boden, Luft, Wasser) und Lebensstilen
  • Integrative Betrachtung von Produktion und Konsum
  • Auswirkung aktueller Produktions- und Konsummuster auf andere Regionen in Deutschland und in der Welt
  • (Partizipative) Planungsansätze zur integrierten und nachhaltigen Entwicklung von Stadt und (Um-)Land
  • Sozial-ökologische Potenziale, Dynamiken und Auswirkungen von innovativen Praktiken und Technologien
  • Optionen für die Gestaltung nachhaltiger Agrar- und Ernährungssysteme vor dem Hintergrund kultureller Prägungen, Normen und Werte, Verhaltensmuster und sozialer Strukturen
  • Förderung von Bildungsangeboten/-formaten für nachhaltige Landnutzung, nachhaltige Ernährung und nachhaltige ländliche Entwicklung
  • Erfassung, Bewertung und Inwertsetzung von Ökosystemleistungen in Agrarsystemen und nachhaltiger Lebensmittelproduktion

Verbindung von Partner*innen aus Wissenschaft und Praxis

In der darauf folgenden Diskussion, wie Wissenschaft und Praxis gut miteinander verbunden werden können, brachte Babett Janszky (BÖL) unter anderem zum Ausdruck, dass eine Vergütung von Kommunikation und Vernetzung der Praxispartner zu deren Einbindung besonders wichtig sei. Auch Timo Kaphengst (Regional-Wert AG Berlin-Brandenburg) betonte die Bedeutung einer angemessenen Honorierung der Zeit und des Engagements von Praxispartnern. Für die Ausrichtung von Forschungsfragen seien zudem die folgenden Fragen von zentraler Bedeutung: „Wer macht etwas? Wer bewirtschaftet Land? Wer hat Zugang zu Land? Wer sind die zentralen Akteure? Wie bekommt man neue, innovative Personen auf Höfe und wie bekommen diese Personen genügend Kapital?“.

Verwertung der Forschungsergebnisse

Gültig für alle Forschungsvorhaben ist, dass die Umsetzung der Forschungsergebnisse insbesondere durch Politik und Verwaltung in gesellschaftliche Realität von entscheidender Bedeutung ist. Hier brachten Teilnehmende ihre Frustrationen zum Ausdruck, dass dies oft nicht geschehe. Daher sei für Forschungsprojekte während und nach der Projektlaufzeit ein Herantragen der Ergebnisse an politische Entscheidungstragende über Ressortgrenzen hinaus essenziell. Bei der Bestimmung der Forschungsthemen wäre zudem eine erhöhte Abstimmung zwischen Ressorts wünschenswert.

Diskussion der Tagungsergebnisse zu Agrar- und Ernährungssystemen

Prof. Rockström verdeutlichte die Bedeutung der Einhaltung der planetaren Grenzen für das sichere Überleben der Menschheit. Die Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme spielt dabei eine zentrale Rolle. Die für die Konferenz aufgestellten Themencluster können die dafür nötigen Forschungsthemen umfassend und gut strukturiert einfangen. Als auffallend bei diesen Themenclustern kann jedoch nach Ansicht des Autors gesehen werden, dass in Bezug auf die kritischen planetaren Grenzen zwar Biodiversität explizit genannt wird, aber nicht Klimaschutz, Stickstoffüberschüsse oder Phosphor-Einsätze. Zwar können diese kritischen Punkte auch in den Themencluster 2 bis 5 inkludiert werden; dennoch könnte die Gefahr bestehen, dass diese wichtigen Punkte für die Einhaltung der planetaren Grenzen in den Hintergrund geraten.

Die 18 aufgeführten Themenbereiche für zukünftige Forschungsthemen drücken viele der zentralen Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft aus. Eine Herausforderung könnte dabei ggf. noch stärker herausgearbeitet werden: Als eine wesentliche gesellschaftliche und v.a. ökonomische Aufgabe in den nächsten Jahrzehnten kann nach Auffassung des Autors die deutliche Reduzierung des Bestands von Nutztieren auch in Deutschland betrachtet werden. Ohne diese Reduzierung wird es voraussichtlich kaum möglich sein, die zu erzielenden Reduktionen an THG-Emissionen, Stickstoffemissionen, Phosphor-Einsatz und Biodiversitätsgefährdungen zu erreichen. Eine weitestgehend offene Frage ist dabei, wie dieser Prozess der Reduzierung ökonomisch und gesellschaftlich tragfähig gestaltet werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass das neue Forschungskonzept diese zentrale Herausforderung adäquat aufgreift.

Zusammenfassung

Insgesamt sind für den Bereich der Agrar- und Ernährungssysteme umfassende und innovative thematische Ansätze für die zukünftige Forschungsförderung gelegt worden. Für die bessere Einbindung von Praxispartner*innen und die Verwertung der Forschungsergebnisse wurden zudem wichtige Ansatzmöglichkeiten identifiziert. Wie stark das neue Förderkonzept und die kommenden Forschungsbekanntmachungen die zentralen Herausforderungen des Agrar- und Ernährungssystems, darunter die Unterstützung der Einhaltung planetarer Grenzen und dafür insbesondere ein gesamtgesellschaftlich verträglicher Abbau der Nutztierbestände auch in Deutschland, aufgreifen, bleibt noch abzuwarten.

Der partizipative Ansatz bei der Entwicklung des Forschungskonzepts für das zukünftige SÖF-Programm kann aus Sicht des Autors auf jeden Fall nur gelobt werden. Dem BMBF und dem DLR Projektträger gelingt mit der Agenda-Konferenz für die Sozial-ökologische Forschung dabei ein geglückter Auftakt.

 

Anhang: Themenbereiche

  1. Sozial-ökologische Potenziale von und Anforderungen an Agrar- und Ernährungssysteme aus der Perspektive des Biodiversitäts- und Klimaschutzes und Ansätze einer Governance bzw. einer Formulierung globaler und regionaler Gemeingüter
  2. Zusammenhänge von Agrar- und Ernährungssystem, natürlicher Ressourcen (Biodiversität, Boden, Luft, Wasser) und Lebensstilen: Berücksichtigung natürlicher Ressourcen in Instrumenten des nachhaltigen Konsums und die sich daraus ergebenden Governancefragen sowie die Bedeutung der Rolle und Wahrnehmung von natürlichen Ressourcen und insbesondere Biodiversität in Lebensstilen
  3. Rolle von Lebensstilen/Konsumverhalten sowie der Rahmenbedingungen für einen verbesserten Schutz der Biodiversität bei individuellen und einzelwirtschaftlichen Entscheidungssituationen von Produzenten (Landwirten) und Konsumenten.
  4. Treiber von unterschiedlichen Landnutzungen (inkl. Anbaupraktiken und zugehörigen Regulierungssystemen sowie Betriebsstrukturen) und ihre Auswirkungen auf biologische Vielfalt auf differenzierten zeitlichen, räumlichen und sozialen Skalen.
  5. Integrative Betrachtung von Produktion und Konsum (Analyse der Möglichkeiten zur Vermeidung bzw. Internalisierung negativer Effekte etwa im Umweltbereich, der Rolle von Prosumenten, von Bildung unter Berücksichtigung der Möglichkeiten des digitalen Wandels und der Wirkung von Maßnahmen zu nachhaltigem Konsum und nachhaltiger Produktion)
  6. Governanceaspekte, einschließlich politischer Maßnahmen und polit-ökonomische Fragen, sowie Qualifizierungs- und Marktaspekte mit Blick auf Klimawandel–Anpassungsstrategien für Landwirtschaft und ländliche Räume
  7. Ausgestaltungsoptionen für Regionen mit hohem sozial-ökologischem Transformationsbedarf (wie z.B. Regionen mit hohem Viehbesatz, Regionen mit hohem Anteil organischer Böden)
  8. Auswirkung aktueller Produktions- und Konsummuster auf andere Regionen in Deutschland und in der Welt etwa globaler Beitrag zur Ernährungssicherung, sozial-ökologischer Beitrag regionaler Nachfrage z.B. nach Ökoprodukten oder Produkten mit speziellen Merkmalen (bspw. Weidemilch) und insbesondere Biomasse für die energietechnische und stoffliche Nutzung sowie Verlagerung von Flächennutzungskonflikten.
  9. Mögliche Beiträge der Landwirtschaft zur Entwicklung nachhaltiger ländlicher Räume, etwa durch diversifizierte, umweltfreundliche Produktion und Schaffung von Einkommensquellen (z.B. Kombination aus Landwirtschaft und Tourismus/Handwerk) bzw. durch Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land bzw. durch die Stärkung lokaler Wirtschaft (etwa Agrar- und Ernährungswirtschaft), durch Stärkung regionaler Produktion und Beschäftigung sowie regionale Wertschöpfungs- und Verarbeitungsketten.
  10. (Partizipative) Planungsansätze zur integrierten und nachhaltigen Entwicklung von Stadt und (Um-)Land, einschließlich der Durchsetzung neuer und verbesserter Wertschöpfungskonzepte und regionaler Ernährungsstrategien
  11. Sozial-ökologische Potenziale, Dynamiken und Auswirkungen von innovativen Praktiken und Technologien wie etwa solidarische Landwirtschaft, vertikale Landwirtschaft, alternative Eiweißquellen, Bio-Ökonomie, Genom-Editing, Aquaponik-Systeme oder Digitalisierung
  12. Nachhaltigkeitseffekte von digitalen und sozialen Innovationen sind auch in Landwirtschafts- und Ernährungssystemen nicht nur gezielter zu ermitteln, sondern auch zu fördern („Von der Nische in den Mainstream“) unter Berücksichtigung auch von Machtkonstellation, von neuen Akteuren und Netzwerken (z.B. solidarische Landwirtschaft, urbanes Gärtnern, Ernährungsräte).
  13. Bewertung der Herausforderung und Chancen der Digitalisierung für den Aufbau nachhaltiger sozialökologischer Agrar- und Ernährungssysteme. (Vertriebswege, Ressourcenverbrauch der Landwirtschaft, Arbeitsplatzeffekte etc.)
  14. Optionen für die Gestaltung nachhaltiger Agrar- und Ernährungssysteme vor dem Hintergrund kultureller Prägungen, Normen und Werte, Verhaltensmuster und sozialer Strukturen.
  15. Erfolgsfaktoren und Hürden (einschließlich politökonomischer Erwägungen) auf dem Weg zu einem nachhaltigen System der Lebensmittelversorgung einschließlich seiner Teilbereiche wie Vorleistungsprodukte für die Landwirtschaft, agrarische Wirtschaftsweise sowie die Lebensmittelverarbeitung
  16. Förderung von Bildungsangeboten/-formaten für nachhaltige Landnutzung, nachhaltige Ernährung und nachhaltige ländliche Entwicklung, einschließlich von Aspekten der Nutzung nachhaltiger digitaler Möglichkeiten (für Schulen, Konsumenten, Politikgestalter, Zivilgesellschaft, Betriebe)
  17. Erfassung, Bewertung und Inwertsetzung von Ökosystemleistungen in Agrarsystemen und nachhaltiger Lebensmittelproduktion: Weiter- und Neuentwicklung von Systemen für individuelle und gesellschaftliche Bewertung, basierend auf aktueller und transparenter Datengrundlage
  18. Umgang mit Unsicherheit und Nichtwissen: Governance Ansätze oder Begründungen bestimmter Praktiken, Maßnahmen oder Instrumente müssen mit Unsicherheiten (z.B. über Einfluss des Klimawandels auf Artenspektrum, Wiederansiedelung von Biotopen in Agrarlandschaften) umgehen können. Es stellt sich die Frage des Handelns unter Unsicherheit

Referenzen:

1 https://www.agenda-konferenz-sozial-oekologische-forschung.de/front/programm.php

2 https://www.agenda-konferenz-sozial-oekologische-forschung.de/archiv/userfiles/BMBF_S%C3%96F_Agenda2018_Programmheft_DinA4Einzelseiten.pdf?&modified=previewUrl&modified=selectItem

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