So gelingt die Vegetarisierung der Eltern

Wenn es zu einem Ernährungswandel kommen soll, sind die Kinder der Schlüssel. Sie lassen sich noch vom Leid der Tiere bewegen. Erwachsene dagegen lassen sich in ihren Konsumgewohnheiten nur schwer stören. Aber manchmal gelingt es doch - beim gemeinsamen Essen.

Erstellt am

06.03.2019

Belegtes Brot und Gemüse auf einem blauen Teller so angeordnet, dass es das Gesicht eines Monsters darstellt

© Janosch Niebuhr

Von Janosch Niebuhr

Als Kind dachte ich, „vegetarisch“ sei irgendwas Schlimmes. Eine Krankheit vielleicht, irgendwas im Kopf, das nicht so richtig funktioniert und deshalb auf den Magen schlägt. „Vegetarier“ waren mir in etwa so unheimlich wie die Leute auf dem RAF-Fahndungsplakat, das in unserem Bahnhof hing. Blassgesichtig, düster, mit leicht irrem Blick. Natürlich kannte ich keine Vegetarier. Woher auch? In meiner Familie gab es zwar fleischlose Tage, aber die waren der knappen Haushaltskasse geschuldet. Und selbst an diesen traurigen Tagen wurde mindestens eine Wurstdose geöffnet – wahlweise Bierschinken, Schwartenmagen, Blutwurst oder Hausmacher Bratwurst. Auf meine Pausenbrote bekam ich immer Kalbsleberwurst aus dem Golddarm und die Liste meiner Lieblingsgerichte führte bis zur Oberstufe Kaninchenbraten an, gefolgt von Wiener Schnitzel und Grillhähnchen. Mit irgendeiner Beilage und verkochter Gemüsedekoration. Ich glaube, meine Ernährungsgewohnheiten haben sich damals nicht sehr von denen in meiner Alterskohorte unterschieden. Es gab keine Ankläger, nirgends, vor allem nicht am eigenen Esstisch. Es war der unschuldige Frühling meiner Fleischeslust.

Das hat sich inzwischen verändert. Sehr verändert. Das liegt aber nicht an den Berichten und Dokumentationen über die Massentierhaltung, an dem Wissen über die Konsequenzen unseres Fleischkonsums für Umwelt und Gesundheit oder an einer romantischen Ahnung vom Leid der Tiere. Nein. Zeig mir ein schönes Steak und ich finde immer noch 1000 Gründe, warum ein Veggieday der Weg in den Bevormundungsstaat ist. Es bleibt dabei: Erst kommt das Fressen, dann die Moral (und die Vernunft). Nein, das, was inzwischen alles verändert hat, ist einzig und allein die tonlose Frage unserer ältesten Tochter, wenn das Mittagessen auf den Tisch kommt: „Ist das mit Fleisch?“

In Gedanken habe ich schon verschiedene Antworten auf diese Frage durchgespielt:

  • die aggressiv-linguistische zum Beispiel: „Das ist Chili con Carne. Con Carne! Das heißt: ‚Mit Fleisch!‘. Nicht Chili con Körner!“
  • oder die aggressiv-vergleichende: „Weißt du wie viele Menschen auf dieser Welt froh wären, wenn etc. pp.“
  • oder die aggressiv-anthropologische Antwort: „Ohne Fleischkonsum hätte es nie eine menschliche Zivilisation gegeben.“
  • oder, ganz fies, die aggressiv-besorgt-medizinische: „Wir müssen echt aufpassen, dass du keine Mangelerscheinungen entwickelst. Vielleicht sollten wir mal wieder eine Blutprobe machen lassen.“

Man darf ja mal träumen. In Wirklichkeit beantworten meine Frau oder ich die Frage, ob denn Fleisch im Essen sei, in der Regel mit einem schlichten „Nein“. Falls wir rumdrucksen, beschränkt sich unsere Tochter auf die eindeutig als fleischfrei identifizierbaren Teile des Essens – Nudeln zum Beispiel, Kartoffeln, Reis. (Seltsamerweise können wir sie fast nie davon überzeugen, dass Gemüse und Salate auch zu den fleischfreien Speisen zählen.) Jetzt könnte man ja sagen: Lass sie doch – ihr Problem, wenn sie tatsächlich auf Fleisch verzichten möchte. Bleibt mehr für alle anderen übrig. Es gibt da nur einen Haken: Das Ganze ist ansteckend. Unser Fleischkonsum in der Familie ist radikal gesunken, obwohl wir nur eine praktizierende Vollzeit-Vegetarierin bei fünf Familienmitgliedern haben. Wir anderen sind wohl Flexitarier geworden, ohne darüber nachgedacht zu haben. Plötzlich gibt es Linsen statt Lende, Aufstrich statt Aufschnitt. Und das liegt nicht an irgendeiner aggressiven Rhetorik, mit der unsere Älteste uns das Fleisch madig macht. Sie verdreht auch nicht die Augen, wenn – selten genug – mal ein Braten auf dem Tisch steht. Sie klagt nicht an, sie zeigt uns auch keine PETA-Videos auf ihrem Handy über Schweinemastbetriebe oder Rinderhinrichtungen. Nein. Sie schweigt, füllt sich gegebenenfalls ihren Teller mit einer vegetarischen Sättigungsbeilage und lässt uns in Ruhe.

Allein: Da ist keine Ruhe mehr. Weder bei mir, dem mit Kalbsleberwurst sozialisierten Hardcore-Fleischesser noch bei unserer Jüngsten, die sich bisher arglos Hähnchenschenkel im Restaurant bestellt hat. Auch nicht bei meiner Frau und bei unserer mittleren Tochter. Es ist, als ob da an einer Tischseite unser aller Gewissen sitzt, elf Jahre alt, 6. Klasse, Pfadfinderin. Und wenn ich dann tatsächlich mal ein Grillhähnchen mache oder einen Salzkrustenbraten, dann fühlt sich das an, als ob ich gerade absichtlich eine LEGO-Friends-Figur mit dem Staubsauger aufsauge. Irgendwie fies. Und dieses Gefühl, das gebe ich zu, begleitet mich auch schon, wenn ich im Supermarkt an der Fleischtheke stehe. Inzwischen erwische ich mich dabei, dass mir bei meinem Lieblingsgericht immer zuerst irgendetwas mit Linsen einfällt. Das ist doch krank!

Wenn man unsere älteste Tochter fragt, warum sie denn kein Fleisch mag, protestiert sie: „Ich mag Fleisch.“ Sie wolle nur nicht, dass wegen ihr Tiere sterben müssen. Das sagt sie nun schon seit ihrem fünften Lebensjahr. Und sie ist sich immer treu geblieben. Selbst angedünsteten Speck, der auf den Flammkuchen oder ins Sauerkraut gerutscht ist, fingert sie bis auf das letzte Krümelchen heraus.

Wie konnte es so weit kommen? Haben wir irgendetwas in der Erziehung falsch gemacht? Wo kommt dieser Extremismus her? Landet sie auch mal auf Fahndungsplakaten? Fakt ist, weder in unserer Familie noch in der Kita wurde sie in dieser Hinsicht indoktriniert. Nie. Ich erinnere mich, dass sie noch im zarten Alter von drei Jahren Hähnchenkeulen verspeiste und gegrillte Sardellen mit Kopf verputzte. (Nein, Fisch isst sie heute auch nicht mehr.)

Sicher, sie hat die einschlägigen Kinderfilme angeguckt, in denen niedliche Tiere mit großen Kulleraugen vor bösen Menschen fliehen müssen. Aber das hatte keinen erkennbaren Einfluss auf ihre Ernährungsgewohnheiten. Genauso wenig wie die inzwischen häufiger auftretenden Vegetarier im Freundes- oder Bekanntenkreis.

Der Wendepunkt für sie (und für den Rest der Familie) scheint ein Besuch ihrer Kitagruppe in einer Fleischerei gewesen zu sein. (Nein, es war kein Schlachthof!) Also der Besuch in einem traditionellen Handwerksbetrieb. (Und, nein, da gab es keine Tiere. Keine lebendigen jedenfalls.) Die Köchin der Kita wollte den Kleinen mal zeigen, wo die Würste herkommen und wie die gemacht werden. Was ich als Idee immer noch sehr gut finde! Die Kinder durften selbst auch Würste herstellen, die sie dann nach Hause mitbrachten. Es war, glaube ich, ein schöner Ausflug. Die Würste waren sehr lecker – ich bekam auch eine. Danach aber hat unsere Älteste entschieden: Schmeckt zwar gut, will ich aber nicht mehr. Nie mehr.

Ich verstehe bis heute nicht, wie unsere Tochter das Schicksal von Tieren mit der Herstellung von leckeren Würsten zusammenbringen konnte. Das eine hat doch mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.

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