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Essbare Städte

Steckbrief des Projekts "Sozial-ökologische Transformation des Ernährungssystems"

Der Begriff ›essbare Stadt‹ bezeichnet ein Städtekonzept, bei dem auf öffentlichen, gut zugänglichen Flächen Obst, Gemüse und andere Nutzpflanzen angebaut werden, die dann für alle Menschen frei zur Verfügung stehen.[1] Dies kann sowohl bottom-up als auch top-down umgesetzt werden.[2] Eng verwandt mit dieser Idee ist das Projekt ›Mundraub‹, eine kostenlose Online-Plattform, die mittels einer webbasierten Karte Standorte von Obst, Kräutern und Nüssen im öffentlichen Raum anzeigt, damit sie gefunden und geerntet werden können.[3]

Ziel und Innovation

Zwar ist urbane Nahrungsmittelproduktion keine Neuerfindung – städtische Grünanlagen wurden noch nach dem zweiten Weltkrieg intensiv zum Anbau von Lebensmitteln genutzt – innovativ ist aber, dies eben nicht aus einer Notsituation heraus zu tun.[4] Ebenso neu ist der Gedanke, die Lebensmittel für alle Menschen frei zur Verfügung zu stellen und somit neue Gemeingüter zu schaffen.[5] In essbaren Städten wird Lebensmittelproduktion für Städter erfahrbar gemacht, und über das für alle zugängliche Thema ›Essen‹ werden alle Bevölkerungsgruppen eingebunden und zu Konversationen angeregt.[6] Zur traditionellen ästhetischen Funktion städtischer Grünflächen kommt somit eine umweltpädagogische Funktion, eine soziale Funktion und ggf. eine erhöhte ökologische Funktion durch die Wahrung und Förderung von Biodiversität. Essbare Städte machen zudem hochwertige Lebensmittel für alle Menschen zugänglich. Dennoch spielt der Produktionsaspekt selbst eine untergeordnete Rolle. Ziel und Innovation ist die beschriebene Multifunktionalität öffentlicher Grünflächen.[7]

Beispiele

Essbare Stadt Andernach, Essbare Stadt Kassel, Essbare Stadt Kiel, Essbare Stadt Jena

Kategorie

Produktion (Infrastrukturen), Konsum (Infrastrukturen)

Akteur*innen

Städte und Stadtverwaltungen, Behörden, Bürger und Bürgerinnen, Vereine

Entwicklungsstand und -dynamik

Über das Modell der ›Essbaren Stadt Andernach‹ wurde in den Medien ausführlich berichtet, und es stieß infolgedessen auch auf großes Interesse seitens anderer Städte. Jedes Jahr werden um die 150 Exkursionen in Andernach durchgeführt, um die Erfahrungen weiterzugeben.[10] Im Jahr 2016 gab es bereits in 63 Gemeinden in Deutschland essbare Stadtkonzepte, in 90 weiteren waren diese in der Planung oder wurden zumindest diskutiert.[11]

Nachhaltigkeitspotenzial

Ökologisch

  • Biodiversität/Artenvielfalt
  • Förderung von regionalen, geschlossenen Nährstoffkreisläufen

Ökonomisch

  • Armutsbekämpfung
  • Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe
  • Erhöhung der Ernährungssicherheit
  • Förderung der Kreislaufwirtschaft (indirekt)
  • Herstellen von Transparenz entlang der Wertschöpfungskette

Sozial

  • Gesundheit: Zugang zu gesunder Ernährung
  • Partizipation
  • Bewusstsein / Bildung für nachhaltige Ernährung

Risiken / Nachteile

Es besteht ggf. das Risiko, dass die Einführung der Maßnahmen nicht zu substanziellen Verhaltensänderungen in Produktion, Verarbeitung, Handel oder Konsum führt und daher lediglich einen Symbolcharakter innehält.

Fazit

Unter dem Begriff „essbare Stadt“ wird ein Städtekonzept verstanden, bei dem auf öffentlichen, gut zugänglichen Flächen Obst, Gemüse und andere Nutzpflanzen angebaut und für alle Menschen frei zugänglich gemacht werden. Neu ist daran insbesondere der Gedanke, die Lebensmittel allen frei zur Verfügung zu stellen, und somit neue Gemeingüter zu schaffen. Das Konzept befindet sich derzeit stark in der Ausbreitung. Es fördert, neben dem Erhalt der Artenvielfalt, viele soziale und ökonomische Nachhaltigkeitsziele und hat damit deutliches Nachhaltigkeitspotenzial. Um dieses auszubauen, ist gleichzeitig darauf zu achten, dass der Ansatz auch zu substanziellen ökologischen Verbesserungen in Produktion und Konsum von Lebensmitteln vor Ort führt.


[1] Kaiser, Maria (2017): Werkstätten des Wandels? Essbare Städte und ihr Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation, in: Markus Keck, Heiko Faust, Michael Fink, Max Gaedke, Tobias Reeh (Hg.): Transformationsräume. Lokale Initiativen des sozial-ökologischen Wandels, ZELTForum – Göttinger Schriften zu Landschaftsinterpretation und Tourismus, Band 9, S. 62.

[2] Kosack, Lutz (2016): Die Essbare Stadt Andernach. Urbane Landwirtschaft im öffentlichen Raum, Standort 40:2, S. 140-141

[3] Keppler, Birgit und Faust, Heiko (2017): Alternative urbane Nahrungsmittelnetzwerke. Eine vergleichende Analyse mit einer vertiefenden Betrachtung des Projekts ›Mundraub‹, in: Markus Keck, Heiko Faust, Michael Fink, Max Gaedke, Tobias Reeh (Hg.): Transformationsräume. Lokale Initiativen des sozial-ökologischen Wandels, ZELTForum – Göttinger Schriften zu Landschaftsinterpretation und Tourismus, Band 9, S. 111

[4] Ebd., S. 97.

[5]Vergl. Keppler und Faust (2017), S. 111-117

[6] Kosack (2016), S. 141 und Kaiser (2017), S. 67

[7] Kaiser (2017), S. 62

[8] Kaiser (2017), S. 64 und 66

[9] Mundraub (2018): Öffentliche Obstbäume für alle. Web, 1.6.2018. www.mundraub.org/node/139

[10] Kosack (2016), S. 144

[11]Essbare Stadt Minden: Übersicht: Essbare Städte. Web, 1.6.2018. www.essbare-stadt-minden.de/wissenswertes/links-essbare-stadte/

[12]Kaiser (2017), S. 72-73, 76-77

[13]Ebd.