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Versteckte Kosten von Lebensmitteln – Ein Weg zu nachhaltiger Landwirtschaft

Die Herstellung von Lebensmitteln verursacht große Umweltbelastungen. Resultierenden Umweltkosten sind jedoch nicht im Lebensmittelpreis enthalten. Wie teuer müsste unser Essen also tatsächlich sein?

Artikel
Wirtschaftswissenschaften
Ökologie
Ökonomische Folgen
Übergreifend

Executive Summary

Die Landwirtschaft ist als Deutschlands größter Flächenverbraucher für eine Vielzahl von Umweltbelastungen verantwortlich, die sich auf alle drei Säulen der Nachhaltigkeit beziehen (Ökonomie, Gesellschaft, Umwelt). Die resultierenden, versteckten Kosten dieser zumeist unzureichend quantifizierten Folgen sind aktuell nicht in die Marktpreise für Lebensmittel einbezogen. Vor diesem Hintergrund werden drei Treiber dieser Umweltfolgen (Stickstoff, Klimagase, Energieerzeugung) quantitativ untersucht und bezogen auf unterschiedliche Kategorien von Nahrungsmitteln aggregiert. Hierauf aufbauend werden schließlich kategoriespezifische externe Effekte berechnet. Unter Verwendung von Lebenszyklus-Analysen (life cycle analysis) und metaanalytischen Methoden zeigen wir, dass die höchsten externen Effekte bzw. Folgekosten mit der Produktion konventionell hergestellter Produkte tierischen Ursprungs einhergehen (196% Aufschlag auf die Erzeugerpreise), die zweithöchsten Aufschläge sich für konventionell hergestellte Milchprodukte (96%) und die niedrigsten für Bio-Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs (6%) ergeben. In allen untersuchten Kategorien verursachen biologisch hergestellte Lebensmittel geringere Folgekosten als ihre konventionellen Counterparts. Eine Internalisierung von kategoriespezifischen Folgekosten, die dem Verursacherprinzip (polluter-pays principle, UN 1992) entspricht, ebnet den Weg in Richtung einer nachhaltigeren Preissetzung für landwirtschaftliche Produkte. Unser Ansatz leistet einen Beitrag, die Differenz zwischen aktuellen Marktpreisen und den tatsächlichen Preisen aufzuzeigen. Hierbei zeigt sich, dass der wahre Wert von Lebensmitteln für unterschiedliche Lebensmittelgruppen und Produktionssysteme auszudifferenzieren ist.

Aktuelle Fehlbepreisung landwirtschaftlicher Güter

Mit zunehmender Intensivierung der Produktion und als Deutschlands größter Flächenverbraucher stellt die Landwirtschaft einen enormen Belastungsfaktor für die Umwelt dar. Aktuelle Forschungsergebnisse von Poor und Nemecek (2018) bestätigen, dass der Konsum von Lebensmitteln den bedeutendsten Einflussfaktor für die Reduzierung der individuellen beeinflussbaren Umweltbelastungen darstellt. Bisher ist es jedoch keiner Forschungsarbeit gelungen, die Folgekosten der zahlreichen Umweltauswirkungen verschiedener Lebensmittel auf Deutschland bezogen auszudifferenzieren (Gaugler & Michalke 2017).

Zur Schließung dieser Forschungslücke evaluieren wir externe Kosten der deutschen Landwirtschaft verursachergerecht. Wir berechnen die hieraus resultierend nötigen Preisaufschläge und setzen diese mit den aktuellen Erzeugerpreisen in Beziehung. Hierbei unterscheiden wir zwischen biologischer und konventioneller Produktionsweise sowie zwischen pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln und Milch(produkten). Wir zielen darauf ab, die derzeitige Preisdifferenz zwischen den aktuellen Erzeugerpreisen und den wahren Kosten aufzuzeigen. Untersucht wurden die Einflussfaktoren Stickstoff, Treibhausgase und Energieerzeugung.

Methode und Daten

Für die kategoriespezifische Bestimmung externer Effekte wird zwischen biologischer und konventioneller Herstellung sowie pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln unterschieden. Fachlich sinnvoll werden Futtermittel der tierischen Produktkategorie zugerechnet. Milchprodukte werden separat von der tierischen Kategorie aufgeführt, da sich deren Produktionsvolumina und Preise deutlich von dieser unterscheiden. Die Systemgrenzen für die Betrachtung der externen Effekte erstrecken sich vom Ursprung bis zum Scheunentor („cradle to farmgate“). Es werden somit alle produktionsbedingten Inputs bis zum Verkauf der Ware durch den Primärerzeuger einbezogen.

Zur Ermittlung der emittierten Treibhausgase, reaktiven Stickstoffverbindungen sowie des Energiebedarfs der Nahrungsmittelproduktion bezogen auf die funktionelle Einheit von einem Kilogramm Produkt greifen wir auf Daten von GEMIS (Globales Emissionsmodell für integrierte Systeme) (IINAS 2017) zu. Die Daten beziehen sich – bis auf wenige Ausnahmen – auf Deutschland. Sind keine direkt auf Deutschland bezogenen Daten vorhanden, wurden EU-Daten zugrunde gelegt. Das Bezugsjahr ist stets 2010. Um mit dem Bezugsjahr der Produktionsmengen übereinzustimmen, wurden die GEMIS-Werte anhand der Entwicklung der Schadstoffe auf 2016 extrapoliert.

Da GEMIS lediglich Daten zur konventionellen Herstellungsweise zur Verfügung stellt, wurde eine Meta-Analyse durchgeführt, um die verfügbaren konventionellen Datensätze auf die biologischen Werte übertragen zu können. Um diese quantitative Datenbasis zu monetarisieren, greifen wir primär auf die Schadkostensätze des Umweltbundesamtes (für Treibhausgase und Energieerzeugung) sowie des European Nitrogen Assessments (für reaktive Stickstoffverbindungen) zurück. Diese aggregierten, monetären Werte stellen die durch die Landwirtschaft verursachten Folgekosten der untersuchten drei Schadenskategorien dar.

Ergebnisse: Von aktuellen zu verursachergerechten, fairen Preisen

Der beschriebenen Methodik folgend können wir – bezogen auf das Referenzjahr 2016 – die in Abbildung 1 aufgeführten Preisaufschläge auf die jeweiligen Erzeugerpreise berechnen. Bei tierischen Produkten fallen jeweils die höchsten in Preisaufschlägen ausgedrückten Folgekosten an, gefolgt von Milch(produkten) und pflanzlichen Produkten. Demnach müssten konventionell-tierische Produkte auf Erzeugerebene etwa dreimal so teuer sein wie dies bisher der Fall ist. Der größte Anteil der Preisaufschläge ist jeweils auf den Treiber Stickstoff zurückzuführen, gefolgt von Treibhausgasen und Energie. Des Weiteren wird deutlich, dass die Fehlbepreisung bei konventionellen Produkten in allen Kategorien weitaus höher ist als bei biologischen Produkten.

Werden diese erzeugerpreisbezogenen Preisaufschläge in absolute, externe Kosten pro Kilogramm Produktgewicht übertragen, zeigen sich die folgenden Preisaufschläge: +3,57€/kg für konventionell-tierische Produkte, +0,25€/kg für konventionelle Milch(produkte), +0,04€/kg für konventionell-pflanzliche, +2,83€/kg für biologisch-tierische, +0,17€/kg für biologische Milch- und +0,03€/kg für biologisch-pflanzliche Produkte.

Diskussion und Folgerungen

Bei tierischen Produkten (konventionell und ökologisch) ist die Höhe der externen Kosten und Preisaufschläge insbesondere durch die energieintensive Aufzucht der Nutztiere zu erklären. Dazu zählen Futtermittelanbau, Beheizung und Belüftung der Ställe sowie der Metabolismus der Tiere. Diese Faktoren führen unter anderem zu einer bedeutend höheren Austragung von reaktivem Stickstoff und Treibhausgasen sowie einem höheren Energiebedarf als bei pflanzlichen Produkten. Im Vergleich konventioneller mit ökologischen Produktionspraktiken führen vor allem der Verzicht auf mineralischen Stickstoffdünger beim Pflanzenanbau sowie ein geringerer Einsatz von industriell produziertem Kraftfutter bei der Nutztierhaltung in allen untersuchten Lebensmittelkategorien zu geringeren externen Kosten und Preisaufschlägen für ökologische Produkte.

Die Identifizierung der Diskrepanz zwischen derzeitigem Marktpreis und wahrem Wert der Güter, bei gleichzeitiger Unterscheidung verschiedener Lebensmittelkategorien stellt bislang ein Novum in der Literatur dar. Eine hierauf fußende, tatsächliche Einführung von kategoriespezifischen Preisaufschlägen und – nicht zuletzt – ein resultierendes, verändertes Kaufverhalten der Konsumenten (Preiselastizität der Nachfrage) würde zu einer deutlichen Reduktion negativer Umweltauswirkungen der Landwirtschaft führen. Eine preisliche Besserstellung von Nahrungsmitteln mit geringen Umweltfolgekosten impliziert eine erhöhte Nachfrage nach diesen Produkten. Des Weiteren ließen sich zusätzliche Einnahmen durch Preisaufschläge zur Vermeidung und Beseitigung der negativen externen Effekte nutzen.

Unser Ansatz zielt darauf ab, Klarheit über die Auswirkungen unser täglichen Konsumentscheidungen auf die Umwelt zu schaffen. Wir leisten damit einen Beitrag zur Kostenwahrheit, welche durch die Verringerung aktueller Marktfehler zudem zu einer gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtssteigerung führt. Es existieren weitere Treiber, deren Schadkosten aufgrund fehlender Datenbasis aktuell nicht bestimmt werden können. Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse sollten fortführend weitere Forschungen durchgeführt werden, die der vorgestellten Problematik anhand weiterer Treiber und auch auf internationaler Ebene nachgehen. Dabei sollte eine weitere Ausdifferenzierung der Lebensmittelkategorien im Fokus stehen.

Danksagung

Unser Dank gilt der Tollwood Gesellschaft für Kulturveranstaltungen und Umweltaktivitäten mbH, der Schweisfurth Stiftung, München, Prof. Dr. Alois Heißenhuber, PD Dr. Werner Kratz und den Ausrichtern des Forschungspreis Bio-Lebensmittel (FoBiLe) für die konstruktive Zusammenarbeit und Unterstützung.

Dr. Tobias Gaugler und Amelie Michalke unter Mitarbeit von Fabian Fitzer, Maximilian Pieper und Dr. Niels Kohlschütter Arbeitsgruppe „Märkte für Menschen“ Universität Augsburg in Kooperation mit der Tollwood Gesellschaft für Kulturveranstaltungen und Umweltaktivitäten mbH und der Schweisfurth Stiftung

Literatur

Gaugler T & Michalke A (2017) Was kosten uns Lebensmittel wirklich? Ansätze zur Internalisierung externer Effekte der Landwirtschaft am Beispiel Stickstoff. GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society 26 (2): 156–157.

IINAS (2017) GEMIS – Globales Emissions-Modell Integrierter Systeme, Version 4.95 – Stand April 2017. iinas.org/gemis-de.html , zuletzt geprüft am 29.09.2018.

Poore J & Nemecek T (2018) Reducing food‘s environmental impacts through producers and consumers. Science 360 (6392): 987–992.

UN (1992) Report of the United Nations Conference on Environment and Development. www.un.org/documents/ga/conf151/aconf15126-1annex1.htm.

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