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Interview

Restlos glücklich

Back to the roots, Lebensmittel wertschätzen und vor allem die eigene Rolle im Konsumdschungel wahrnehmen – das ist der Ansatz mit dem der Verein Restlos glücklich e.V. jungen Menschen anhand von Workshops mit geretteten Lebensmitteln und kreativen Verarbeitungsformen einen neuen Zugang zum Thema Essen ermöglicht. Was aber hat die Initiatorinnen dazu gebracht, auf diese Weise aktiv zu werden?

Wir haben von Hanna Legleitner Einsichten zu Inspiration und Antrieb hinter ihrem Engagement bekommen:

Verbraucher*in
Praktiker*in
Artikel
Ernährungsweisen / Esskulturen
Ernährungsbildung
Wiederverwertung entsorgter Lebensmittel
Konsum
Verwertung

CC0 von Ingo Jakubke auf pixabay.com

Hallo Hanna, was hat Dich motiviert für Restlos Glücklich aktiv zu werden?

Ich habe mich schon vor meinem Engagement bei Restlos Glücklich über mehrere Jahre gegen Lebensmittelverschwendung eingesetzt. Das heißt, ich habe meine Lebensmittel über Foodsharing bezogen, auch das Grün von Karotten, Radieschen und Kohlrabi mitverarbeitet und sehr akribisch geplant, wie ich einkaufe, bevor ich in den Urlaub fahre, so dass ich tatsächlich immer alles verwerten konnte.

Ich finde es wichtig, zu begreifen, wie groß unser Impact auf den Klimawandel durch die Form unserer Ernährung ist und was wir daran ändern können.

Weil ich die Vermeidung von Verschwendung, die ich privat lebe, mit Bildungsarbeit kombinieren wollte, die ich unter anderem im Ernährungsbereich schon vorher gemacht hatte, kam ich schließlich zu Restlos glücklich.

Darüber hinaus liebe ich die kreative Herausforderung, mit dem zu kochen, was da ist und immer wieder neu inspiriert zu werden. Durch die Lebensmittelrettung kommt so ein Überfluss zu Stande, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, wie es ist, meine Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen – das habe ich seit drei Jahren nahezu gar nicht mehr gemacht.

 

Ist das alltagstauglich?

Ja, aber man muss sich mehr damit befassen. Ich denke, die Zeit kann sich jede und jeder nehmen. Man nimmt sich die Zeit ja auch für andere Dinge, die angeblich entspannen, wie z.B. Serien gucken und ich finde, dass auch die kreative Essenszubereitung sehr meditativ sein kann. Auch mit Kindern gemeinsam kann man tolle Sachen machen, wie z.B. Möhrenschalenchips. Meine Erfahrung ist, dass Kinder riesigen Spaß daran haben, ihr Essen anzufassen.

 

Womit hättest Du (in Bezug auf die Gruppe/Aktivität) nicht gerechnet?

Es ist erstaunlich zu sehen, wie stolz unsere Teilnehmenden sind, wenn sie wahrnehmen, dass sie einen Beitrag leisten können. Und auch wenn Leute, die normalerweise nicht kochen, sehen, dass sie mit wenigen Handgriffen etwas ganz Tolles erschaffen können. Da sind die meisten überrascht und begeistert und die Stimmung ist sehr positiv nach unseren Workshops.

 

Was hast Du durch Dein Engagement gelernt?

Ich betrachte unser Verhältnis zu Lebensmitteln heute noch stärker unter dem Aspekt des Klimaschutzes. Durch den Fokus auf regionale und saisonale Lebensmittel habe ich mir viel mehr Wissen zum Thema Vielfalt angeeignet. „Was gibt es überhaupt alles?“, „Was wächst vor meiner Tür?“, sind Fragen, die ich mir jetzt stelle. Ich habe sogar angefangen, meine eigenen Pflanzen anzubauen. Das hat auf jeden Fall meine Wahrnehmung verändert zur Arbeit und zu den Ressourcen, wie z.B. Wasser, die in den Pflanzen stecken.

Wenn ich mein Wissen weitergebe, will ich dabei nicht belehrend sein. Das heißt ich sage einfach, lass uns doch mal etwas Neues probieren und es gibt viele Menschen, die sich sonst nicht mit dem Thema auseinandersetzen, die man mit ganz praktischen Tipps erreichen kann.

 

Welche Auswirkungen hat Dein Engagement auf Dein Umfeld?

Positiv. Ich bekomme häufig positives Feedback, wenn Anregungen von mir nachgekocht wurden. Das reicht von der privaten Essenseinladung bis zum Feedback bei Instagram, wo wir als Verein Rückmeldung zu gelungenen Tipps bekommen und auch entsprechende Bilder von kreativen Gerichten gepostet werden.

 

Wenn Du in diesem Bereich ein oder mehrere Gesetze ändern könntest, was wäre für Dich der erste Ansatz?

Erstens sollte es für den Handel verpflichtend werden, abgelaufene Lebensmittel abgeben zu müssen, zweitens sollte zum Thema Mindesthaltbarkeitsdatum mehr sensibilisiert werden. Es sollte lockerer gehandhabt werden, sodass Verbraucher und Handel nicht gleich nach Eintreten des entsprechenden Datums tätig werden. Da stellt sich mir die Frage, ob es überhaupt ein Datum geben muss, oder ob wir nicht einen anderen Umgang mit dem MHD finden können.

Als letztes liegt mir besonders der Punkt Ernährungsbildung am Herzen, auch vor dem Hintergrund des Klimawandels. Das schließt die Verstetigung des Themas in Schulen und Ausbildungsstätten, auch für die Gastronomie, ein. Die Relevanz von Bildung für einen nachhaltigen Umbau unseres Ernährungssystems sollte viel stärker anerkannt werden.

 

Das Interview führte Ribana Bergmann.

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