KERNiG: Kommunale Ernährungssysteme aktiv gestalten

Das transdisziplinäre Verbundprojekt KERNiG stellt sich in einem auf drei Jahre angesetzten Rahmen (Okt. 2016 bis Sept. 2019) der Aufgabe herauszuarbeiten, wie in kleineren Städten durch die aktive Gestaltung des Ernährungssystems eine kommunale Nachhaltigkeitstransformation angestoßen werden kann.

Erstellt am

16.11.2018

Aktualisiert am 16.11.2018
Marktplatz in Leutkirch von oben, eine Reihe von Verkaufsständen mit bunten Dächern sowie einige Passenten sind zu sehen

Markt Leutkirch, © Stadt Leutkirch

Von Prof. Dr. Heiner Schanz und Barbara Degenhart

Hintergrund und Ziele

Im Rahmen des Forschungsverbundes soll das kommunale Ernährungssystem der Städte Leutkirch und Waldkirch umfassend untersucht werden. Langfristig sollen die erarbeiteten Projekte und Strategien sowie die daraus gewonnenen Erkenntnisse als Steuerungsinstrumente und Empfehlungen für andere Kommunen in Deutschland dienen.

Nachhaltigkeit spielt eine zentrale Rolle in den Leitbildern vieler deutscher Städte und Gemeinden. Konkrete Maßnahmen konzentrieren sich bislang jedoch hauptsächlich auf die Bereiche Energie und Verkehr. Schätzungen zufolge verursacht jedoch allein der Bereich der Ernährung im Durchschnitt rund ein Drittel des ökologischen Fußabdrucks.

Von thematisch begrenzten Initiativen abgesehen sind Ernährungsfragen bislang kein zentrales kommunalpolitisches Thema. Das scheint sich in jüngster Zeit zu ändern: Städten wie Bristol und Toronto, ist es gelungen, über die zielgerichtete Aktivierung ihrer Ernährungssysteme eine umfassende Stadtentwicklung zu erzielen. Das Thema „Ernährung“ eignet sich offensichtlich besonders gut, um kommunale Veränderungsprozesse anzustoßen, weil BürgerInnen damit alltäglich konfrontiert sind und weil das Thema auch auf kommunalpolitischer Ebene vielfältige Querbeziehungen, unter anderem zu Standort- und Quartiersentwicklung, Tourismus, Gesundheit oder Verkehr, aufweist.

Kommunale Ernährungssysteme stellen durch ihren engen Bezug zur alltäglichen Lebenswelt und ihre Quervernetzungen einen möglichen Schlüssel zu einer umfassend-integrativen nachhaltigen Stadt- und Regionalentwicklung dar. „Kommunales Ernährungssystem“ meint dabei mehr, als „was auf den Teller kommt“, nämlich die Vielfalt an direkt und indirekt ernährungsbezogenen Aktivitäten und Beziehungen zwischen allen relevanten Akteursgruppen – von der Stadtverwaltung über Unternehmen, Vereine und Initiativen bis zu den Bürgerinnen und Bürgern – in allen Bereichen von der Produktion über die Verarbeitung, Versorgung, Zubereitung bis hin zu Konsum und Entsorgung von Nahrungsmitteln in der Stadt.

Nachhaltigkeitsattribute Umwelt, Gesundheit, Qualität und Region in den kommunalpolitischen Grenzen einer Stadt

Konzept kommunales Ernährungssystem (eigene Darstellung)

Die Umsetzung ernährungspolitischer Maßnahmen im Kontext einer nachhaltigen Stadtentwicklung gestaltet sich jedoch komplex: Woher bezieht eine (Klein-)Stadt ihre Nahrungsmittel? Sind regional produzierte oder biologische Produkte automatisch nachhaltiger? Wie kann zwischen den vielfältigen Interessen der städtischen Akteure abgewogen werden und welche Kompromisse lassen sich schließen? Diese und weitere Fragen bearbeitet das Verbundprojekt in und mit den beiden Pilotkommunen Waldkirch im Breisgau und Leutkirch im Allgäu.

Die Pilotkommunen – beide Große Kreisstädte – repräsentieren ein durchschnittliches deutsches Mittelzentrum und weisen eine vergleichbare Größe und Struktur auf. Sie zeichnet aus, dass fast die Hälfte der städtischen Bevölkerung in eingemeindeten Ortschaften wohnt und die Kommunen dadurch trotz ihres Städtestatus z. T. auch sehr dörfliche Strukturen aufweisen. Leutkirch im Allgäu (22.000 Einwohner) ist mit 175 km² flächenmäßig eine der größten Gemeinden Baden-Württembergs. Die geringe Verdichtung ist charakteristisch für die Stadt. Eingebettet in einen strukturell sehr ländlichen Raum ist das administrative Oberzentrum Ravensburg ca. 50 km entfernt. Im Gegensatz dazu ist die Projektkommune Waldkirch (21.000 Einwohner) durch ihre unmittelbare Nähe zur Großstadt Freiburg im Breisgau gekennzeichnet. Durch ihre vergleichsweise geringe Fläche (ca. 48 km²) ist die Kernstadt mit den fünf Ortschaften zu großen Teilen zusammengewachsen und weist eine größere Verdichtung auf.

In beiden Städten werden zunächst die kommunalen Ernährungssysteme und Lebensmittelflüsse systematisch analysiert. Mit Hilfe konkreter Maßnahmen, die die Kommunen im Rahmen eines breiten Bürgerbeteiligungsverfahrens entwickeln, werden in einem nächsten Schritt die kommunalen Ernährungssysteme vor dem Hintergrund der bestehenden kommunalen Nachhaltigkeits-Leitbilder gezielt aktiviert. Aufgabe der ForschungspartnerInnen im Projekt ist es, neben den Wirkungen der initiierten Maßnahmen auch die Eingebundenheit der kommunalen Ernährungssysteme in die größeren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge zu prüfen und die aktive Gestaltung der Ernährungssysteme in den beiden Projektkommunen aus wissenschaftlicher Sicht zu begleiten und zu analysieren. Dabei können die potenziellen Spielräume und Ansatzpunkte für kommunalpolitisches Handeln identifiziert werden.

Neben den beiden Projektkommunen Waldkirch und Leutkirch im Allgäu sind die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, die Universität Kassel, die Zeppelin Universität Friedrichshafen und NAHhaft als Projektpartner beteiligt. Die wissenschaftlichen Teilprojekte bearbeiten das Thema kommunale Ernährungssysteme aus unterschiedlichen Perspektiven durch einen inter- und transdisziplinären Forschungsansatz. Neben der Politikintegration werden Marktnetzwerke, sozialen Praktiken soziale Milieus sowie Konsummuster der kommunalen Ernährungssysteme der beiden Pilotstädte analysiert. Eine quantitative Analyse der kommunalen Lebensmittelflüsse erfolgt durch das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL).

Das Verbundprojekt wird während der dreijährigen Projektlaufzeit durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Sozial-ökologischen Forschung (SÖF) zum Themenschwerpunkt „Nachhaltige Transformation urbaner Räume“ gefördert. Weitere Informationen und erste Ergebnisse finden Sie unter: www.kernig.uni-freiburg.de

Kontakt

Prof. Dr. Heiner Schanz, Projektleiter Verbundprojekt KERNiG, Professur Environmental Governance, Albert-Ludwig-Universität Freiburg, heiner.schanz@envgov.uni-freiburg.de

Barbara Degenhart, Projektkoordinatorin Verbundprojekt KERNiG, Professur Environmental Governance, Albert-Ludwig-Universität Freiburg, barbara.degenhart@envgov.uni-freiburg.de

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