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Erfahrungsbericht

Schwärmerei für nachhaltige Ernährung

Die Marktschtschwärmer sind europaweit für regionale Ernährung aktiv. Jasmin Pasternak hat ihre Schwärmerei in Leipzig auf der Feinkost im Juni 2018 gegründet. Als Gastgeberin möchte sie kleine, regionale Betriebe unterstützen und dadurch nachhaltige Konsumstrukturen fördern. 

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Verteilungssituation © Marcus Korzer

Die Marktschwärmer - ein europäisches Netzwerk 

Die Marktschtschwärmer sind ein europäisches Netzwerk, das 2011 in Frankreich gegründet wurde. Seit 2014 gibt es die Marktschwärmer auch in Deutschland. Im Online-Shop können die Erzeugnisse kleiner, regionaler Anbieter*innen von den Konsument*innen bestellt werden. Im Rahmen der wöchentlich stattfindenden Verteilungssituation, werden die bestellten Waren einmal wöchentlich in einem Zeitfenster von zwei Stunden an die Kund*innen übergeben. Hier kann es zu einem direkten Austausch zwischen den Konsument*innen und Erzeuger*innen kommen. 

Meine Motivation: nachhaltige Konsumstrukturen schaffen

Ich möchte nicht-nachhaltige Konsumstrukturen durch den Fokus auf Regionalität und auf kleine Erzeugerbetriebe überwinden. Marktschwärmer unterstützt kleine, regionale Betriebe, indem es ihnen einen Schutzraum vor direkter Konkurrenz bietet. So gibt es in meiner Schwärmerei pro Produkt in den meisten Fällen auch nur eine/n Anbieter*in. Die Erzeuger*innen legen ihre Preise selbst fest[1], ebenso wie die Anzahl der verfügbaren Produkte im Shop. Diese Autonomie stellt einen Unterscheid zum Lebensmitteleinzelhandel dar, wo häufig bestimmte Chargen erfüllt werden müssen. Bei uns ist das flexibel. Bietet ein Erzeuger oder eine Erzeugerin in einer Woche zehn Kilo Äpfel an, dann befinden sich auch nur diese 10 Kilo Äpfel im Shop. Möglich, dass dann Produkte auch einmal ausverkauft sind. Dadurch kann das Paradigma, dass immer alles jederzeit verfügbar sein muss, aufgebrochen werden. Ressourcen sind endlich. 

Passen Angebot und Nachfrage nicht zusammen, ist es möglich, dass die Erzeuger*innen ihre Arbeitsweisen und ihr Angebot anpassen. Marktschwärmer ermöglicht es den Betrieben nah an ihrer Kundschaft zu sein und deren Bedarf zu kennen. Nur in Ausnahmefällen suche ich als Gastgeber*in[2] weitere Erzeuger*innen für ähnliche Produkte. Dabei ist es wichtig, den Schutzraum für die Betriebe nicht zu zerstören. 

Konsument*innenseitig ist mir die Bildungsarbeit sehr wichtig. Dazu gehört nicht nur die Aufklärung, sondern auch die Vermittlung der sinnlichen Aspekte: riechen, fühlen und schmecken. Wer bei uns einmal frisches Gemüse gekostet hat, das direkt am Tag der Verteilung geerntet wurde, der kann nicht mehr zurück zu den Supermärkten und Discountern im Lebensmitteleinzelhandel. Die geschmackliche Qualität ist einfach eine andere. Frische Lebensmittel haben etwas ganz Besonderes, sie schmecken besonders gut. Das möchte ich den Kund*innen weitergeben.

Der Alltag einer Gastgeber*in 

Zeitlich gesehen, ist es mehr als ein Engagement, die Gastgeberin einer Schwärmerei zu sein. Es ist eine idealistisch motivierte Arbeit. Als Selbstständige lege ich selbst fest, wie viele Stunden ich einbringe.

Da wir als Netzwerk von Gastgeber*innen, Erzeuger*innen und Konsument*innen jedoch eine Verantwortungsgemeinschaft bilden, in der jede Säule wichtig ist, müssen bestimmte Arbeiten einfach erledigt werden. Als Gastgeberin trage ich für die komplette Infrastruktur Verantwortung. Das heißt ich baue die Marktsituation der Verteilung auf, ich kümmere mich um den Shop und bestücke ihn mit Betrieben, ich suche nach Erzeuger*innen, übernehme die Kommunikation, verschicke Erinnerungen, spreche mit den Konsument*innen und binde alle Akteur*innen ein. 

Um meine Aufgaben kümmere ich mich auch nach Feierabend und am Wochenende. Ich nehme meine Tätigkeiten nicht als Arbeit wahr, sondern mache sie gerne, da ich weiß, dass es für eine gute Sache ist. 

Da ich von meiner Provision Ausgaben wie beispielsweise die Standgebühren zahle, handelt es sich bei meiner Arbeit als Gastgeberin eher um ein erweitertes Ehrenamt. In der Regel verwende ich mindestens 15 Stunden in der Woche darauf, es können aber auch mal 20 werden. 

Learning by Doing

Da ich selbstständig arbeite, musste ich mir viel neues Wissen aneignen, dass ich für meine Arbeit als Gastgeberin brauche. Dazu gehören kommunikative Fähigkeiten, die ich benötige, um mit Erzeuger*innen und Kund*innen angemessen umgehen zu können. Wenn beispielsweise Produkte fehlen, ist das ein sensibles Thema, das entsprechend kommuniziert werden muss. Auch im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit habe ich sehr viel gelernt. 

In meiner Rolle als Gastgeberin habe ich mir ein hohes Maß an Flexibilität angeeignet. Vor Ort muss ich stets flexibel auf unterschiedliche Situationen reagieren können. Stehen beispielsweise Erzeuger*innen im Stau,werden Bestellungen nicht abgeholt oder geschieht irgendetwas Unvorhergesehenes, muss ich spontan passende Lösungen entwickeln. Diese Fähigkeit hilft mir auch bei meiner Arbeit für NAHhaft e.V. Wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten und ich vor Herausforderungen stehe, bin ich in der Lage, darauf zu reagieren. 

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Arbeit als Gastgeberin derart umfangreich ist. Wie in einem kleinen Unternehmen fallen viele Tätigkeiten in unterschiedlichen Arbeitsbereichen an, die ich mir – learning by doing – angeeignet habe. 

Positiver Einfluss 

Ich konnte viele Bekannte und Freund*innen davon überzeugen, ihren Einkauf bei den Marktschwärmern zu erledigen. Das Schönste ist für mich aber, dass meine Eltern, die früher konsequent ökologisch gelebt haben, wieder zu diesen Idealen zurückgefunden haben. Meine Arbeit hat sie dazu inspiriert, wieder auf den Wochenmarkt zu gehen, wo sie sich mit ihrem selbstgemachten Wachstuch ihren Käse und andere Lebensmittel holen. 

Eine witzige Anekdote ereignete sich, als ich kürzlich bei meinen Eltern zu Besuch war. Mein Vater erzählte, dass er vor einem Friseurtermin noch Zeit für einen Kaffee gehabt habe. Aufgrund der Corona-Auflagen war der jedoch nur zum Mitnehmen zu bekommen. Meine Mutter meinte daraufhin: “ Geht ja wohl gar nicht! Ein To-Go Becher”.  Er entgegnete: “Ja, finde ich auch. Das war Mist. Aber ich habe sogar extra auf einen Plastikdeckel verzichtet.” Das sind Situationen, in denen ich mich darüber freue, was ich mit meiner Arbeit bei NAHhaft und bei Marktschwärmer bewirkt habe. 

Gesetze, die ich ändern würde

Es gibt einige Gesetze, die ich ändern würde. Besonders die EU-Subventionen für Landwirt*innen. Das Geld wird pro Hektar gezahlt. Je mehr Fläche man hat, desto höher sind die Direktzahlungen. Durch diese Flächendirektzahlungen werden oftmals die konventionellen, intensiven und großen Landwirtschaftsbetriebe gefördert. Kleinere Betriebe leiden darunter. Da mein Anliegen in der Förderung kleiner Betriebe besteht, würde ich dieses Gesetz ändern. 

Zudem sind die Zahlungen nicht an Umweltauflagen geknüpft. Es heißt zwar, die Flächen sollen einen guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand haben, aber es ist nicht genau definiert, was das bedeutet. Wir brauchen eine Politik, die diese Zahlungen an Umweltauflagen knüpft und die sich dafür einsetzt, dass es eine resiliente Landwirtschaft gibt. Der Politik sollte es zudem wichtig sein, dass das Wissen um alte Sorten und um traditionelle Anbautechniken nicht verloren geht. 

Der Mensch hinter dem Produkt 

Die Politik sollte Sorge dafür tragen, dass Menschen zu fairen Löhnen arbeiten können und sich nicht selbst ausbeuten müssen. Denn das ist genau das, was ich bei vielen Erzeuger*innenbetrieben sehe. Dort gibt es kein Wochenende, es gibt keinen Feierabend und auch keinen Urlaub. Für mich ist es eine große Herausforderung, damit umzugehen, denn wir tauschen uns auch persönlich miteinander aus. Eine Erzeugerin schrieb mir kürzlich: “Oh Jasmin, ich stand heute schon wieder bis 23 Uhr in der Käserei und muss morgen um 7 Uhr wieder da sein”. Das fordert mich auch emotional heraus, weil ich ihr in dem Moment nicht helfen kann. Meine Hilfe sehe ich in der Konstruktion des Schutzraums, den ich ihr bieten kann und in der Unterstützung durch die Öffentlichkeitsarbeit, die ich leiste. Dabei versuche ich, deutlich zu machen, dass hinter den Produkten Menschen stehen, die faire Löhne bekommen sollten und daher ihre Preise frei bestimmen können müssen. Dadurch sind Produkte bei uns auch teurer, als bei den Discountern. 

Synergien und Unterschiede in Europa 

Es gibt ein starkes deutsches Netzwerk. Die Gastgeber*innen stehen in Austausch miteinander, um voneinander lernen zu können. Es gibt eine Facebookgruppe und eine gemeinsame Ablage, über die wir Dateien miteinander teilen können. 

Über das europäische Netzwerk werden Betriebe für Gastschwärmer-Aktionen gewonnen. Wir haben zwei Mal im Jahr eine solche Aktion mit einer kleinen spanischen Kooperative, die Südfrüchte anbauen, die sie auch über Marktschwärmer in Spanien vertreiben. Da hier ja nicht alle Produkte wachsen, erweitern wir zwei Mal im Jahr unser Sortiment und bieten die Produkte aus der Kooperative an. Das ist eine der Synergien, die durch das europaweite Netzwerk entstehen. 

Die IT des Shopsystems wird zentral aus Frankreich für das gesamte europäische Netzwerk betrieben. Wenn wir uns Anpassungen an der Plattform wünschen, wird dies aus den jeweiligen Ländern gebündelt und an die Zentrale weitergeleitet. Der Shop wird dann im Baukastensystem zusammengestellt. Inhalte werden übersetzt. 

In anderen Ländern wird der ländliche Raum bereits sehr gut von den Marktschwärmern abgedeckt. Hier scheint die Verbreitung einen anderen Verlauf genommen zu haben. In Deutschland scheint sich die Idee zunächst in den Städten verbreitet zu haben und von da aus auch in den ländlichen Raum.  

Betriebe überzeugen

Betriebe müssen zunächst von dem Konzept überzeugt werden, da sehr viel Arbeit am Computer erforderlich ist. Die Produkte müssen in den Shop eingestellt und aktuell gehalten werden, Produktbeschreibungen müssen geschrieben werden. Mir ist es wichtig, dass ich ein regelmäßiges Update darüber bekomme, was gerade in den Betrieben passiert, damit ich diese Informationen an die Kund*innen weitergeben kann. Das ist natürlich ein kommunikativer Mehraufwand. Da ist Aufklärungsarbeit notwendig. 

Dennoch machen nicht nur junge und computeraffine Betriebe mit, sondern auch viele ältere Betriebe, die mit Computern eigentlich nicht so viel am Hut haben. Der Shop ist sehr intuitiv gestaltet. Die Zentrale und wir als Gastgeber*innen helfen bei technischen Schwierigkeiten. Wenn man dem Umgang mit dem System erst einmal allen erklärt hat, ist der technische Aspekt kein Hindernis mehr. Auch für die Kund*innen nicht. Meine älteste Kundin ist 83.

Auch die Provision kann abschrecken. Für Menschen, die ihre Produkte auf dem Wochenmarkt oder in ihrem Hofladen verkaufen, ist das ein hoher Anteil. Insgesamt erhalte ich aber häufiger Anfragen von Betrieben, als dass ich selbst tätig werde und Betriebe anfrage. Das ist ein sicheres Zeichen für die Beliebtheit des Systems Marktschwärmer

Nähe zu den Erzeuger*innen herstellen 

Ich informiere meine Kund*innen gerne genau darüber, was in den Betrieben vor sich geht. Letztens hatten wir für einen Monat keine Eier. Einige Kund*innen haben sich dazu erkundigt. Also habe ich einen Text dazu geschrieben: Es war nämlich so, dass die Hennen ihre Legeperiode abgeschlossen hatten. Auf dem Hof gab es jedoch nur einen großen Stall, da es ein kleiner Betrieb ist. Erst nachdem die alten Hennen den Stall verlassen hatten, konnten die neuen Hennen aus dem kleinen Stall in den großen Stall umziehen. Die brauchten dort eine Eingewöhnungszeit von etwa 4 Wochen, um sich an die Situation zu gewöhnen und in dieser Zeit gab es keine Eier. Ich finde es schön, wenn Kund*innen mich fragen, warum es z. B. keine Eier gibt und ich ihnen die Situation in meinen Texten über die Plattform beschreiben kann.

Alternative zum konventionellen Lebensmitteleinzelhandel

Ich glaube, dass wir mit Marktschwärmer alternative Ernährungspraktiken vorleben. Wir brechen alltägliche Handlungsroutinen auf und stellen damit das vorherrschende Ernährungssystem und das Effizienzparadigma der Großbetriebe in Frage. Das zeigt sich in Momenten, in den Produkte ausverkauft oder nicht verfügbar sind, weil beispielsweise gerade keine Saison dafür ist. Dieses Aufzeigen von alternativen Wirklichkeiten funktioniert auch über die Aufklärung von Konsument*innen. Da müssen wir ansetzen, denn das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Ich merke, dass viele Menschen von den landwirtschaftlichen Prozessen komplett entfremdet sind. Ihnen ist nicht klar, was gerade Saison hat, wie Landwirtschaft funktioniert, dass eben nicht immer alles verfügbar ist. Im Juni hatte ich beispielsweise eine Anfrage, warum es keine Äpfel gibt. Ich habe also erklärt, dass die Apfelsaison eher im Herbst ist und dass die Lageräpfel, die es im Winter und Frühjahr gab, aufgebraucht sind. So kommt es zu einer Zeit, in der es bei uns keine Äpfel gibt. Es sind diese Prozesse, die über eine neue Form der Direktvermarktung wie Marktschwärmer gut abgebildet werden können. 

Marktschwärmer muss nicht für jeden etwas sein, aber es ist ein Akteur, der dazu beiträgt, vorherrschende Ernährungssysteme in Frage zu stellen und das ist wichtig! 

 

Anmerkungen 

[1] 8,35% davon gehen an die Gastgeber*in und 10% an die Plattform. 

[2] Als Gastgeber*innen werden bei den Marktschwärmern die Menschen bezeichnet, die eine eigene Schwärmerei gründen. Sie sind u.a. für die Suche nach Erzeuger*innen und Kund*innen zuständig, sowie für die Herstellung und Ausgestaltung der Verkaufssituation. 

Fragen, Antworten und Ergänzungen

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