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Alternative Proteinfuttermittel

Alternative Proteinfuttermittel umfassen Rohstoffe, die alternativ zu typischen Kraftfutter-Grundlagen wie Mais, Soja und Weizen für die Fütterung von Nutztieren verwendet werden.

Ziel und Innovation

Die Grundidee alternativer Proteinfuttermittel ist es, weltweit weniger Eiweißfutter wie Soja zu produzieren und zu importieren. Ungefähr die Hälfte der global angebauten Eiweißpflanzen wie Soja landen heutzutage als Kraftfutter in den Trögen der auf Höchstleistung gezüchteten Hühner, Schweine und Rinder[1]. Begleitet wird die Produktion dieses proteinreichen Futters von der Ausdehnung agrarindustrieller Flächen, der Überdüngung der Agrarökosysteme und der ausgestoßenen Klimagasemissionen durch Landnutzungsänderungen, der Entwaldung großer Landstriche sowie dem Verlust der Biodiversität[2]. Durch weniger Sojaimporte könnten die für die Futtermittelproduktion vorgesehenen Flächen für den Anbau von Lebensmitteln verwendet werden und damit zur Sicherung der Ernährungssouveränität beitragen[3].

Da in Ländern, die Futtermittel importieren, herkömmliche regionale Eiweißquellen den großen Bedarf der industriellen Tierhaltung nicht decken können[4], wird zurzeit viel nach alternativen Proteinfuttermitteln geforscht. Besonders im Gespräch sind Mikroorganismen, Algen und Insekten.

Die Technologie zur Herstellung eines Proteinpulvers aus Mikroorganismen, welches an Tiere verfüttert werden kann, wurde in der Raumfahrt entwickelt. Mikroben wie Bakterien, Hefen und Pilze werden in industriellen Anlagen kultiviert und verarbeitet. Die Produktion ist kostengünstig und weist eine günstige Ökobilanz auf. Eine Analyse des Potenzials von Mikrobenprotein für die Futtermittelproduktion zeigte positive Ergebnisse. Es konnte geschlossen werden, dass die globale Anbaufläche, Klimagasemissionen und Stickstoffverluste stark reduziert werden können.[5]

Mikroalgen wie Spirulina mit ihrem Eiweißgehalt von bis zu 70 % und hoher Nährstoffdichte haben den Vorteil, dass sie schnell wachsen und in einem geschlossenen System mit großem Output produziert werden können.[6] Insekten stellen geringe Ansprüche an ihre Umgebung und ihr Futter und lassen sich auch auf Abfällen züchten. So könnte die Zucht gleichzeitig für die Abfallverwertung von Vorteil sein. In einer Studie an der Fakultät für Agrarwissenschaften in Göttingen wurden beide Rohstoffe einer Probe unterzogen. Schweine und Masthähnchen wurden mit getrockneten gemahlenen Larven der schwarzen Soldatenfliege und Spirulina-Pulver gefüttert. Der Versuch ergab, dass beide Futtermittel wertvolle Eiweißqualitäten mit sich brachten und von den Tieren gut angenommen wurden.[7]

Da in der ökologischen Tierhaltung ein geschlossener Betriebskreislauf angestrebt wird, spielt Kleegras als Viehfutter und Bodenverbesserer/ Gründüngung (als Alternative zu chemischen Düngemitteln) eine große Rolle. Frisch oder siliert kommt Kleegras in der Milchviehfütterung als Eiweißergänzungsfutter zum Einsatz. In Dänemark wurde kürzlich ein technisches Verfahren entwickelt, mithilfe dessen aus Kleegras Proteine aufgeschlossen werden können, um dieses zu Schweinefutter aufzubereiten. Interessant ist hierbei, dass die Eiweißzusammensetzung für Schweine und Geflügel laut Autoren und Autorinnen besser geeignet sei als die von Soja. Die Vorteile von Kleegras reichen allerdings über die ernährungsphysiologischen Qualitäten hinaus. Kleegras muss eindeutig weniger gedüngt werden als Getreide und Soja, trägt zum Humusaufbau bei und führt zu geringeren Stickstoff-Auswaschungen und Pflanzenschutzaufwand. Der Proteinertrag ist wesentlich höher als bei Getreide.[8]

Auch traditionelle, heute in Vergessenheit geratene und kaum verwendete Futtermittel wie Futterlaub kommen als Alternativen infrage.

Beispiele

ACRRES - Niederlande[11], EnAlgae[12], Bioraffinerie “Grünes Protein”- Dänemark, Inseckt, Ynsect[13]

Kategorie

Vorleistung, Verarbeitung, Handel

Akteur*innen

Futtermittelindustrie, Produzenten und Produzentinnen mit Nutztieren

Entwicklungsstand und -dynamik


Alternative Proteinfuttermittel rücken aufgrund des allgemein wachsenden Bewusstseins für die Umweltprobleme durch die Agrarindustrie ins Gespräch. In Europa besteht großes Interesse daran, den Importbedarf von Soja zu senken. Die Umsetzung scheitert noch an der Gesetzgebung[9]. Während Algenproteine in der EU zugelassen sind, dürfen Insektenproteine seit 2017 nur in Aquakulturen eingesetzt werden[10].

Nachhaltigkeitspotential

Ökologisch

  • Biodiversität/Artenvielfalt
  • Boden
  • Wasser
  • Klima
  • Luft
  • Ressourceneffizienz in Produktion und Konsum
  • Förderung von regionalen, geschlossenen Nährstoffkreisläufen

Ökonomisch

  • Erhöhung der Ernährungssicherheit
  • Förderung der Kreislaufwirtschaft

Sozial

  • Tierwohl

Risiken / Nachteile

Bei den hier vorgestellten Ansätzen zur Gewinnung von Proteinfuttermitteln aus Mikroorganismen, Algen und Insekten handelt es sich um stark industrialisierte Prozessverfahren. Die Zucht wird höchstwahrscheinlich nur in großem Maßstab in Deutschland durchgeführt werden, da industrielle Anlagen für die Kultivierung und Verarbeitung benötigt werden. Aus diesem Grund und wegen der vielen Auflagen wird die Insektenzucht in Deutschland anders als in Ostasien keine Lösung für die kleinbäuerliche Landwirtschaft darstellen. Derzeit ist es in Europa auch nicht zugelassen, dass sich gezüchtete Insekten von organischem Abfall ernähren dürfen.[14] Als gewisse Risiken gelten unbekannte Krankheiten der Insekten, die sich auf Menschen übertragen können, Schwermetallbelastungen und ethische Fragen. Fraglich bleibt auch, ob die zugelassenen Futterquellen für Insekten in der Quantität ausreichen würden, um die heutige hohe Anzahl an Nutztieren in der intensiven Landwirtschaft zu bedienen.

Dies knüpft an die übergeordnete Frage an, inwiefern die Nische der alternativen Proteinfuttermittel die intensive industrielle Nutztierhaltung infrage stellt. Durch die Nische wird lediglich ein Produkt bzw. ein Rohstoff in der Vorleistung ersetzt. Da weiterhin von einem hohen Ressourcenverbrauch auszugehen ist, wird das Ernährungssystem dadurch eher angepasst als transformiert. Um die klimaschädliche industrielle Fleischproduktion und ethisch-fragliche Tierhaltung zu reduzieren, ist  eine tiefgreifende Veränderung der Konsummuster erforderlich.


[1] Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2018): Astronautennahrung für Kühe: Industriell gezüchtete Mikroben könnten Rinder, Schweine und Hühner mit weniger Umweltschäden ernähren. Web, 13.10.2019.https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/astronautennahrung-fuer-kuehe-industriell-gezuechtete-mikroben-koennten-rinder-schweine-und-huehner-mit-weniger-umweltschaeden-ernaehren

[2] Mottet, A. et al. (2017): Livestock: On our plates or eating at our table? A new analysis of the feed/food debate. Global Food Security, 14, 1–8.https://doi.org/10.1016/j.gfs.2017.01.001; Steinfeld, H. et al. (2006): Livestock’s Long Shadow: Environmental Issues and Options.

[3] Rehmer, C. (2018): Flächenbindung: Grenzen für Nutztier. Heinrich-Böll-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland & Le Monde Diplomatique. Fleischatlas 2018 – Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. S. 20-21

[4] Benecke, C. (2019): Klee statt Soja? Bei Kleegras denkt man als Erstes an Futter für Kühe. Aber das Eiweißfutter ist auch für Schweine interessant. DLG-Mitteilungen 2/2019, S. 71.

[5] Pikaar, I. et al. (2018): Decoupling Livestock from Land Use through Industrial Feed Production Pathways. Environmental Science & Technology. 52(13)., 7351–7359.https://doi.org/10.1021/acs.est.8b00216

[6] Conde-Petit, B. et al. (2019): How can we find a the protein mix for 2050? Bühler Whitepaper. S.3.

[7] Göttinger Tierfutter-Forschung (2018): Schweine fressen Algen und Insekten. Web,13.10.2019. https://www.hna.de/lokales/goettingen/goettingen-ort28741/goettinger-tierfutter-forschung-schweine-fressen-algen-und-insekten-9608525.html; Reiter, W. & Rützler, H. (2018): Insekten: Alte und neue Nützlinge. Heinrich-Böll-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland & Le Monde Diplomatique. Fleischatlas 2018 – Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. S. 44-45.).

[8] Benecke, C. (2019): Klee statt Soja? DLG-Mitteilungen 2/2019, S. 71.

[9] Die Novel Food-Verordnung 2015/2283 regelt die gesundheitliche Bewertung neuartiger Lebensmittel, wie Algen, Insekten und Mikroorganismen, bevor sie zugelassen und in Verkehr gebracht werden können.

[10] Weka Business Medien GmbH (2018): Insekten und Algen: Proteinquelle fürs Tierfutter. Web, 13.10.2019. https://www.labo.de/news/nachhaltigkeit-in-der-tierzucht-insekten-und-algen--proteinquelle-fuers-tierfutter.htm; Reiter, W. & Rützler, H. (2018): Insekten: Alte und neue Nützlinge. Heinrich-Böll-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland & Le Monde Diplomatique. Fleischatlas 2018 – Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. S. 44-45

[11] Acrres (o. J.): Acrres. Web, 28.01.2020.  http://www.acrres.nl/

[12] W. C. (2020): Home. EnAlgae. Web, 28.01.2020.  http://www.enalgae.eu/index.htm

[13] Ynsect, Premium Natural Feed. (o. J.). Web, 28.01.2020.  http://www.ynsect.com/en/

[14] Umweltbundesamt et al. (2019): Trendanalyse „Fleisch der Zukunft“. Umweltpolitische Handlungsoptionen für die Gestaltung von pflanzenbasierten, insektenbasierten und In-vitro produzierten Fleischersatzprodukten. Inputpapier für den Expertenworkshop „Fleisch der Zukunft“ am 17.9.2019 in Berlin. 27. September 2019. S.13