Alternative Hühnerzucht - Rettung für Bruder Hahn

Bislang werden jedes Jahr 40 Millionen Küken geschreddert oder vergast. Doch es gibt Alternativen.

Erstellt am

17.07.2018

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Von Katharina Reuter

Hinter dem brandenburgischen Hof auf der Wiese vertreiben sich die Hühner am liebsten ihre Zeit. Manche Hennen picken nach Würmern. Andere machen es sich im Gebüsch bequem. Hähne stolzieren umher. Es gackert. Draußen. Schon dreimal ist dieses Jahr der Fuchs gekommen. Er hat die Hühner übel zugerichtet, zwei von der Schar sind nach einer seiner Attacken gestorben. Aber ein leichtes Spiel hat er mit ihnen nicht.

Sie wehren sich. Denn sie sind so robust wie die Ahnen vor der Zeit der industriellen Landwirtschaft mit ihren auf Hochleistung gezüchteten Tieren. Name der besonderen Art: Marans-Hühner, Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie in der gleichnamigen Stadt im Westen Frankreichs gezüchtet. Doch was Retro klingt, ist Avantgarde. Mit diesen Hühnern könnte die Geflügelhaltung eine kleine Revolution erfahren. Zumindest wenn es nach denen geht, die zeigen wollen: Es gibt Hühnerrassen, die Eier und Fleisch bieten. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Seit den 1950er Jahren haben die Züchter den einstigen Multi-Tasking-Hühnern eine Arbeitsteilung auferlegt: Sie schufen zum einen die Legehybride, die in großen Mengen die proteinreiche Frühstücksbeilage liefern. Zum anderen die Masthybride, die in wenigen Wochen sattes Fleisch ansetzen.

Die Konsequenz: In den Mastställen sind zwar weibliche und männliche Tiere von Nutzen, in den Legeställen aber nur die Hennen. Darum werden nun jedes Jahr in der hiesigen Landwirtschaft rund 40 Millionen Küken nach dem Schlüpfen aussortiert und dann gehäckselt oder mit Kohlenmonoxid erstickt. Auch für die Biolandwirte gibt es keine gängigen Ausnahmen. Ihre Küken kommen zumeist aus jenen Zuchtbetrieben, die auch die konventionellen Kollegen beliefern.

Die Suche nach dem Ausweg

Noch vor gut zehn Jahren beschäftigte dieses Problem in der intensiven Landwirtschaft, die Verfechter nennen es die „moderne Hochleistungszucht“, einige wenige. Doch die Sache ist für die Branche heikel. Brigitte Rusche ist Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes. Sie hält das Kükentöten für eines der „größten ungelösten Probleme, das die Nutztierwirtschaft heute hat“.

Eine Branche gerate aber „schnell unter Druck, wenn das öffentliche Interesse nur groß genug ist.“ Die Bioverbände – Demeter war der erste – suchen längst nach Auswegen. Zu den Idealen der Biobetriebe passt das Kükenmassaker einfach nicht. Aber auch andere müssen umdenken.

Nordrhein-Westfalen hat als erstes Bundesland die umstrittene Praxis untersagt. Die Behörden dort haben den Brütereien bis zum 1. Januar 2015 eine Frist gesetzt, um Alternativen zu finden. Den Anstoß dafür gab die Staatsanwaltschaft Münster. In einem Verfahren gegen eine Kleinbrüterei im Kreis Coesfeld stellte sie im Jahr 2013 fest, dass das Töten männlicher Küken tierschutzwidrig ist.

Denn: Nach Paragraph 1 des Deutschen Tierschutzgesetzes ist das Töten von Tieren ohne vernünftigen Grund verboten. Produzentenland Nummer eins ist in Deutschland aber freilich Niedersachsen. Die großen der Branche halten am bisherigen Hochleistungsmodell fest. Dabei tut sich was.

Mehrkosten: vier Cent

Eine Reihe von Alternativen werden erprobt. Etwa bei Biobauer Carsten Bauck. Er lässt die Männer der herkömmlichen Legehennenrassen einfach auf seinem Hof in der Lüneburger Heide mitlaufen und verkauft sie später. Die Kosten für Futter und Vermarktung schlägt er auf den Eierpreis auf: vier Cent pro Ei. Bauck ist kein Einzelkämpfer, er hat zusammen mit anderen die „Bruderhahninitiative“ gegründet. 23 Betriebe sind daran beteiligt. Allein im letzten Jahr haben sie vier Millionen Eier verkauft und 10.000 Hähne aufgezogen.

Andere Biobetriebe setzen auf die alten Hühnerrassen, die Marans oder auch die Les Bleues. Vor drei Jahren haben zum Beispiel die Bio-Großhändler Terra Naturkost und Naturland das Projekt „ei care“ gestartet. Zusammen mit Biobauern. Sie ziehen die Schwestern und Brüder der Hühner mit den blauen Füßen, die Les Bleues, groß. Vor allem züchten sie sie auch selbst weiter. Die Eier und das Fleisch dieser sogenannten Zweinutzungshühner verkaufen sie dann mit einem Aufpreis: Ein Ei kostet etwa zehn Cent mehr, ein Kilo Fleisch etwa zwei Euro mehr als sonst üblich im Bioladen.

Aber nicht nur die Biobauern versuchen Neues. Lohmann Tierzucht, einer der Weltmarktführer in der Geflügelzucht, hat erst letztes Jahr ein Zweinutzungshuhn auf den Markt gebracht: „Lohmann Dual“. Die Hennen legen rund 250 Eier im Jahr, 50 weniger als die Standardlinie »Lohmann Brown«. Zugleich benötigen sie 50 Prozent mehr Futter. Das heißt: Das Ei wird um 30 Prozent teurer.

Die Hähne bringen im Vergleich zu den Turbo-Mast- Rassen weniger Fleisch auf die Waage. Trotzdem findet sich das Ergebnis bereits in den Regalen – in der Schweiz. Seit Juli 2014 vermarktet das Handelsunternehmen coop in der Region Zürich Eier und Fleisch vom Zweinutzungshuhn. Die Produkte liefern Schweizer Biohöfe, die seit Anfang diesen Jahres 2.500 weiblichen und 2.500 männlichen Dual-Hühner halten.

„Der Markt ist entkoppelt“

Es sei nicht so einfach, das bisherige System umzustellen, erklärt Tierschützerin Brigitte Rusche. Die Landwirte kennen sich bisher entweder gut in der Eier- oder in der Fleischproduktion aus. Sie haben für das eine passende Ställe oder für das andere. Beides zusammen sind sie nicht mehr gewohnt. Rusche: „Der Markt ist komplett entkoppelt“. Das müsse sich ändern, Landwirte müssten geschult, Ställe finanziert werden.

Läden wie Rewe oder Edeka müssten darüber hinaus mitziehen. Das fordert Christine Bremer. Sie arbeitet auf dem Biohof von Christian Bauck in der Nähe des niedersächsischen Uelzen und sagt: „Nur die Lebensmittelketten können dafür sorgen, dass Fleisch und Eier der Zweinutzungshühner in größerem Umfang vermarktet werden.“

Das dauert aber noch ein wenig. Edeka als einer der größten Handelskonzerne Deutschlands „prüft“ derzeit, so heißt es dort, ob in allen Läden Eier und Fleisch der Multi-Tasking-Hühner zusammen verkauft werden können. Bisher böten nur die Inhaber einzelner Filialen diese in Eigenregie an. Und Konkurrent Rewe erklärt, die Tötung von Millionen von männlichen Küken sei „nicht akzeptabel“.

Das Unternehmen beschäftige sich „intensiv damit, gangbare Alternativen zu finden“ und wolle „in weniger als fünf Jahren“ den Durchbruch schaffen. Die Industrie setzt derweil auf High-Tech – auf die Bestimmung des Geschlechtes schon im Ei. Die Eier, in denen männliche Küken reifen, könnten dann früher aussortiert werden. Noch taugt die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung allerdings nicht für die Praxis. Ohnehin wäre sie für kleinere und mittlere Höfe nicht bezahlbar.

Zudem ist auch diese Methode aus Sicht des Tierschutzes fragwürdig. Das Geschlecht kann erst bestimmt werden, wenn der Embryo schon Schmerz empfindet. Also ist wenig gewonnen. Wissenschaftler der Universität Leipzig forschen trotzdem an der Methode, sie werden mit einem millionenschweren Förderprogramm des Bundes unterstützt. Verbrauchern, die nicht vegan leben, aber das Kükentöten stoppen wollen, bleibt vorerst nur eins: Sie kaufen von den Bauern Eier und Fleisch, die sich heute schon um die Alternativen kümmern.

 

Dieser Artikel ist zuerst hier erschienen:

Reuter, Katharina (2015). Rettung für Bruder Hahn. In: zeo2 - Das Umweltmagazin, 2015, 01. URL: https://shop.taz.de/product_info.php?products_id=243888

nachzulesen auch auf http://www.taz.de/!152301/

 

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