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Erfahrungsbericht

Bei »Tante LeMi«

In Mönchengladbach gibt es einen ­gemeinnützigen ­Unverpacktladen von ­Mitgliedern für Mitglieder.

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Bohnen und Kichererbsen in durchsichtigen Gefäßen

CC0 von Marc Pascual auf pixabay.com

In den 1970er Jahren war die Mönchengladbacher Altstadt eine große Nummer: Sogar aus Düsseldorf kamen Leute hierher, um feiern zu gehen. Vor Günther Netzers Club »Lovers’ Lane« standen sich Feierwütige die Beine in den Bauch, um womöglich einen kurzen Blick auf die Fußballlegende zu erhaschen. Als Hochburg enkeltauglicher Lebensweisen ist Mönchengladbach weniger aufgefallen. Heute ist es ruhig geworden, viele der Häuschen der pittoresken Altstadt stehen leer, an blinden Fenstern nagt der Zahn der Zeit. Seit März 2016 gibt es hier aber doch wieder etwas Besonderes: einen Unverpacktladen. Einen Unverpacktladen? Das ist doch nichts Besonderes mehr! Mittlerweile gibt es davon rund 100 im Land. Ich finde ihn dennoch außergewöhnlich, denn es ist ein gemeinnütziger Mitgliederladen.
Bei seiner Eröffnung lag meine Frau mit unserem zweiten Kind im Wochenbett und bat mich, zur Feier zu gehen. Obwohl ich damals alle Hände voll zu tun hatte, bestand sie darauf. Ein Laden, dessen Konzept vom Wachstumsgedanken losgelöst, nicht profitorientiert, dazu verpackungsfrei und gemeinschaftlich organisiert ist – schon beim ersten Besuch war ich begeistert.
Getragen wird der Laden vom gemeinnützigen Verein »Eine Erde«. »Der Name soll daran erinnern, dass wir nur eine gemeinsame Erde haben und dass jeder Mensch das Anrecht auf einen gleichen Teil hat, ohne dass die Belastungsgrenzen unserer Biosphäre überschritten werden«, erinnert sich Mitgründerin Simone Jansen an die Gründung im Jahr 2015. Seitdem organisierte der Verein gut 30 Veranstaltungen pro Jahr rund um Lebensweisen mit leichtem ökologischen Fußabdruck. Dabei geht es ganz praktisch ums Stricken oder Wurmkistenbauen, aber auch um Grundlagen für eine enkeltaugliche Zukunft in Vorträgen von Fachleuten wie Friederike Habermann, Niko Paech oder Jörg Bergstedt – der Verein versucht, einen weiten Bogen zu spannen.
Meine Frau und ich waren schon seit längerer Zeit an gemeinschaftlichem Zusammenleben in der Stadt interessiert. Nach ein paar gescheiterten Versuchen, selbst nachbarschaftliche Projekte zu initiieren, gaben uns die Aktivitäten im Verein Eine Erde. Hoffnung und unter anderem einen Anlass, in der Stadt zu bleiben, statt etwa andernorts in eine bestehende Gemeinschaft zu ziehen. Angefangen hat der Verein mit einer »FoodCoop«: Ein Dutzend Menschen bestellten bei einem Großhändler günstig ökologische Lebensmittel in Großgebinden und teilten die Bestellung untereinander auf. Bald lag die Idee nahe, ein kleines Lager aufzubauen und regelmäßige Öffnungszeiten anzubieten. Die Idee der »Tante LeMi« (von Lebensmittel) als kleinem Ladenlokal und Treffpunkt war geboren. Das Ehepaar Jansen spendete dafür seine Erdgeschoß-Einliegerwohnung und etwas Kapital für den Start, zwei weitere Mitglieder der FoodCoop schossen noch etwas Geld dazu, und mit Investitionen von rund 1500 Euro konnte im Rahmen des Vereins der gemeinnützige Unverpacktladen starten.
Das Projekt war von Anfang an so konzipiert, dass nur Mitglieder des Vereins Eine Erde hier Waren beziehen und alle nötigen Arbeiten erledigen. Dahinter steht die Idee, Märkte durch Gemeinschaften zu ersetzen. Wer hier einkauft, kann weder in eine Konsumhaltung verfallen noch sich vom Laden innerlich distanzieren, sondern wird Teil eines Gemeinschaftsprojekts. Der jährliche Mitgliedsbeitrag wird selbst gewählt, er kann auch bei Null Euro liegen. Mittlerweile sind über 850 Mitglieder im Verein, Tendenz stark steigend. Elke war heute zum Beispiel zum ersten Mal im Laden. Interessiert las sie das Infoblatt und füllte anschließend das Mitgliedschaftsformular aus. Mit leeren Gläsern und Dosen ging sie anschließend auf die Suche nach Schätzen wie Lupinenkaffee oder Linsennudeln.
Noch sind nicht alle Flächen mit Produkten belegt, der Laden darf also noch ein wenig wachsen. Mit steigenden Mitgliederzahlen wuchs bisher auch das Engagement der Beteiligten. Sollte sich das künftig ändern, müsste in der Mitgliederversammlung über Lösungen, wie verpflichtende Dienste, gesprochen werden.
Ein harter Kern von zwei Handvoll Menschen sorgt bisher für einen – mehr oder minder – reibungslosen Ablauf, und rund 50 Mitglieder engagieren sich bei verschiedenen Aufgaben. Sie übernehmen Ladendienste, nehmen Waren an, gestalten Flyer oder reinigen das Ladenlokal. Alle freuen sich über jede helfende Hand, die dazukommt und bereit ist, sich aufs Gemeinschaffen einzulassen. Im politischen Newsletter, der »Post von der Tante«, wird regelmäßig auf die Möglichkeiten, sich einzubringen, hin­gewiesen. Darin finden sich auch Verweise auf kommende Veranstaltungen und den Blog.

Die kleinen Bohnen aus Österreich tun es auch

Beim letzten Teamtreffen stellten wir in der Mitte des Lokals einen großen, runden Tisch auf und diskutierten beim gemeinsamen Essen über Entwicklungen und Verbesserungen. Dabei erklärte Vorstandsmitglied Magdalena Schmidramsl wieder einmal die grundlegende Idee der Tante LeMi: »Niemand bekommt einen Vorteil durch die Übernahme von ehrenamtlichen Tätigkeiten, wie etwa Prozente beim Einkauf, niemand bekommt ein Honorar. Wir nennen das ›beitragen statt tauschen‹.« Von diesem Prinzip profitieren letztlich alle: Die Mitglieder bekommen unverpackte, vegane Lebensmittel, Gewürze und Drogerieartikel, das Umfeld genießt die aus den Überschüssen finanzierten Veranstaltungen im Laden, und auch die Planetin profitiert von ökologisch angebauten Erzeugnissen, die keine globalen Transportwege zurücklegen. Produkte von weither wurden nach und nach durch europäische ersetzt. Als wir feststellten, dass wir große weiße Bohnen nur aus China beziehen können, fanden wir schließlich etwas kleinere weiße Bohnen aus Österreich, aus denen sich genauso leckere Eintöpfe oder Salate zubereiten lassen. Kartoffeln werden als eines der wenigen erhältlichen nicht trockenen Lebensmittel per Lastenrad aus einer nahegelegenen Stadt in regelmäßigen Kartoffelfahrten von wechselnden Mitgliedern abgeholt.
Leider ist es bei einem Großteil der Produkte nicht möglich, auf den Großhandel zu verzichten. Im Sinn der Ernährungssouveränität und der Förderung einer aufbauenden Landwirtschaft versuchen wir aber, die Abhängigkeit vom Großhandel auf lange Sicht zu reduzieren und weitere Kooperationen mit Höfen aus dem Umland einzugehen. Als selbstorganisierter Laden mit zwei Öffnungszeiten in der Woche können wir nicht wählerisch sein, was den Großhändler betrifft. Derjenige, der größtenteils in Papier verpackte Gebinde anbietet, hat unpassende Anlieferzeiten. Sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen und die Abläufe kontinuierlich zu verbessern, kostet einiges an Arbeit. Die meisten Entscheidungen trifft derzeit der kollegial, also ohne Vorsitzenden, aufgestellte Vorstand im Konsens. Da die Mitgliederversammlung nur einmal im Jahr stattfindet, ist sie wenig geeignet, um Teilhabe zu bieten. Vielmehr schafft das Ladenteamtreffen eine Möglichkeit, sich auch bei der Entscheidungsfindung einzubringen. Neuerdings findet es monatlich statt und ist für alle Mitgestaltenden offen.
Mittlerweile ist Tante LeMi in ein richtiges Ladenlokal eingezogen, da die Wohnung bei den Jansens zu klein wurde. Zur Zeit darf sie mietfrei gegen Übernahme der Nebenkosten in den gemütlichen Räumen einer zuletzt leerstehenden Kneipe am Rand der Altstadt residieren. Irgendwann wird eine Miete bestritten werden müssen, Gehälter sollen aber nie Teil der Kosten werden. Auch langfristig soll der Laden weiterhin nur von Mitgliedern betrieben werden. Da niemandes Existenz von seinem Erfolg abhängt, ist die Atmosphäre entspannt und familiär. Die üblichen Hierarchien eines Ladens im Sinn von Besitzenden und Angestellten weichen einem selbstverständlichen Verhältnis zwischen Menschen, die sich im Laden besser auskennen, und denjenigen, die noch neu sind oder seltener kommen. Wer hier einkauft, sitzt an manchen Tagen auch hinter der Kasse. Manchmal ist es schwierig, zu sagen, wer im Laden gerade »Kunde« ist und wer dort »arbeitet«. Aus anderen Läden ist man gewohnt, Mitarbeitende direkt zu erkennen, so dass immer klar ist, an wen eine Frage gerichtet werden kann. Dass hier die klassischen Grenzen zwischen den verschiedenen Rollen verschwimmen, ist für uns aber eine willkommene Qualität des Gemeinschaffens.
Gerade für meine Kinder ist Tante LeMi ein schönes Beispiel für einen positiven Umgang miteinander. Der Name passt gut zu dem familiären Umfeld, das durch gemeinsames Tun erzeugt wird. Ein Sofa in der Ecke lädt zu einem Päuschen ein und ist ein Ort des Kennenlernens.
»Die LeMi ist eine Keimzelle für eine neue Welt: Wenn wir ein Lädchen selbstorganisiert, kooperativ und gemeinnützig gestalten, dann könnten wir auch den Lebensmitteltransport und den Lebensmittelanbau so gestalten, ebenso den Wohnungsbau, die Bekleidungsherstellung – das ganze Leben!«, sinniert Lars Lange, der schon bei der Vereinsgründung dabei war. Für mich selbst ist die Tante LeMi eine große Bereicherung und steht stellvertretend für eine positive Entwicklung der Stadt. War die Altstadt für mich früher eher ein Ort fürs abendliche Ausgehen und Feiern, besuche ich diesen Stadtteil heute auch am Tag. Dank Unverpacktladen gefällt er mir viel besser als vorher.

 

Jonas Makowski (30) versucht, im Alltag des Familienlebens enkeltaugliche Wege zu gehen und sich immer wieder aus der Tauschlogik herauszubewegen. Er engagiert sich im Unverpackt­laden Mönchengladbach. www.tantelemi.wordpress.com

 

Dieser Artikel steht unter folgender CC Lizenz: BY-NC-SA.

 

Dieser Artikel ist zuerst hier erschienen:

Makowski, J. (2019). Bei »Tante LeMi«. OYA. anders denken, anders leben. https://oya-online.de/article/read/3311-.html

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