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Agrarökologie – ein Weg zu nachhaltigen Ernährungssystemen

Kürzlich veröffentlicht MISEREOR den Synthesebericht zur Studie „Agroecology as a pathway to sustainable food systems“. Lest hier die deutsche Zusammenfassung.

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Übergreifende Folgen
Übergreifend
Indische Frauen auf einem Feld

CC0 von Free-Photos auf pixabay.com

Von M. Jahi Chappell, Annelie Bernhart, Lorenz Bachmann, André Luiz Gonçalves, Sidy Seck, Phanipriya Nandul und Alvori Cristo dos Santos

Was ist Agrarökologie

Agrarökologie ist die Umgestaltung des Ernährungssystems nach ökologischen Prinzipien. Sie basiert auf einem ganzheitlichen Ansatz in der Landwirtschaft und ist eine Alternative zur intensiven, chemisch-industriellen Landwirtschaft, die auf einem hohen Energie-, Material- und Finanzeinsatz beruht.

Agrarökologie enthält Methoden aus der Permakultur und der ökologischen Landwirtschaft. Sie arbeitet beispielsweise mit natürlichen Kreisläufen; ein möglichst großer Teil der eingesetzten Ressourcen soll wiederverwertet werden und grundsätzlich soll der Einsatz externer Ressourcen minimiert werden. Berücksichtigt werden auch die wechselseitigen Beziehungen der Pflanzen, etwa indem Pflanzen zusammen angebaut werden, die sich in ihren Nahrungsansprüchen oder ihrem Verhalten gegenüber Schädlingen positiv ergänzen. Agrarökologische Methoden sind das Gegenteil von Monokultur; sie zielen stets auf Diversität und Resilienz, d.h. sie versuchen Systeme zu erschaffen, die widerstandsfähig gegenüber Wetterextremen, Krankheiten und Preisschwankungen sind und nicht bei einem Ausfall eines zentralen Elements zusammenbrechen.

Agrarökologie verknüpft wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem traditionellen Wissen und den bewährten Methoden sowie der Kultur vor Ort. Entscheidend ist, dass ökologische ebenso wie soziokulturelle Zusammenhänge einbezogen werden.

Dieser Bericht präsentiert die Ergebnisse einer Studie, die agrarökologische Projekte in drei semiariden (halbtrockenen) Regionen auf drei Kontinenten untersuchte: im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco (mit zwei Teilgebieten), im Bezirk Fatick im Senegal und im Bezirk Osmanabad in Indien. Mit finanzieller und fachlicher Unterstützung von MISEREOR wurden diese Untersuchungen von folgenden Partnerorganisationen durchgeführt: Centro Sabiá (Brasilien), ENDA Pronat (Senegal), Swayam Shiksan Prayog (Indien). Die Ergebnisse beweisen, dass Agrarökologie ein sinnvoller Weg zu nachhaltigeren Agrar- und Ernährungssystemen ist.
Im Einklang mit anderen wissenschaftlichen Studien und internationalen Institutionen unterstützt die Studie den Aufruf nach stärkerer Unterstützung für agrarökologische Landwirtschafts- und Ernährungssysteme. Agrarökologie verbessert die Lebensgrundlagen der lokalen Gemeinschaften, indem sie deren Erträge und Einkommen erhöht, die Ernährungssicherheit verbessert und ihre sozialpolitische Rolle stärkt.
Notwendig ist eine veränderte Haltung gegenüber konventionellen Ansätzen der ländlichen Entwicklung; diversifizierte Praktiken müssen gefördert werden, es muss ein Rahmen geschaffen werden für Partizipation, Inklusion und soziale, wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit.
Die hier vorgestellten Forschungsergebnisse rücken die wichtigsten Stärken der Maßnahmen in den Blickpunkt, die die Partner in den betreffenden Regionen gemeinsam mit kleinbäuerlichen Familien durchgeführt haben. Am Ende stehen Empfehlungen zur Fortsetzung und künftigen Gestaltung der Unterstützung, die nötig ist, um agrarökologische Ansätze zu stärken und auszudehnen. So ist eine Skalierung von Agrar- und Ernährungssystemen möglich, bei denen Menschen und Natur mehr zählen als der Profit.

Hintergrund der Studie

Die Menschheit steht vor gewaltigen Herausforderungen: Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt, Verlust an fruchtbarem Ackerboden, Fehlernährung. Hier sind umfassende Lösungen nötig. Doch während sich die Forschung immer noch überwiegend auf technologische Lösungen konzentriert, sind Kleinbäuerinnen und Kleinbauern weltweit bereits dabei, ihre Arbeitsweise anzupassen – um ihr Auskommen zu verbessern, aber auch um ihre Existenzgrundlagen zu erhalten.

Nicht nur bei ihnen verbreitet sich das Bewusstsein, dass die Ernährungssysteme am Scheideweg stehen. Die Motivation für diese Studie entspringt der immer deutlicheren Erkenntnis in Wissenschaft und Zivilgesellschaft, bei NROs und internationalen Organisationen, dass ein entschlossener Übergang zur Agrarökologie notwendig ist – verbunden mit dem Ruf nach einer nachhaltigeren und gerechten Zukunft der Ernährungssysteme. Es gibt weltweit ein alarmierendes Maß an Ernährungsunsicherheit und Fehlernährung, sowohl durch Unterernährung und Mikronährstoffmangel („versteckter Hunger“) wie durch Überernährung (Übergewicht und Fettleibigkeit). Die Ursachen liegen in einem Mix aus kurzfristig orientierten Weichenstellungen, unausgewogenen Machtverhältnissen und einer extremen Konzentration der Saatgut-, Dünger- und Lebensmittelsysteme bei multinationalen Konzernen. Ein Teufelskreis, weil dadurch demokratische Transparenz und Teilhabe der Bevölkerung an Politik, Forschung und Entwicklung verhindert werden.

Auch in den drei untersuchten Regionen in Indien, Brasilien und im Senegal gab es überall eine Vorgeschichte von übermäßiger Unterstützung für den Anbau von Cash Crops, also eine Förderung der exportorientierten Landwirtschaft – während traditionelle Aspekte der Lebensmittelversorgung wie Produktion vor Ort, lokale Traditionen und Vielfalt vernachlässigt worden waren.

Die aktuelle Politik und die Entwicklungsmaßnahmen in diesen Ländern sind größtenteils unvorteilhaft für die Systeme der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Sie haben keine Antwort auf die speziellen Probleme der kleinbäuerlichen Betriebe in einer schwierigen Umgebung, etwa im semiariden Klima.

In Indien beispielsweise nutzt das öffentliche Beschaffungswesen kaum die Möglichkeit, auf vor Ort hergestellte Nahrungsmittel zurückzugreifen, und bevorzugt stattdessen Weizen und Reis aus Überschuss produzierenden Regionen Indiens sowie verarbeitete Zutaten.

Im Senegal werden chemische und industrielle Betriebsmittel massiv subventioniert, während die allgemeine staatliche Unterstützung weiträumig zurückgefahren wird, was insbesondere Kleinbäuer*innen in eine äußerst prekäre Lage versetzt.

In Brasilien gibt es historisch bedingt krasse Ungleichheiten beim Landbesitz und wenig Unterstützung für Kleinproduzent*innen und Landarbeiter*innen, wobei seit dem Ende der Diktatur 1985 erste Korrekturen vorgenommen wurden. Allerdings bleibt noch viel zu tun, damit der Mehrzahl der kleinbäuerlichen Familienbetriebe ein Auskommen gesichert werden kann. Die jüngsten politischen Entwicklungen in Brasilien führen wieder weg von diesem Ziel.

Obwohl Änderungen im demokratischen Prozess und der politischen Entscheidungsfindung meist schwer vorstellbar sind – vor allem bei Machtmissbrauch durch Konzerne und fehlendem Gespür der Regierung –, organisieren sich weltweit soziale Bewegungen, die ein Umdenken einfordern. Zusammen mit Wissenschaftlern, Geldgebern und anderen Verbündeten liefern sie Beweise dafür, dass Alternativen möglich und dringend geboten sind. Die Beteiligung der Zivilgesellschaft an zwischenstaatlichen Prozessen öffnet zusätzliche Türen und macht Hoffnung auf eine effektive Lobbyarbeit zugunsten der Agrarökologie in der Zukunft.

Die Forschungs- und Entwicklungsmaßnahmen von MISEREOR gehen Hand in Hand mit einem transformativen Ansatz in der Agrarökologie. Wir arbeiten auf Agrar- und Ernährungssysteme hin, die landwirtschaftliche Vielfalt und ökologische Anbaumethoden fördern, das Recht von Kleinbäuer*innen auf eigenes Saatgut, Land und Ressourcen verteidigen und den Wert von lokalem Knowhow, von Solidarität und Vielfalt anerkennen – sowohl auf Ebene der Produktion als auch auf den Märkten bis zu den Verbraucher*innen. MISEREOR setzt sich dafür ein, dass die Stimmen von Kleinbäuer*innen, indigenen Gemeinschaften und anderen ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen gehört werden. Dazu werden Partnerschaften mit Bewegungen eingegangen, und es wird eine Abkehr von den von oben verordneten Ansätzen gefordert – zugunsten demokratischer Ernährungssysteme, die Ernährungssouveränität garantieren und allen Beteiligten ein Mitspracherecht einräumen. Das gilt für die Arbeit von MISEREOR überall auf der Welt; besonders augenfällig ist es in der aktuellen Untersuchung zu den semiariden Zonen Indiens, Brasiliens und Senegals.

Methodik der Studie

In jedem der drei Länder wurde eine Gruppe von etwa 200 kleinbäuerlichen Familienbetrieben, die agrarökologische Ansätze verfolgen, mit einer gleichgroßen Referenzgruppe ohne agrarökologischen Ansatz verglichen. Für die Interviews wurde ein quantitativer Fragebogen genutzt. Die quantitative Untersuchung wurde durch qualitative Gruppendiskussionen und vertiefende Einzelinterviews ergänzt.

Dabei waren in den einzelnen Regionen jeweils unterschiedliche Gegebenheiten und Ansätze zu berücksichtigen:

INDIEN

Der Ausgangspunkt von Swayam Shiksa Prayog (SSP) in Indien war das „Ein-Acre-Modell“, bei dem speziell Bäuerinnen darin unterstützt werden, diversifizierte agrarökologische Ansätze auf einem kleinen Teil des familieneigenen Landes auszuprobieren, sich in Frauengruppen zu organisieren und Kenntnisse über Agrarökologie im Rahmen von Schulungen zu verbreiten. Das Modell basiert auf der Erkenntnis, dass eine Verbesserung der sozioökonomischen Situation und Ernährungssicherung der Haushalte entscheidend davon abhängt, ob Frauen selber Zugang zu Land haben und in der Landwirtschaft eigenständig Entscheidungen treffen können.

BRASILIEN

Centro Sabiá (CS) in Brasilien legt einen besonderen Schwerpunkt auf Agroforstwirtschaft und betrachtet Agroforstsysteme als komplexe Ökosysteme, bei denen auf derselben Fläche einjährige Kulturpflanzen und Bäume wachsen. CS ruft auf zur „convivência com o semi-árido“, also dem Zusammenleben mit dem semiariden Umfeld: ein Paradigmenwechsel gegenüber der herkömmlichen Vorstellung, dass es die Dürre zu „bekämpfen“ gilt.

SENEGAL

Enda Pronat (EP) im Senegal fördert agrarökologische Praktiken (darunter Anbaudiversifizierung, biologischen Pflanzenschutz, Kompostierung, Mulchen, Integration der Viehhaltung) neben Umweltbildung, Genderthemen und der Unterstützung von Spar- und Kreditinitiativen. Eine Schlüsseltaktik von EP besteht darin, Inhaber*innen kleinbäuerlicher Betriebe und Dorfgemeinschaften in die Forschung und die landwirtschaftliche Beratungstätigkeit mit einzubezieh

Ergebnisse

Die Studie liefert Beweise dafür, dass Agrarökologie die Wirtschaftlichkeit und das Einkommen von Kleinbauernfamilien verbessert sowie die Produktivität ihrer Betriebe und die Vielfalt ihrer Produkte erhöht und dadurch die Ernährungssicherheit stärkt. Sie ist deshalb auch geeignet, den sozialen Wandel und die Stärkung der Rolle der Frauen voranzutreiben.

Bäuer*innen in allen drei Untersuchungsregionen erzielten signifikante Einkommenszuwächse, insbesondere aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte, und profitierten zudem von höherwertigen Lebensmitteln für den Eigenverzehr. Das Medianeinkommen aus dem Verkauf von Agrarprodukten lag für die agrarökologischen Betriebe in Indien 79 % höher als in der Vergleichsgruppe, in Brasilien 177 bzw. 284 % höher und im Senegal 36 % höher. Betrachtet man den Wert der Lebensmittel für den Eigenkonsum, hatten agrarökologische Bauernfamilien einen Vorteil von 67 % in Indien, von 61 bzw. 74 % in Brasilien und von 14 % im Senegal (siehe Tab. 1, S. 6). Es erwies sich, dass die agrarökologischen Interventionen besonders vorteilhaft für die Armen sind: Während das Bareinkommen aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte für alle agrarökologisch wirtschaftenden Familienbetriebe wuchs, verzeichneten die ärmsten Familien einen besonders dynamischen Anstieg: Die 10 Prozent der ärmsten Kleinbäuer*innen in Brasilien und im Senegal steigerten ihr jährliches Einkommen um 65 bis 650 US-Dollar, im Vergleich zu null Dollar Steigerung in der Referenzgruppe. In Indien lag die Steigerung bei den agrarökologisch wirtschaftenden Betrieben mit ca. 430 US-Dollar pro Jahr um fast 500 % höher als bei der Vergleichsgruppe.

In ähnlicher Weise ließen sich in allen drei Ländern Steigerungen in Produktivität und Vielfalt bei Ackerbau und Viehhaltung beobachten. Die Produktivität der Hauptanbaupflanzen betrug im Senegal 17 % mehr als in der Referenzgruppe, in Indien 32 % mehr und in den beiden untersuchten Regionen in Pernambuco 26 % bzw. 49 % mehr (siehe Abb. 1, S. 7). Agrarökologisch wirtschaftende Betriebe in Indien stellten durch den Anbau seltenerer Feldfrüchte fast doppelt so viel Nahrungsmittel her (21.866 kg im Vergleich zu 11.614 kg), wobei sie eine Fläche nutzten, die nur um ein Fünftel größer war als bei den Vergleichsbetrieben (die zudem weniger verschiedene Feldfrüchte anbauten). Im Senegal stellte man fest, dass 75 % der Bäuer*innen zumindest eine neue Sorte anbaute, 17 % bauten zwei neue Feldfrüchte an und 8 % wagten sich an den Anbau von drei neuen Sorten aus dem Spektrum der nährstoffreichen Kuhbohnen- und Hirsearten. In Brasilien produzierten agrarökologisch wirtschaftende Betriebe 119 bzw. 133 verschiedene Arten von Gütern (Vergleichs-gruppe: 105 bzw. 119).

Die Viehhaltung nahm unter den agrarökologischen Bäuer*innen in Brasilien und Indien auch (größtenteils) zu. Im Senegal dagegen ist für jede Art von Betrieben ein Rückgang der Nutzvieh-arten zu verzeichnen. Das liegt wahrscheinlich an einer hohen Sterblichkeit der Tiere aufgrund mangelhafter Prophylaxe, eines Rückgangs der Weideflächen und dem unzureichenden Zugang zu Wasser. Der Niedergang scheint in den Betrieben der Vergleichsgruppe tendenziell etwas geringer ausgefallen zu sein.

Was die Ernährungssicherheit angeht, gelang es den agrarökologisch wirtschaftenden Betrieben somit, ihr Einkommens- und Selbstversorgungsniveau zu erhöhen. Sowohl qualitative als auch quantitative Daten verweisen in den meisten Fällen auf Verbesserungen im Hinblick auf Menge und Vielfalt der verzehrten Lebensmittel. Fokusgruppen in Brasilien berichteten übereinstimmend, dass sich mit der Übernahme agrarökologischer Praktiken ihre Ernährung deutlich verbessert habe, insbesondere durch eine größere Vielfalt und verstärkten Verzehr von Obst und Gemüse, und dass gesundheitliche Probleme zurückgegangen seien. Indische Kleinbauernfamilien, die agrarökologisch wirtschaften, gaben ebenfalls an, dass sie jetzt deutlich mehr verschiedene Nahrungsmittel anbauen und dass sich bei Getreide und Hirse, Hülsenfrüchten und nicht-pflanzlichen Lebensmitteln sowie Gemüse die Selbstversorgung verbessert habe, womit sie sich von der Vergleichsgruppe abheben. Im Senegal waren die Unterschiede zwischen den Haushalten in dieser Hinsicht geringer. Der Anteil agrarökologischer Familienbetriebe, die bei Hirse, Reis und Erdnüssen zu Selbstversorgern geworden war, lag nur knapp 5 % höher als in der entsprechenden Vergleichsgruppe.

In allen drei Regionen gab es Hinweise darauf, dass sich vor allem für die Bäuerinnen mehr Möglichkeiten zur Partizipation und zur Förderung eigener Fähigkeiten ergeben hatten. In Indien waren Frauen aus agrarökologischen Haushalten zu einem höheren Grad in einschlägigen Gruppen organisiert. Und von den Frauen, die eine Ausbildung als Führungskraft unterlaufen hatten, war jede Vierte in einer führenden Rolle tätig; 22 % leiteten Ausbildungen zur Agrarökologie. In Brasilien wirkten Frauen aus agrarökologischen Betrieben stärker in Organisationen wie Stadtrat, Kooperativen, Märkten, gemeinnützige Vereine oder Parteien. Es zeigte sich, dass sie in höherem Maß Unterstützungsprogramme in Anspruch nahmen, etwa Aufkaufprogramme der Regierung oder Programme mit dem Ziel eines Einkommenstransfers. Im Senegal zählte zu den vielversprechenden Trends auch die Tatsache, dass über die Hälfte der agrarökologischen Haushalte Schulungen und Informationen zum Thema Ausgrenzung und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern erhalten hatten. Auch waren sie über die Verabschiedung eines nationalen Gleichstellungsgesetzes unterrichtet – was in Senegal auf dem Land, wo oft das grundlegendste Verständnis für die gesetzlichen Rechte der Frauen fehlt, eine beachtliche Leistung ist. Darüber hinaus erreichten die agrarökologisch arbeitenden Familien mit einem weiblichen Haushaltsvorstand im Median eine Einkommensverbesserung um 28 % (gegenüber 12,6 % für Männer).

Gewiss muss eingestanden werden, dass es immer noch Grenzen und Herausforderungen gibt. Gleichwohl liefert die Studie überzeugende Beweise dafür, dass die Agrarökologie ein solides Rückgrat für eine faire ländliche Entwicklung darstellen kann. Aus ihr lässt sich viel lernen, um die Reichweite der Agrarökologie zu vergrößern und Kleinbauernfamilien unter prekären Lebensumständen – insbesondere in den semiariden Regionen dieser Welt – zu unterstützen. Das transformative Potenzial der Agrarökologie, nachhaltige, menschenwürdige und widerstandsfähige Existenzgrundlagen zu schaffen, sollte genutzt werden. Wird mit Bedacht vorgegangen und werden die Menschen mit einbezogen, bieten sich immense Möglichkeiten, Leben und Lebensgrundlagen der Bäuer*innen zu verbessern – nicht nur in Indien, Brasilien und Senegal, sondern auch der übrigen 1,5 Milliarden Kleinbäuer*innen im globalen Süden.

Es gab in jüngster Zeit eine Reihe regionaler und internationaler Symposien zur Agrarökologie, veranstaltet von der Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) der Vereinten Nationen, sowie eine Reihe von Berichten und Veranstaltungen von Organen wie dem International Panel of Experts on Sustainable Food Systems, dem ehemaligen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung sowie dem zweiten Nyéléni Forum, um nur eine Auswahl zu nennen: All dies vermittelt das Gefühl, dass Agrarökologie derzeit in aller Munde ist.

Dadurch bieten sich Chancen, dass die Agrarökologie verstärkt verbreitet werden kann – es besteht aber auch das Risiko der Vereinnahmung oder Verwässerung des Konzepts. All das macht es umso wichtiger für die betroffenen Akteure, den Druck aufrechtzuerhalten und darauf zu bestehen, dass die Agrarökologie ihre Ausrichtung auf Gendergerechtigkeit, Politik, Ökologie, eine deutliche Positionierung zugunsten bäuerlicher Kleinbetriebe und der armen Bevölkerungsgruppen beibehält und dabei Ernährungssouveränität und -gerechtigkeit im Blick behält, damit ihr volles Potential verwirklicht werden kann.

Empfehlungen an die Politik

Die Untersuchungen von MISEREOR in den drei Ländern zeigen, dass sich Vorteile für die Armen nicht aus technologischen „Schnellschüssen“ oder Allheilmitteln ergeben, sondern aus einer Kehrtwende hin zu veränderten Prozessen, Fähigkeiten, Organisationsformen, Unterstützungsangeboten und Praktiken für Bäuerinnen und Bauern und ihr soziopolitisches Umfeld. Basierend auf diesen Erfahrungen werden hier politische Empfehlungen formuliert, die einerseits auf einem ökologischen Verständnis nachhaltiger Landwirtschaft basieren, aber auch auf einem soziopolitischen Konzept.

Empfehlung 1- In Agrarökologie investieren

Regierungen und andere Geldgeber in der Entwicklungszusammenarbeit sollten in Agrarökologie investieren, um ländliche Entwicklung, Ernährungssicherheit und Nachhaltigkeit zu fördern.

1.1 Als kostengünstiger Ansatz hat Agrarökologie ein größeres Potenzial als konventionelle, auf externe Betriebsmittel fokussierte Ansätze in der Landwirtschaft, weil sie für die Gesellschaft und für die Bäuerinnen und Bauern mehr Vorteile bringt.

1.2 Agrarökologie kann helfen, die gegenwärtige Ernährungskrise in ihren wichtigsten Aspekten – Unterernährung, Mangel an Mikronährstoffen sowie Übergewicht – zu bekämpfen, durch mehr Vielfalt auf dem Speiseplan und durch die bessere Möglichkeit, hochverarbeitete Lebensmittel zu vermeiden, etwa durch Selbstversorgung. Die Selbstversorgung stärkt auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber ökonomischen und ökologischen Schwankungen (Resilienz).

1.3 Da kleine und mittelgroße landwirtschaftliche Betriebe weltweit die meisten Nahrungsmittel erzeugen, sollten politischen Maßnahmen darauf ausgerichtet sein, diese Betriebe beim Überleben und in ihrer Weiterentwicklung zu unterstützen. Das ist auch ein substantieller Beitrag zur ländlichen Wirtschaft.

Empfehlung 2 - Ländliche Infrastruktur entwickeln

Regierungen sollten die ländliche Infrastruktur erhalten und entwickeln, insbesondere den Zugang zu sauberem Wasser. Dies würde beträchtliche positive Folgen für die Ernährungssicherheit, die Gesundheit und die gesamte ländliche Entwicklung haben.

2.1 Wasser ist ein grundlegendes Menschenrecht und in semiariden Gegenden eine lebenswichtige Ressource, der die spezielle Aufmerksamkeit von Regierungen und anderen Geldgebern gelten sollte. Baumaßnahmen und Unterstützung für angemessene Bewässerungssysteme und Zugang zu Wasser müssen ausgedehnt werden – verbunden mit der Bereitstellung von mehr Mitteln und fachlicher Unterstützung sowie einem wachen Auge für lokale Bedürfnisse und Einschränkungen. Dezentrale Infrastrukturen für Speicherung und Einsparung von Wasser können die Widerstandsfähigkeit semiarider Regionen verbessern.

2.2 Indem in von Kleinbäuer*innen benötigte Materialien wie Zäune zum Schutz der Agroforstwirtschaft und Kontrolle der Viehwirtschaft, Werkzeuge und Geräte zur Feldarbeit, Lebensmittelverarbeitung und Vermarktung investiert wird, kann der Erfolg agrarökologischer Projekte sowie die Existenzgrundlagen der Betroffenen enorm verbessert werden.

Empfehlung 3 - Zivilgesellschaft stärken

Regierungen und andere Geldgeber sollten verlässliche politische Räume für Partizipation schaffen, so dass Anregungen aus der Zivilgesellschaft auf politische Entscheidungen und Budgetzuteilungen einwirken können.

3.1 Die positiven Untersuchungsergebnisse aus Brasilien unterstreichen die Bedeutung einer staatlichen Politik, die ein förderliches Umfeld für agrarökologische Initiativen schafft. Deshalb sollten neue Umsetzungskonzepte erstellt werden, um einen partizipativen und sektorübergreifenden politischen Dialog zu ermöglichen und effektive politische Maßnahmen zu entwickeln und durchzuführen, welche durch ein partizipatives Monitoring weiter begleitet werden. Ein Beispiel dafür, wie ein solcher Umsetzungsrahmen aussehen könnte, ist der brasilianische Ernährungsrat (CONSEA), mit dem Brasilien in den letzten drei Jahrzehnten gute Erfahrungen gemacht hat.

3.2 Wichtig ist auch die Förderung der Fähigkeiten von Gemeinschaften vor Ort, von Basisorganisationen und sozialen Bewegungen, damit sie sich auf allen Ebenen organisieren, lokal bis international. So können sie konsolidierte Vorschläge entwickeln und diese an nationale und kommunale Regierungen, internationale Organe und Entwicklungsagenturen, Geldgeber aus Regierungs- und NRO-Kreisen herantragen und öffentlich aufrufen zu einer inklusiven ländlichen Entwicklung.

Empfehlung 4 - Erfahrungsaustausch unterstützen

Regierungen sollten lokale Einrichtungen zu agrarökologischem horizontalem Lernen befähigen und den Erfahrungsaustausch durch staatliche Institutionen unterstützen.

4.1 Landwirtschaftliche Beratungsdienste, ob gemeinnützig oder staatlich, müssen neu belebt und finanziell hinreichend ausgestattet werden. Es ist wichtig, durch horizontale Wissensweitergabe und durch informelle Lernformen Synergien zu entwickeln. Die Arbeit der MISEREOR-Partner war erfolgreich, weil sie sich an den Prinzipien des kooperativen Lernens und der gemeinschaftlichen Ausgestaltung von Praktiken orientiert haben. Probleme und Visionen wurden an der Basis angesprochen, technische Hilfe war auf den konkreten Bedarf ausgerichtet. Dieser Ansatz sollte ausgeweitet werden, um die derzeit von oben vorgegebenen Beratungsprogramme grundlegend umzugestalten.

Empfehlung 5 - Volkswirtschaften diversifizieren

Regierungen sollten die Ausbildung diversifizierter und inklusiver Volkswirtschaften unterstützen und fördern.

5.1 Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Agrarökologie arbeitsintensiv, sowie wirtschaftlich rentabel sein kann und das Potenzial hat, in ländlichen Gebieten Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Voraussetzung für weitere Fortschritte sind aber auch faire Arbeitsbedingungen und Entlohnung; außerdem sollte in der Entwicklungspolitik die Lebensmittelselbstversorgung mehr geschätzt werden.

Gleichzeitig hemmt Landlosigkeit die landwirtschaftliche Tätigkeit. Deshalb sollte die Politik etwas gegen die historischen Ursachen der Landlosigkeit unternehmen, aber auch gegen das aktuelle Problem des Land Grabbing – und sich für eine Agrarreform und Umverteilung einsetzen, die den Armen zugutekommt.

5.2 Grundsätzlich sollte eine Vielfalt an Absatzmärkten für die bäuerlichen Betriebe unterstützt werden, etwa lokale und regionale Märkte, aber auch öffentliche Beschaffungssysteme und Märkte, auf denen agrarökologische Betriebe einen Aufschlag für ihre Produkte erzielen können. Nachhaltige, inklusive Volkswirtschaften verdienen ein Entgegenkommen, indem bestehende politische Barrieren abgebaut und angemessene Hilfen umgesetzt werden sollten.

 

Anmerkungen

1 Die Bestimmung der Kaufkraftparität in „internationalen Dollar“ ist ein Versuch, Einkommensvergleiche zu standardisieren, indem berücksichtigt wird, dass die Wechselkurse nicht hinreichend abbilden, dass mit demselben Geldbetrag in verschiedenen Kontexten unterschiedlich viele Waren gekauft werden können. Die KKP-Umrechnungen in diesem Bericht basieren auf Angaben der Weltbank (2016).

 

Die vollständige Studie kann hier gelesen werden: https://www.misereor.org/fileadmin/user_upload/misereor_org/Publications/englisch/synthesis-report-agroecology.pdf

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