Online-Diskussion: Braucht die Landwirtschaft Tiere?

Ende vergangenen Jahres haben wir uns an einem neuen Format für die Plattform versucht und zum ersten Mal eine Online-Diskussion zum Thema „Tiere in der Landwirtschaft“ durchgeführt. Lest jetzt die Ergebnisse.

Erstellt am

11.03.2019

Hund und Schwein laufen nebeneinander auf einer grünen Wiese auf die Kamera zu

Spaziergang mit Hund und Schwein, CC-SA-2.0 von Tamsin Cooper auf flickr.com

Vorstellung der Teilnehmenden

Wilfried Bommert ist Journalist, Sachbuchautor und Sprecher des “World Food Institute - Institut für Welternährung e.V.” in Berlin. Das Institut setzt sich für eine Ernährungswende und die Sicherung der Welternährung ein. Hier geht’s zur Projektvorstellung.

Anja Bonzheim hat Ökolandbau und Vermarktung sowie Öko-Agrarmanagement in Eberswalde studiert und beschäftigte sich bereits in ihren Abschlussarbeiten mit bio-veganem Anbau. Mittlerweile engagiert Frau Bonzheim sich in dem neu gegründeten Verein "Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau", der sich für eine Kreislaufwirtschaft ohne landwirtschaftliche Tierhaltung einsetzt. Eine Projektvorstellung des Vereins ist hier zu finden.

David Geier ist Mitgründer des Sozialunternehmens “Hof Windkind”, das nahe Berlin als erster bio-veganer Hof der Region Walnüsse anbaut. Das Unternehmen spendet zudem Teile des Gewinns an soziale Projekte. Eine ausführlichere Beschreibung bietet diese Projektvorstellung.

Grundlegende Bewertung

Wilfried Bommert: Wir brauchen Tiere. Bei uns, um das Grünland unserer Mittelgebirge zu beweiden. Also Rinder und Kühe. Die brauchen wir auch in den Ländern des Südens für die großen Graslandschaften. Ob wir Schweine brauchen oder Hühner ist eine andere Frage, nämlich wofür? Früher waren sie Abfallverwerter in bäuerlichen Familienbetrieben. Heute sind sie das auch noch in vielen Ländern. Die intensive Fleischmast ist eine Erfindung der Industrieländer, der industriellen Landwirtschaft. Die brauchen wir nicht.

Anja Bonzheim: Die Haltung von Nutztieren trägt einen großen Teil zum Klimawandel bei. Zudem findet die Haltung von Tieren meist auf eine Art und Weise statt, die nicht den Bedürfnissen der Tiere entspricht. Die Haltung von Tieren und deren Fütterung bringt noch dazu eine sehr ineffiziente Flächennutzung mit sich. Die direkte Nutzung pflanzlichen Aufwuchses für den menschlichen Konsum wäre weitaus effizienter und klimaschonender. Grünflächen können gemäht und kompostiert werden - lange gelagerter pflanzlicher Kompost ist ein wunderbarer Bodenfruchtbarkeitsmehrer. Schlecht zugängliches Grünland darf trotzdem beweidet werden. Immerhin würde durch den Wegfall von Futtermitteln auf dem Acker enorm viel Land frei. Da brauchen wir dieses Grünland gar nicht mehr zu nutzen. Genauso wenig die Tiere, die es fressen.

Graslandschaften und Wiederbewaldung

Wilfried Bommert: Wichtig sind die Tiere, die auf Grasland weiden. Sie sorgen auch durch den Erhalt der Graslandschaften dafür, dass dort große Mengen an Klimagasen gespeichert werden können. Sie werden durch die Gräser gebunden, die dann zu Humus werden. Grasland ist eine wichtige Klimagassenke. Deshalb muss es erhalten werden und das geht nur über die Tiere, die es beweiden.
Was heute noch als Grünland vorhanden ist, liegt im Tiefland in den Flussauen und im Hochland im Gebirge. Alles, was irgendwie zu beackern ist, wurde in den letzten Jahren umgebrochen, vor allem für den Anbau von Mais für die Milchviehhaltung, für Schweinefutter oder für Biogasanlagen.

David Geier: Unseren Hof bewirtschaften wir aus ökonomischen, ökologischen und ethischen Gründen nach bio-veganen Anbaumethoden. Die Flächennutzung durch Tierhaltung ist äußerst ineffizient. Der Nährstoffkreislauf kann nicht optimal genutzt werden. Ob wir wirklich Tiere brauchen, die die Grünflächen des Mittelgebirges beweiden, bezweifle ich zumindest. Schließlich ist dieses Grünland in den meisten Fällen ein künstlicher Zustand, früher stand dort mal ein Wald. Einen Teil dieser Flächen könnte man wieder aufforsten und so einen Beitrag zur Bindung von CO2 leisten.



Anja Bonzheim: Wir sollten die Option einer Wiederbewaldung zugunsten der dringend notwendigen Rettung unseres Klimas in Betracht ziehen. Artenschutz erreichen wir über Vielfalt auf den Feldern, Mischkultur und Förderung von Habitatstrukturen. Wenn Monokulturen, denen meist die Notwendigkeit der Futterproduktion zugrunde liegt, wegfallen, haben wir schon sehr viel für die Artenvielfalt getan. Auch Wälder sind wichtige Habitate. Ein Umdenken bezüglich der Tiernutzung hat für unser Klima und unsere Artenvielfalt so viele Vorteile, dass das Argument, Grünland müsse aus Arten- oder Klimaschutzgründen für die Tierhaltung genutzt werden, nicht mehr zieht. Es spricht auch niemand davon, es umzubrechen, das wäre ja fatal.

Wilfried Bommert: Natürlich kann Gras auch kompostiert werden. Es kann auch in Biogasanlagen genutzt werden, um Wärme und Strom zu gewinnen. Aber das trifft nur für Flächen zu, die in Menschennähe liegen. Das ist in den Mittel- und Hochgebirgen nicht der Fall und auch in Savannen und Steppen klappt diese Verwertung nicht. Hier bleiben wir auf die Wiederkäuer angewiesen, also auf Rinder, Schafe und Ziegen.




Wilfried Bommert: Die Bedeutung des Grünlandes unterscheidet sich je nach Bundesland. Im Schnitt macht es in Deutschland ungefähr 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche aus. Bei uns beträgt die Fläche des Grünlandes 4.770.000 Hektar. Weltweit jedoch dominiert Grasland in Form von Steppen und Savannen. Für Hirtenvölker in Afrika ist es die wichtigste Lebensgrundlage.

 

David Geier: In den trockenen Gebieten Afrikas gibt es zum großen Teil landwirtschaftliche Mechanismen, die auf Beweidung und Rotation ausgerichtet sind. Diese können durchaus nachhaltig sein und gleichzeitig die Menschen vor Ort mit Lebensmitteln versorgen.

Anja Bonzheim: Zwei Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche weltweit ist Grünland. Jedoch ist das restliche Drittel Ackerland zu zwei Dritteln in Benutzung, um Tierfutter darauf anzubauen. Wenn wir also dieses Ackerland stattdessen nutzen, um Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst und Getreide für die menschliche Ernährung anzubauen, haben wir die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt, zumal die Nutzung viel, viel effizienter stattfindet. Der Umweg über den Tiermagen, der mit großen Nährstoffverlusten einhergeht, wird umgangen. Grünlandflächen, die gemäht werden, können zur Kompostierung bis hin zur Herstellung von Humuserde, einer Erde, die sehr viel stabil gebundenen Kohlenstoff und keinerlei Formen auswaschbarer Nährstoffe enthält, genutzt werden. Allein diese Ausgangslage macht die Nutzung von Grünlandflächen, die nicht maschinell mähbar sind, hinfällig. Wir brauchen sie schlichtweg gar nicht zu nutzen.

Anja Bonzheim: Geht es uns um den Erhalt der Offenland-Kulturlandschaft, müssen die dort lebenden Tiere nicht genutzt werden. Das erfordert ein gutes Herdenmanagement, in welches die Gesellschaft zum Erhalt der Kulturlandschaft bereit sein müsste, zu investieren.

Anja Bonzheim: Was Savannen und Steppen angeht, so ist auch hier die Nutzung von biozyklischer Humuserde durch die Anreicherung von organischem Material einen Gedanken wert. In Europa haben wir andere Möglichkeiten, die wir nutzen müssen. Das ist unsere gesamtgesellschaftliche, globale Verantwortung. Wir haben die Wahl, unsere landwirtschaftlichen Flächen anders zu nutzen.




David Geier: Die europäische Situation ist eine andere. Wenn wir unsere Flächen effizient nutzen wollen, dann darf auf Ackerland kein Tierfutter mehr angebaut werden. Anja hat es ja bereits erwähnt , solange ein Umweg über den Tiermagen stattfindet, kann von Effizienz keine Rede sein. Die Grünlandflächen müssten dann genutzt werden, um organisches Material für den Acker sicherzustellen. In unserem Betrieb beispielsweise rechnen wir mit 2-3 Hektar Grünland pro Hektar Ackerland, je nachdem, um welche Anbaukultur es sich handelt.

 

Zum Flächenbedarf bio-veganer Landwirtschaft

David Geier: 2-3 Hektar Grünland pro Hektar Ackerland ist keine feste Regel. Es braucht aber gewisse Pufferflächen, damit die Nahrungszufuhr für das Ackerland gesichert ist. Gerade bei Gemüsekulturen, die einen hohen Nährstoffbedarf aufweisen. Im biozyklisch-veganen Anbau wird, so glaube ich, 7% der Fläche als Blühstreifen freigelassen. So eine Fläche würde ich in unserem Sinne auch in die Gesamtkalkulation miteinbeziehen.

Anja Bonzheim: Genau das ist auch die Idee im biozyklisch-veganen System. Pflanzliche Rückstände, das könnte eben auch kommunaler Grünschnitt, pflanzliche Abfälle aus der Bier- oder Zuckerproduktion sowie Trester aus der Saft- oder Weinherstellung etc. sein, werden lange Zeit kompostiert... Weiterhin sollte eben der Grünlandaufwuchs kompostiert werden und auch über kompostiertes Biogassubstrat kann nachgedacht werden. Entscheidend ist jedoch, dass wir über sehr lange gelagerten Kompost reden, der mehrere Jahre gelagert wurde und besondere Eigenschaften, ähnlich dem Dauerhumus hat- keine Auswaschung mehr, viele Nährstoffe, die sich die Pflanze über Wurzelsäuren und bakterielle oder enzymatische Prozesse erschließen muss, hohe C-Bindungsfähigkeit. Bisher hat diese Humuserde zu wenig Beachtung gefunden. Viele Fragen der Bodenfruchtbarkeit erübrigen sich dadurch mit einer cleveren Fuchtfolge und zusätzlichem Einbezug von Leguminosen, wie es der Ökolandbau ohnehin vorsieht. Eine gute Bodenstruktur und eine hohe Fruchtbarkeit erreichen wir, indem wir den Boden mit Humuserde füttern. Und ja: Hier brauchen wir Tiere, Kleinsttiere, die diese Humuserde zusammen mit Bakterien und Pilzen erzeugen. Herbivoren sind dazu nicht notwendig und haben ein Leben in Freiheit verdient.

Klima und Umwelt

Wilfried Bommert: Die Überhitzung des Klimas wird uns am Ende gar keine Wahl lassen, den Ausstoß an Klimagasen auf Null zu setzen und so viele Pflanzen wie möglich wachsen zu lassen, die die Klimagase einsammeln und festlegen. Das wird nur funktionieren, wenn wir den Fleischkonsum drastisch reduzieren.

Wilfried Bommert: Und es geht auch um das, was wir wegwerfen. Wenn mehr als ein Drittel unserer Nahrungsmittel den Teller nicht erreicht, weltweit könnte die Menge sogar bei der Hälfte liegen, dann zeigt das, wie viel Ackerland heute verschwendet wird und auch wie groß unsere Reserven sind, um eine Weltbevölkerung von 12 Milliarden Menschen zu ernähren. Am Ende dieses Jahrhunderts wird die Welternährung überwiegend vegetarisch sein. Zwangsweise, aus Klimagründen sozusagen. Fleischkonsum wird dann bestenfalls noch eine kulturelle Rolle als Sonntagsbraten spielen.

David Geier: Wir sagen "wir müssen mehr CO2 binden, als wir verbrauchen, nur so können wir unsere ökologischen Ziele erreichen". Dies ist aber nur ein Baustein, eine genauso wichtige Rolle spielt die Lebensmittelverschwendung, die Wilfried bereits angesprochen hat. Viele Kartoffeln bleiben auf dem Acker liegen, nur weil sie nicht die Größe oder Form haben, die der Verbraucher wünscht.

Anja Bonzheim: Ich möchte die Bedeutung von pflanzlicher Humuserde für den Schutz der Gewässer hervorheben. Gülle und Jauche enthalten neben Fäulnisbakterien auch häufig noch viele wasserlösliche Nährstoffe, was zu Auswaschung dieser und Einträgen in Oberflächengewässer und Grundwasser führt. Der Verzicht auf tierische Dünger bringt also auch gewässerökologische Vorteile mit sich und schützt kleinere Tiere wie Amphibien, Reptilien und Fische. Biozyklisch-veganer Anbau bedeutet Vielfalt auf dem Acker und damit auch in der Pflanzen- und Wildtierwelt.

Tierwohl und Ethik

Anja Bonzheim: Tiere können, wenn sie landwirtschaftlich genutzt werden, ihre Grundbedürfnisse nicht ausleben. Wir sollten daher damit aufhören, uns ihnen gegenüber unethisch zu verhalten, vor allem, weil wir wissen, dass es auch ohne deren Nutzung gut funktioniert, Lebensmittel äußerst ökologisch und klimaschonend anzubauen. Wir müssen sie auch nicht essen, geschweige denn ihre "Produkte". Vegane Ernährung ist auf vielen Ebenen sinnvoller und konsequenter als vegetarische. Und dann eben bitte ab Feld. Wenn wir trotzdem Tiere in unserem Landschaftsbild haben wollen, so können wir dies über Lebenshöfe wunderbar umsetzen.

Gesundheitliche Aspekte

Anja Bonzheim: Auch den Punkt Gesundheit möchte ich aufgreifen. In biozyklisch-veganer Humuserde gewachsene Lebensmittel enthalten viele Vitalstoffe und sind sehr widerstandsfähig. Bio-Gemüse, welches oft mit Horn-, Haar-, Federmehlpellets aus konventionellen Schlachthöfen gedüngt wird, kann mit Antibiotika-Rückständen, Schwermetallen sowie multiresistenten Keimen kontaminiert sein. Aus gesundheitlichen Gründen sollten wir diese Düngerwahl also ebenfalls überdenken. Diese stellt, nebenbei bemerkt, einen äußerst ineffizienten, viel zu weiten Nährstoffkreislauf dar.

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