Insekten essen, um den Kapitalismus zu retten?

Insekten sollen als 'Nahrung der Zukunft' Umweltzerstörung und Welthunger lindern. Dies droht jedoch als reine Symptombekämpfung zu scheitern. Das spricht aber nicht dagegen, Insekten zu essen. Eine Analyse und Kritik des Insektenlösungsnarrativs mit Video über die Zubereitung von Bienen.

Erstellt am

19.09.2018

Ein profitorientierter Insektenstand in Bangkok nach Sonnenuntergang, Hell erleuchtete Straßen,, McDonalds ist nicht weit entfernt

Profitorientierter Insektenstand in Bangkok, © Andrew Müller

Von Andrew Müller

Insekten als Lösung

Die EU hat begonnen, Insekten offiziell als Nahrungsmittel zuzulassen. Denn die Welternährungsorganisation (FAO), Wissenschaftler und weitere Unterstützer der sogenannten Entomophagie preisen sie als gesunde, sichere und nachhaltige Nahrungsquelle. Die kleinen Proteinbomben sollen sogar einen wesentlichen Beitrag zur Lösung gewaltiger Probleme leisten: Welthunger, Fleischkonsum, Klimawandel.

Das klingt zunächst einleuchtend: Insekten setzen Biomasse schneller und effizienter in hochwertige Nährstoffe um als konventionelles Vieh. Da sie wechselwarm sind, verbrauchen sie bei gleichzeitig niedrigerem CO2-Ausstoß deutlich weniger Wasser, Land und Futter1. Also heißt es, mit Hilfe von Sechsbeinern ließe sich 'die Welt retten'. Größte Hürde sei, dass wir im Westen (noch) keine Lust auf Maden und Käfer haben. Dieses 'Insektenlösungsnarrativ' ist jedoch ein Trugschluss. Und zwar nicht, weil Entomophagie eklig, ungesund oder primitiv wäre.

Mehr als eine kalkulierbare Proteinquelle

Insekten sind die weitaus größte Tiergruppe der Erde. Allein die bisher gut 2000 als essbar identifizierten Arten sind keine homogene Masse von 'Proteinlieferanten'. Sie sind unglaublich vielfältig – und besitzen je nach Spezies, Futter, Entwicklungsstadium, Zubereitungsweise usw. ganz unterschiedliche Nährwerte und geschmackliche Eigenschaften.

Aufnahme von oben, Frau auf einem Tuch mit einer Vielzahl von Schüssel vor sich, in denen auch Insekten zu erkennen sind

Wild gesammelte Produkte auf einem laotischen Markt - Insekten werden seit jeher von Menschen gegessen

Dasselbe gilt für die Nachhaltigkeit. Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass die Ökobilanz bei industrialisierter Zucht nicht so bemerkenswert2 ist wie die abstrakten Versprechen der 'Entomophagie-Bewegung' nahelegen. Außerdem sind technische Machbarkeiten nur das eine und sollten nicht über soziale und politische Aspekte hinwegtäuschen3. Dies verdeutlicht ein Blick nach Thailand, welches als zukunftsweisendes Vorbild gilt.

Thailand – Schattenseiten eines wachsenden Marktes

Während viele Insekteness-Traditionen auf dem Land aussterben, entsteht ein neues, immer weiter wachsendes Entomophagie-Business. Die hippe Bangkoker Jugend verspeist – ähnlich wie einst ihre Großeltern – wieder Heuschrecken & Co. Nur werden sie nunmehr als Fast Food zubereitet – und sind deutlich teurer als Fleisch. Ein Mann berichtete:

„Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe als Kind alle möglichen Nahrungsmittel wie Insekten kostenlos in der Natur gesammelt. Jetzt bin ich Bauarbeiter in Bangkok und der Lohn reicht trotz der harten Arbeit selten, um mir Wasserwanzen zu kaufen – dabei esse ich die so gerne!“

Viele üblicherweise wild gesammelte Arten sind inzwischen durch menschenverursachte Umweltveränderungen selten geworden. Daher überrascht es nicht, dass Thailand mit etwa 20.000 Grillenfarmen auch Pionier der Insektenzucht ist. Dabei kommt jedoch Futter mit Importsoja und Fischmehl zum Einsatz, welches neben der Ökobilanz auch Qualität und Geschmack mindert.

eine Hand hält zwei der Riesenwasserwanzen in die Kamera

Die in Thailand sehr beliebten Riesenwasserwanzen sind Karnivoren - und damit keine besonders nachhaltige Speise

Der lukrative Sektor bietet zwar neue Einnahmequellen und Aufstiegsmöglichkeiten. Zunehmend aber setzen sich erfolgreiche Geschäftsleute ab und sichern ihre Millionengewinne. Auf der anderen Seite stehen die vielen ungelernten Arbeiter, welche die Tiere waschen, verarbeiten, zubereiten und verkaufen. Viele von ihnen sind Frauen, Kinder sowie Migranten und verdienen als Tagelöhner teilweise gerade ein Drittel des Mindestlohns.

Arme Länder wie Laos und Kambodscha exportieren Insekten in die urbanen Zentren Thailands. Dort landen sie dann im Magen von Menschen, die eher mit Übergewicht zu kämpfen haben als mit Proteinmangel. Da es sich zumeist nicht um Hauptmahlzeiten, sondern um zusätzliche Snacks handelt, ersetzen sie noch nicht einmal Fleisch.

Was sagt einem das über Insekten als 'Nahrung der Zukunft'? Eine ältere Frau im ländlichen Nordosten Thailands formulierte es so:

„Ich glaube, es ist eine schlechte Idee, sie in der modernen Welt als Snacks einzuführen. Benötigen diese Unternehmen viel Rohmaterial, werden sie es massenweise von uns aufkaufen, und unsere Kinder haben dann nicht genug zu essen. Wenn die Nachfrage nach Insekten plötzlich steigt, verstärkt das die Zerstörung unserer Ökosysteme und belastet die ländliche Bevölkerung zusätzlich.“

Insekten als Waren im globalen Kapitalismus

Derartige Einwände und Widersprüche gelten nicht nur für Thailand – von wo übrigens immer mehr westliche Firmen ihr Grillenmehl beziehen. Im Entomophagie-Diskurs heißt es zwar, dass vermeintlich nachhaltige Insekten-Nahrungsmittel für alle erschwinglich werden, sobald ihre Produktion ausreichend automatisiert und hochgefahren ist. Dabei wird aber unterschlagen, dass es in Bezug auf Nachhaltigkeit, Tierwohl, Medikamenteneinsatz usw. zu ähnlichen Schwierigkeiten kommen kann wie in der bestehenden Intensivtierhaltung. Und dass globale Marktmechanismen selbst Teil des Problems sind, zeigt sich besonders deutlich beim Thema Welthunger.

Es gibt bereits genügend Nahrung für alle, nur ist sie strukturell ungleich verteilt. Während die Privilegierten Zugang zu jeder Delikatesse haben, verhungern andere, weil sie arm sind. Daran würde auch Insektenprotein in Massen nichts ändern. Solange das bestehende Ernährungssystem bleibt, hungern weiter Abermillionen Menschen. Denn es ist in kapitalistische Märkte eingebettet, und die sind ungerecht4.

Kinderarbeit im Insektenbusiness - so werden Heuschrecken für den Export nach Thailand vorbereitet

An den tieferen Ursachen von Welthunger und ökologischer Krise kann eine neue Ware nichts ändern – sie sogar verschärfen. Insekten, so lecker und vielversprechend sie sind, bilden keine Ausnahme. Wenn sie primär produziert werden, um Profit zu generieren, helfen sie weder 'dem Planeten' noch hungernden Menschen. Das einzige, was dann gerettet wird, ist der Kapitalismus – und damit auch die Probleme, die Entomophagie angeblich lösen kann.

Bienen essen, um Abfall zu retten

Viel Weltrettungs-Hoffnung sollte man also nicht in die Entomophagie-Bewegung investieren. Dennoch mögen bestimmte Insekten für bewusste oder neugierige Konsumenten eine interessante Alternative sein. Auch innerhalb des bestehenden Ernährungssystems kann man beginnen, seinen kulinarischen Horizont nachhaltig zu erweitern – zum Beispiel mit Bienen. Viele Imker töten nämlich männliche Brut, um das Bienenvolk vor Parasiten zu schützen. Dieser tonnenweise entstehende 'Abfall' ist in vielen Kulturen eine geschätzte Speise. Und es handelt sich tatsächlich um eine ungenutzte lokale Ressource mit großem geschmacklichen Potential5. Es wartet nur darauf, erkundet zu werden. Das folgende Video zeigt einige unserer kulinarischen Experimente mit Bienen in Berlin.

https://vimeo.com/222084439 (Video von Matthias Fritsch)

Quellen

1 Van Huis, A., Van Itterbeeck, J., Klunder, H., Mertens, E., Halloran, A., Muir, G. & Vantomme, P. (2013). Edible Insects: Future Prospect for Food and Feed Security. Rome: FAO. URL: http://www.fao.org/docrep/018/i3253e/i3253e.pdf

2 Lundy, M. E., & Parrella, M. P. (2015). Crickets Are Not a Free Lunch: Protein Capture from Scalable Organic Side-Streams via High-Density Populations of Acheta domesticus. PLOS ONE, 10(4), e0118785. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0118785

3 Müller, A., Evans, J., Payne, C. l. r., & Roberts, R. (2016). Entomophagy and Power. Journal of Insects as Food and Feed, 2(2), 121–136. https://doi.org/10.3920/JIFF2016.0010

4 Nagel, A. (2012). „Wir lassen sie verhungern“ - Interview mit Jean Ziegler | bpb. URL: https://www.bpb.de/dialog/145727/wir-lassen-sie-verhungern-interview-mit-jean-ziegler

5 Jensen, A. B., Evans, J., Jonas-Levi, A., Benjamin, O., Martinez, I., Dahle, B., Roos, N., Lecocq, A., Foley, K. (2016). Standard methods for Apis mellifera brood as human food. Journal of Apicultural Research, 0(0), 1–28. https://doi.org/10.1080/00218839.2016.1226606

Dieser Artikel steht unter folgender CC Lizenz: BY-NC-SA. Die Bildrechte liegen beim Autor.

 

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