"Fruchtbringende" Land-Stadt-Beziehungen

Nur ein Bruchteil dessen, was Städter heute essen und trinken, stammt vom nahen Land. Das war einst anders. Und könnte wieder anders werden. Genug stadtnahe Flächen gäbe es.

Erstellt am

29.03.2019

 Markt in Valbonne

Markt in Valbonne, CC0

Von Gundula Oertel

Nur ein Bruchteil dessen, was Städter heute essen und trinken, stammt vom nahen Land. Das war einst anders. Und könnte wieder anders werden. Genug stadtnahe Flächen gäbe es. Politische Initiative zur »Relokalisierung« unserer Ernährungssysteme ist rar. Doch das bürgerschaftliche Engagement dafür wächst!

1883 beschloss der Magistrat von Berlin den Bau von insgesamt 14 Markthallen. Knapp acht Jahre später war der Plan städtebauliche Wirklichkeit. Unter den Dächern kühler, gut durchlüfteter Hallen stand der wachsenden Bevölkerung überall in der Stadt ein wohnortnahes Angebot frischer Lebensmittel zur Verfügung. Und das meiste davon stammte aus ihrer unmittelbaren Nähe! Von so stark regional geprägter Versorgung sind urbane Ernährungssysteme heute weit entfernt. Und Stadtverwaltungen, die Ernährungspolitik für ihre Bürger als strategisch geplante Chefsache betreiben, sucht man vergebens. Dabei ist ernährungspolitisches Umdenken dringend geboten! Immerhin nimmt die Bevölkerungskonzentration in den Städten weiter zu. Und die Folgen unserer industrialisierten Ernährungsweise kann niemand mehr leugnen. Negative Auswirkungen auf die Umwelt, auf die Gesundheit von Menschen und Tieren sowie klaffende Gerechtigkeitslücken, global wie lokal, sind dabei längst nicht alles. Doch der Unmut wächst über diese Art Nahrungsversorgung, die Produktion und Konsum räumlich und zeitlich immer stärker trennt. Fachleute sprechen von »Delokalisation « und warnen, dass die damit verbundene Abhängigkeit von externen Faktoren die Nahrungssicherheit auch der Städte des Nordens bedrohe. Ein Warnsignal, dass viele fragen lässt, wie wir dem entfremdeten Konsum entkommen und die zukunftsfähige »Relokalisierung« unserer Ernährungssysteme tatsächlich erreichen können.

Was stillt den Hunger der Städte?

Berlin: Den Flächenbedarf für eine regionale Lebensmittel-Versorgung Berlins untersuchten Wissenschaftler der Martin- Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ihr Fazit: Knapp zwei Drittel der benötigten Agrarfläche für den Bedarf der Berliner stünden im Inland zur Verfügung. Ein großer Teil davon direkt vor den Toren der Stadt! Flächenbezogen wäre die Rückkehr zur regionalen Versorgung Berlins also kein Problem. Notwendige Bedingung für einen solchen Wandel wäre aber, die heute zu Ernährungszwecken pro Kopf beanspruchte Fläche auf ein »sozial- ökologisch verträgliches« Maß zu reduzieren. Was besonders effektiv mit weniger Fleischverbrauch und Lebensmittelverschwendung erreichbar wäre!

Hamburg: Ende 2016 kam eine Studie der HafenCity Universität Hamburg zu dem Ergebnis, die Hamburger Region könnte zu hundert Prozent mit Biolebensmitteln aus einem 100-Kilometer-Radius versorgt werden. Vorausgesetzt, die Hamburger ließen beim Essen an zwei, besser noch an drei oder vier Tagen das Fleisch weg.

Wien: Österreichs Hauptstadt verkündete dieses Studienergebnis: »Der Gemüsebedarf von 2,5 Mio. Einwohnern in Wien und den Umland-Gemeinden kann regional gedeckt werden.« Ließen die Wiener allerdings das eine oder andere Schnitzel zugunsten von mehr Gemüse weg, müsste dessen Anbau im Umland leicht zulegen.

Freiburg ließ die Frage untersuchen, welchen Anteil regionale Produkte am Lebensmittelkonsum ihrer Einwohner haben. Die Daten des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FIBL) vom Mai 2016 zeigen: Die Region versorgt die Freiburger derzeit mit ganzen 12 bis 20 Prozent, während das meiste vom globalen Markt stammt! Das Freiburger Umweltdezernat sprach daraufhin von einem Appell an die Stadt, ihre Konsumenten und die regionalen Erzeuger einander näherzubringen.

Versorgungsökonomie aus Bürgerhand

Darauf hat Christian Hiß nicht gewartet! Lange bevor Studien die Dringlichkeit regionalisierter Ernährungs-Strategien zeigten und Politiker sie als wegweisend lobten, setzten der gelernte segärtner und seine Mitstreiter solche Pläne einfach selbst in die Tat um. Die Idee, gemeinsam und mit eigenen Mitteln lokale Versorgungstrukturen für die Region Freiburg zu (re)etablieren, und dabei weder auf politische Unterstützung noch auf finanzielle Förderung von außen zu warten, entstand vor mehr als 10 Jahren in Eichstetten. Hiß ist dort, keine 20 Kilometer von Freiburg entfernt, geboren. Sein Vater betrieb in dem Ort, der als »Wiege des Ökolandbaus in Deutschland« gilt, schon 1951 einen Biohof. Als Sohn Christian 1961 zur Welt kam, trugen allein in Eichstetten acht Biobetriebe zur Nahversorgung im Breisgau bei. Mit gerade mal 21 Jahren gründete Hiß junior seinen eigenen Gemüsebaubetrieb. Zwei Jahrzehnte lang gedieh das junge Unternehmen gut, produzierte nicht nur Gemüse für den lokalen Bedarf, sondern auch eigenes Saatgut und bereicherte als Züchter die lokale Sortenvielfalt. Dann jedoch geriet die Betriebsentwicklung ins Stocken. Neben der wirtschaftlichen Gesundheit seines Unternehmens ging es Hiß immer auch um sozialökologische Werte und um eine ortsund situationsangepasste, krisenfeste Versorgungsstruktur. Doch für derart zukunftsfähige Unternehmensführung war im Jahr 2000 keine Unterstützung zu bekommen. Nicht von der Politik, und erst recht nicht von Banken.

Bürgeraktien für den lokalen Wandel

Zum Glück erwies sich schließlich der eigene Betrieb als fruchtbringende Ideenschmiede. Regelmäßig fanden sich dort Nachbarn und Kollegen aus der Gegend zur »Kultur im Gewächshaus« zusammen. Und eine der dort kultivierten Ideen war die 2006 gegründete Regionalwert Bürgeraktiengesellschaft Freiburg! Deren Kernidee ist es, privates Kapital zu sammeln, um es dann im Regierungsbezirk Freiburg gezielt in Biobetriebe der gesamten Wertschöpfungskette zu investieren, vom Acker bis zum Teller und zur Reststoffverwertung. Als Aktionäre werden die Konsumenten vor Ort direkt an regionale Strukturen gebunden, weil ihnen Anteile an den eher kleinen Unternehmen gehören, die sich um ihr Essen kümmern. Geld aus Bürgerhand wird damit systematisch in eine Lebensmittelwirtschaft investiert, die Menschen in ihrer Nähe versorgt, nicht ferne Märkte. Mit modernen Mitteln, digital unterstützt, aber auf der Ebene der Produktionsmittel strikt gemeinwohlbasiert! Anfangs war Christian Hiß Alleinaktionär. Heute sind zur Hauptversammlung 114 Anteilseigner eingeladen und das Aktienkapital beträgt 3,5 Millionen Euro. Um allein große Veränderung an der len Versorgung zu bewirken, ist die Regionalwert AG im Raum Freiburg dennoch zu klein. Doch Hiß sieht seine Mission auch darin, »Bewusstsein in die entsprechenden gesellschaftlichen und politischen Prozesse zu bringen«.

Ernährungspolitik von unten

Die Botschaft vom Umlenken privaten Kapitals in zivilgesellschaftlich bestimmte Transformationsprozesse stößt auf offene Ohren. Drei weitere Regionalwert AGs sind schon dazugekommen: in Hamburg, im Rheinland sowie im Raum Isar/Inn. In Berlin und Brandenburg sieht soeben die fünfte ihrer Gründung entgegen. Christian Hiß stand und steht den Gründern als Berater zur Seite. Dies und die weitere Verbreitung des Regionalwert Bürgeraktien-Konzepts ist der Geschäftszweck seiner seit 2010 zusätzlich bestehenden Regionalwert Treuhand UG & Co.KG. Zweifellos kommt der angestrebten »Relokalisierung « zentrale Bedeutung zu, wenn es darum geht, unsere Ernährungssysteme zukunftsfähig und gerecht zu machen. Es ist deshalb auch kein Zufall, wenn zwischen Regionalwert AGs und den hierzulande ersten Ernährungsräten, die im Frühjahr 2016 in Köln und Berlin gegründet worden sind, Querverbindungen bestehen. So ist etwa die Regionalwert AG im Rheinland auch im Kölner Ernährungsrat vertreten. Und Timo Kaphengst lässt seine Expertise als Gründer der Berliner Regionalwert AG mit in die Arbeit des Sprecher* innenkreises im Ernährungsrat Berlin einfließen.

Demokratie vom Acker bis zum Teller

Die Rückkehr zur Versorgung der Städte aus der Region ist eine wichtige, doch längst nicht die einzige Forderung, die Ernährungsräte im Visier haben. Ihr erklärtes Ziel ist Ernährungsdemokratie! Das heißt, sie wollen die Bestimmungsmacht über unsere Nahrungsversorgung, die heute zu großen Teilen bei der internationalen Agrarlobby und Nahrungskonzernen liegt, wieder in den unmittelbaren Einflussbereich der Konsumenten zurückholen. Immerhin sind Lebensmittel keine x-beliebige Ware. Ihre Erzeugung und die Teilhabe an ihrem Konsum dürfen nicht allein wirtschaftlichen Zielen dienen! Und welche Unternehmensbilanz weist schon Gerechtigkeit, Zukunftsfähigkeit oder demokratische Willensbildung als Gewinn aus? Genau deshalb verlangen Ernährungsräte Politikern kommunale Ernährungsstrategien ab, die demokratischen Bürgerrechten und dem Menschenrecht auf Nahrung verpflichtet sind, nicht »marktkonformer Demokratie«. Auch Verbraucherrechten, etwa einem allgemeinen Verfügungsrecht über Saatgut und Tierzucht, als Grundlage echter Wahlfreiheit bei allem, was auf unsere Teller kommt, wird nur ein zukunftsfähiges, demokratisch bestimmtes Ernährungssystem den gebührenden Vorrang einräumen. Der Ernährungsrat Berlin appelliert dabei an den Berliner Senat, die nötige Strategieentwicklung im direkten Dialog mit Berlinern und Brandenburgern zu entwerfen. Damit sich das Ernährungssystem der Stadt künftig wieder vorwiegend auf regionale Landwirtschaft und Verarbeitung stützt und Natur- und Umweltschutz vom Acker bis zum Teller und der Zugang zu guten Lebensmitteln dabei für alle selbstverständlich werden. Ebenso wie gestärkte lokale Märkte, faire Preisbildung und existenzsichernde Einkommen. Um mehrheitlich regional erzeugte Produkte auf Berliner Teller zu bringen, sucht Timo Kaphengst derzeit noch Gründungsaktionäre zum Start seiner Berliner Regionalwert AG! Auch als Sprecher im Ernährungsrat Berlin liegt ihm die Flächenverfügbarkeit in Brandenburg sehr am Herzen. Wenn die Relokalisierung des Berliner Ernährungssystems gelingen soll, dann muss unter anderem schleunigst die großflächige »Vermaisung« gestoppt werden, die junge Biolandwirte in Brandenburg klein hält oder sogar ganz verdrängt! 

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Mai 2017 im Slow Food Magazin. Zudem ist er Teil des Buches "Genial Lokal -  So kommt die Ernährungswende in Bewegung" von Valentin Thurn, Gundula Oertel, Christine Pohl. Die hier hochgeladene Version erscheint mit freundlicher Genehmigung des oekom Verlags. www.oekom.de/nc/buecher/vorschau/buch/genial-lokal.html

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