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Blick über den Tonnenrand

Die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren, ist ein Ziel der Vereinten Nationen, dem sich auch die deutsche Bundesregierung angeschlossen hat. Deutschland setzt dabei auf Aufklärung und Selbstverpflichtung statt auf Gesetze. In anderen europäischen Ländern sieht das anders aus. Welche Gesetze bestehen, welche Auswirkungen haben sie und was können wir daraus lernen?

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Zur Wirkung der französischen Gesetze

Im Jahr 2016 hat Frankreich ein Gesetz zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung erlassen1. Das Gesetz gibt eine klare Priorisierung der vorzunehmenden Maßnahmen vor.

1.    Vermeidung von Lebensmittelverschwendung

2.    Die Verwendung von unverkauften Produkten, die zum menschlichen Verzehr geeignet sind

3.    Rückgewinnung als Tierfutter

4.    Verwendung als Kompost für die Landwirtschaft oder zur Energiegewinnung

Damit sind die Händler zunächst dazu verpflichtet, Lebensmittelverschwendung u. a. durch einen bedarfsgerechten Einkauf zu vermeiden. Zudem ist es untersagt, Lebensmittel, die nicht verkauft wurden, absichtlich für den Verzehr oder andere Verwertungszwecke ungeeignet zu machen, beispielsweise durch die Behandlung mit Chlor. Verstöße gegen dieses Gesetz werden mit einer Geldbuße von 3.750 Euro bestraft. Ab einer Verkaufsfläche von über 400m² müssen unverkaufte Lebensmittel an gemeinnützige Vereine abgegeben werden. Vereinbarungen über die Bedingungen der Abholung mussten nach Inkrafttreten des Gesetzes binnen eines Jahres mit entsprechenden Vereinen getroffen werden. Erst wenn Lebensmittel für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet sind, können sie als Tierfutter, zu Kompostzwecken oder schließlich zur Energiegewinnung genutzt werden.

Ein wichtiger Punkt des französischen Systems ist auch die Schaffung von finanziellen Anreizen in Form von Steuergutschriften bei Lebensmittelspenden sowie die Besteuerung der Entsorgung. „In Frankreich werden steuerpolitische Instrumente so eingesetzt, dass es für Unternehmen teurer ist, nicht-marktfähige Produkte der anaeroben Zersetzung zuzuführen als sie an Lebensmittelbanken zu spenden. Damit werden hinsichtlich der EU-Abfallhierarchie die richtigen Signale gesendet".2

2018 haben sich die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages mit den rechtlichen Vorgaben Frankreichs befasst und eine Evaluierung vorgenommen.3 Zitiert wird in dem Bericht mitunter das französische Landwirtschaftsministerium, dass bereits im Februar 2018 davon sprach, dass sich die Lebensmittelspenden an Vereine seit Inkrafttreten des Gesetzes um 22 Prozent erhöht hätten4. Auch hätten sich zahlreiche Vereine und Unternehmen auf die Verwaltung der unverkauften Lebensmittel spezialisiert.

Neben diesen optimistischen Aussagen wurden auch Berichte, die auf die Schwächen der Gesetzgebung hinweisen, aufgegriffen. So gebe das Gesetz keinen minimalen Anteil für die zu spendenden Lebensmitteln an und es bringe einen erheblichen logistischen Aufwand für die Vereine mit sich, die keine Möglichkeiten hätten, so viele Lebensmittel zu transportieren und zu lagern.5

Jacques Bailet, der Präsident der französischen Tafeln (Banques Alimentaires), sieht laut einem Artikel der Süddeutschen Zeitung andere Probleme: "Die Lagerkapazitäten sind kein Problem. Höchstens fehlen uns manchmal Freiwillige."6 Bailet fände das Gesetz sehr gut, einzig die kurzen Haltbarkeiten der gespendeten Lebensmittel seien problematisch. Zudem sei es notwendig, das Gesetz auch auf kleine Läden oder Bäckereien auszuweiten.

Die Bundesregierung positioniert sich zum französischen Gesetz wie folgt:

„Anders als in Frankreich ist es in Deutschland seit vielen Jahren selbstverständlich, dass zahlreiche Supermärkte unverkaufte und noch genießbare Lebensmittel auf freiwilliger Basis an „Die Tafeln“ oder andere soziale Einrichtungen abgeben. Die Bundesregierung sieht daher keine Notwendigkeit für eine gesetzliche Regelung und wird in dieser Auffassung unter anderem auch vom Bundesverband Deutsche Tafel e. V. unterstützt (siehe Vorstandsbeschluss von Februar 2016).“ 7

Die Situation in Tschechien

Auch in Tschechien ist es seit 2018 verboten, unverkaufte Lebensmittel in den Müll zu werfen. Stattdessen müssen sie kostenfrei den vom zuständigen Ministerium benannten, wohltätigen Organisationen zur Verfügung gestellt werden8. Anders als in Frankreich drohen bei Zuwiderhandlungen hohe Geldstrafen von bis zu 386.000 Euro9. Wie auch in Frankreich gilt das Gesetz für Betriebe mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 m².

Tschechische Senatoren kritisierten das Gesetz als Enteignung und eine Privatisierung der öffentlichen Verwaltung zugunsten gemeinnütziger Organisationen, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen würden10. Das Verfassungsgericht hat eine Klage inzwischen abgewiesen. Eine quantitative Bewertung der Auswirkungen der Gesetzesänderung liegt noch nicht vor.  

Medienberichten zufolge will sich die Slowakei bei einer eigenen Gesetzgebung zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung an Tschechien orientieren11. Jochen Brühl, Bundesvorsitzender von Deutsche Tafel e. V., sieht laut ARD keine Notwendigkeit für ein ähnliches Gesetz in Deutschland. "Ich glaube es ist immer schwierig, mit Gesetz[es]vorgaben etwas zu ändern. Es geht um die Haltung und nicht nur um das Ende der Wertschöpfungskette, sondern es muss uns alle betreffen. Die Tafeln nutzen das System der Selbstverpflichtung auch jetzt ganz gut." 12

Freiwilligkeit in Italien

Mit einer freiwilligen Abgabe an gemeinnützige Organisationen versucht auch Italien, die Lebensmittelverschwendung zu verringern. Statt auf Strafen setzt das Land auf Steuererleichterungen als finanziellen Anreiz für Unternehmen, unverkaufte Lebensmittel abzugeben. Das Gesetz wird auch als „Guter-Samariter-Gesetz“ bezeichnet. Besonders ist an diesem Gesetz der Umstand, dass die Organisationen, der die Lebensmittel übergeben werden, als Endverbraucher angesehen werden. Das bringt rechtliche Erleichterungen für die Unternehmen mit sich. Eine vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss in Auftrag gegeben vergleichende Studie zu den gesetzlichen Bestimmungen in den EU Mitgliedsstaaten führt aus: „Die Lebensmittelspender haften damit lediglich gegenüber den Lebensmittelbanken für die Nahrungsmittelsicherheit und die Hygienebedingungen, nicht aber gegenüber dem einzelnen Verbraucher der Produkte der Lebensmittelbank. Da die erforderlichen Rahmenbedingungen für Sicherheit und Hygiene durch die Lebensmittelbanken bei Erhalt der Spenden gewährleistet sind, bietet dieses Gesetz den Spendern nach Ansicht vieler Interessenträger eine zusätzliche Rückversicherung, die Schenkungen fördert, ohne dadurch die notwendigen Schutzmaßnahmen in Frage zu stellen“.13

Bürokratieabbau und Rechtssicherheit in Belgien

Zwei Beispiele, wie eine eindeutige Rechtsauslegung zu einer Reduktion der Lebensmittelverschwendung führen kann, konnte ’Bio by Deloitte’ im Rahmen der genannten vergleichenden Studie in Belgien ausmachen14. Dabei handelt es sich zum einen um die Auslegung des Begriffs der Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln. Einem königlichen Erlass zufolge gilt die Liste von Einzelhändlern und Herstellern, die Lebensmittel gespendet haben, als Beleg für die eingehenden Erzeugnisse, ebenso wie die Liste der Nahrungsmittelbanken und Wohltätigkeitsorganisationen als Beleg für die ausgelieferten Produkte gelten kann. Diese Auslegung erleichtert den bürokratischen Aufwand von Lebensmittelspenden, der u. a. in Tschechien von den Unternehmen bemängelt wird.15 Das zweite Beispiel betrifft die Auslegung der Mehrwertsteuerrichtlinie. „Die Empfehlungen der Europäischen Kommission, den Wert von Lebensmitteln, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum fast erreicht haben, recht niedrig oder bei null anzusetzen, um so die Mehrwertsteuerpflicht für die gespendeten Produkte aufzuheben, wird in einer belgischen Entscheidung geklärt. Durch diese eindeutige Rechtsauslegung der Empfehlung der Europäischen Kommission wird das Verfahren in Belgien leichter und transparenter.“16

Maßnahmen in Großbritannien

In Großbritannien ermöglicht das „Courtauld Commitment“ eine freiwillige Vereinbarung zwischen britischen Regierungen und Unternehmen der Lebensmittelbranche zur Reduzierung von Lebensmittel- und -verpackungsabfällen. Dabei handelt es sich um (freiwillige) Selbstverpflichtungen und Beratungsangebote, die durch das gemeinnützige Unternehmen WRAP (Waste and Resources Action Programme) durchgeführt werden. Seit 2007 organisiert WRAP die Kampagne „Love Food Hate Waste“, die auch Lokalregierungen und Stadträte ebenso wie gemeinnützige Organisationen einbindet und vor allem private Haushalte anspricht. Die Kampagne gewinnt Einzelhändler dafür, ihren Kunden gute Tipps, Rezepte und Informationen zur Abfallvermeidung zu geben. Darüber hinaus wurden „display until“-Daten von den Verpackungen genommen und Verpackungseinheiten eingeführt, die den Bedürfnissen der Haushalte besser entsprechen. Als wichtigster Erfolgsfaktor wurde von WRAP die Bereitstellung von nützlichen Instrumenten und Daten für die teilnehmenden Unternehmen genannt, die bei Unternehmen zu Kosteneinsparungen führen.

In Deutschland wird es als zivilrechtlich problematisch gesehen, dass nur die beiden Parteien einer Schenkung von der Haftung ausgeschlossen sind, also der Handel und die Tafeln, während die Haftung des Handels gegenüber dem Endverbraucher nicht explizit aufgehoben wird. Falls also Lebensmittel beim Endabnehmer Gesundheitsschäden verursachen sollten (z. B. Scherben im Apfelmus oder fehlende Allergenkennzeichnung), greift die Produkthaftung des Herstellers (§ 1 ProdHG). Diese Haftung kann weder ausgeschlossen noch beschränkt werden.

Der 1996 in den USA verabschiedete „Bill Emerson Good Samaritan Food Donation Act“ dient als Vorbild für eine politische Regelung dieser Rechtslage. Dabei wird sowohl der ursprüngliche Spender als auch die gemeinnützige Organisation von der Haftung (es sei denn, eine Partei handelt grob fahrlässig) befreit. In Europa hat lediglich Italien eine vergleichbare Regelung beschlossen. Darin wird die Tafel als Endkonsument definiert und damit etwaige Ansprüche des tatsächlichen Endverbrauchers an vorgelagerte Teile der Lebensmittelkette ausgeschlossen.

Unterschiede zwischen deutschen Bundesländern

Lernmöglichkeiten bietet auch der Blick auf Deutschland und die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Während die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Nordrhein-Westfalen laut einer Studie des WWF zu den Pionieren zählen, gehören Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu den Nachzüglern17. Der WWF setzt sich in der Studie von 2018 mit den Strategien, Plänen, Gesetzen der einzelnen Bundesländer auseinander. Die Lektüre bietet viel Inspiration und sei hiermit empfohlen.

Gesetze in Deutschland

In Deutschland stehen die Maßnahmen zur Abfallvermeidung und Abfallbewirtschaftung laut Kreislaufwirtschaftsgesetz18 in der folgenden Reihenfolge:

1.    Vermeidung

2.    Vorbereitung zur Wiederverwendung

3.    Recycling

4.    sonstige Verwertung, insbesondere energetische Verwertung und Verfüllung

5.    Beseitigung.

Neben dieser Abfallhierarchie beinhaltet der § 6 einen Absatz zum Umweltschutz und zur Nachhaltigkeit der Maßnahmen. Darin heißt es 

„Ausgehend von der Rangfolge nach Absatz 1 soll nach Maßgabe der §§ 7 und 8 diejenige Maßnahme Vorrang haben, die den Schutz von Mensch und Umwelt bei der Erzeugung und Bewirtschaftung von Abfällen unter Berücksichtigung des Vorsorge- und Nachhaltigkeitsprinzips am besten gewährleistet. Für die Betrachtung der Auswirkungen auf Mensch und Umwelt nach Satz 1 ist der gesamte Lebenszyklus des Abfalls zugrunde zu legen. Hierbei sind insbesondere zu berücksichtigen

1.    die zu erwartenden Emissionen,

2.    das Maß der Schonung der natürlichen Ressourcen,

3.    die einzusetzende oder zu gewinnende Energie sowie

4.    die Anreicherung von Schadstoffen in Erzeugnissen, in Abfällen zur Verwertung oder in daraus gewonnenen Erzeugnissen.

Die technische Möglichkeit, die wirtschaftliche Zumutbarkeit und die sozialen Folgen der Maßnahme sind zu beachten.“ (KrWG §6 (2))

Die Gesetze zur Reduktion der Lebensmittelverschwendung sind also womöglich schon geschrieben und müssten nur strenger ausgelegt bzw. konsequenter angewandt werden.

Auch Deutschland kann entscheiden - politische Strategien gegen die Verschwendung

Im Februar 2019 wurde dazu vom BMEL eine „Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung“ vorgelegt. Diese benennt als Handlungsfelder den politischen Rahmen, Prozessoptimierungen in der Wirtschaft, Verhaltensveränderungen bei allen Akteuren und Potentiale von Forschung und Digitalisierung. Darin wird vor allem angekündigt, dass sich sektorspezifische Gremien sowie ein übergreifendes Dialogforum formieren werden, die ihrerseits Lösungen entwickeln sollen. Hinsichtlich möglicher Wirtschaftsauflagen wird die Wahrung der kartell- und wettbewerbsrechtlichen Vorschriften betont, die erfordern, dass Unternehmen im Rahmen einer freiwilligen Selbstverpflichtung agieren, um den freien Wettbewerb nicht einzuschränken.

Zur Zielerreichung sollen vor allem Transparenz hinsichtlich der Abfallmenge der jeweiligen Prozess- oder Distributionsstufe sowie Innovationen zur Vermeidung gefördert werden. Alle Akteure der Wertschöpfungskette sind aufgefordert, effiziente Lösungen zu entwickeln, Schnittstellen zwischen Sektoren zu beachten und ihre logistischen Systeme anzupassen.  Dabei wird unter anderem auf die Entwicklung intelligenter Verpackungen gesetzt. Auch Marketing und Werbung sollen sich nach Möglichkeit gegen die Verschwendung in Stellung bringen.

Im Forschungsprojekt REFOWAS (Pathways to Reduce Food Waste) wird die Entwicklung von digitalen Ansätzen zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen vorangetrieben. Als Tool für Großküchen und Caterer ist bereits der ‘Küchenmonitor’ entstanden. Darüber hinaus soll mit der Plattform ‘essens-wert’ wissenschaftlicher Austausch rund um das Thema Lebensmittelabfall ermöglicht werden.

Unter dem Titel „Zu gut für die Tonne“ wurde von Seiten des BMEL bereits 2012 eine Informationskampagne für VerbraucherInnen ins Leben gerufen. Diese beinhaltet eine App zum Erstellen von Rezepten aus Resten, Bildungsmaterialien für den Schulunterricht und der Auslobung eines jährlich vergebenen Preises für innovative Ansätze gegen Lebensmittelverschwendung aus der Zivilgesellschaft. Zuletzt entstand die Initiative ‘Beste Reste Box’, die die Mitnahme von Resten im Außer-Haus-Verzehr erleichtern soll. Die Kampagne soll nun zur Dachmarke der o. g. Strategie ausgebaut werden.

Um eine Datengrundlage zu schaffen aufgrund derer Erfolge in der Minderung von Verlusten quantifiziert werden können, hat sich die Lebensmittelwirtschaft im Verein ‘United against waste e.V.’ zusammengeschlossen. Zu den namhaften Partnern gehören neben dem Deutschen Hotel und Gastgewerbe-Verband auch Nestlé, Unilever und Ikea. Ziel ist es, vor allem in Küchen und bei Verarbeitern durch konkrete Messungen zu ermitteln, welchen Anteil Produktionsabfall, Überproduktion, Tellerrückläufe und die Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums an der Gesamtmenge einnehmen. Mit diesen konkreten Zahlen werden Managementveränderungen erarbeitet und umgesetzt, woraufhin deren Impact erneut gemessen wird. In der Onlinedarstellung des Vereins werden durch Teilnehmer bis zu 60% Einsparungen im Betrieb konstatiert- auch zu Gunsten der Finanzen.

Potentielle Rechtsinstrumente zur Eindämmung von Lebensmittelverschwendung

Mögliche Anpassungen bestehender Rechtsinstrumente, die über eine freiwillige Selbstverpflichtung hinausgehen, wurden bereits 2014 von Jepsen et al.19 vorgeschlagen.

Demnach könnte eine direkte Kennzeichnung der im Prozess verlorenen Lebensmittel im Rahmen der Kennzeichnungsrichtlinie und der „Öko-Design-Richtlinie“ auf EU-Ebene implementiert werden. Allerdings lehnt der Gesetzgeber eine Ausweitung auf Lebensmittel zur Zeit ab. Da es sich hier um Prozess- anstatt um Produkteigenschaften handelt und entsprechende Kennzahlen erst entwickelt werden müssten, wäre ein umfassendes Politikinstrument neu zu erschaffen.

Um insbesondere Unternehmen des verschwendungsreichen Außer-Haus-Verzehrs zu reglementieren, könnte das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) angepasst werden. Dieses unterscheidet in seinen Auflagen nach genehmigungs- und nicht genehmigungspflichtigen Anlagen. Da lebensmittelverarbeitende Betriebe meist keiner Genehmigungspflicht unterliegen, wäre eigens eine Verwaltungsvorschrift mit dem Ziel einer „guten Managementpraxis“ zu erlassen, die Grenzwerte zum Abfallaufkommen enthalten und entsprechende Kontrollen implementieren müsste. Es ist zu beachten, dass in der Branche eine Vielzahl kleiner Betriebe existiert, für die ein unverhältnismäßig hoher Managementaufwand entstehen könnte.

Forderungen von Verbänden und NGOs

In den neuesten politischen Strategiepapieren ist auch die jahrelange Vorarbeit verschiedener NGOs wiederzuerkennen. Dennoch wurden einige relevante Forderungen bislang nicht berücksichtigt.

Foodsharing fordert in seinem 2018 gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) veröffentlichten Aktionsplan 20 eine verbindliche Dokumentationspflicht für alle Stufen der Wertschöpfung, samt Überprüfung von unabhängiger Seite. Im nächsten Schritt sind statt freiwilliger Selbstverpflichtung konkrete Reduktionsziele und Sanktionen bei Nichterreichung umzusetzen, während ein “Wegwerfstopp für Supermärkte” in Kraft treten soll. Dieser soll von Rechtssicherheit für und Steuerbegünstigungen von lebensmittelspendenden Unternehmen wie “essensrettenden” Organisationen gerahmt werden.

Hinsichtlich der sogenannten “aktiven Verpackungen” wird ein maßvoller Ressourcenverbrauch beim Verpackungsmaterial angemahnt - ansonsten sei der Effekt nichtig.

Bezüglich der Regelungen zum Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) divergieren die Ansätze. Während Foodsharing und DUH sich lediglich mehr Bildungsarbeit zur Differenzierung von Verbrauchs- und Mindesthaltbarkeitsdatum wünschen, setzt Misereor auf eine komplette Abschaffung des MHDs. Damit Lebensmittel nicht vor ihrem Verfall aussortiert werden, sollte es für gesundheitlich unproblematische Produkte durch ein Herstellungsdatum ersetzt werden.

Schließlich appellieren die Nichtregierungsorganisationen auch an die Verantwortung der Verbraucher, ihre Routinen zu durchbrechen. Eine Steigerung der Wertschätzung von Lebensmitteln kann laut Frederik Schulze-Hamann, Vorstandsmitglied von Slow Food, unter anderem über eine neue Identifikation erreicht werden. Essen fungiert auch als Beziehungsstifter, als Bindeglied zum regionalen Kulturraum, mit dem Ziel genussorientierte Geschmacksvielfalt wahrzunehmen und zu schätzen.

Zur Schaffung dieses Regionalbezugs setzen sich alle genannten Akteure für veränderte politische Rahmenbedingungen zur Stärkung regionaler Lebensmittelproduktions- und Vermarktungsstrukturen ein, die u. a. durch kürzere Transportwege einen relevanten Beitrag zur Reduzierung der Lebensmittelabfälle leisten. Das Ende der Wegwerfwirtschaft soll auch durch die Etablierung von Mehrwegsystemen unterstützt werden.

 

Quellen 

 

1 JORF n°0036 du 12 février 2016 URL: https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do?cidTexte=JORFTEXT000032036289&categorieLien=id

2 Europäische Union 2014. Gesetzliche Bestimmungen und die Verfahren der EU-Mitgliedstaaten bezüglich Lebensmittelspenden. Zusammenfassung. URL: https://www.eesc.europa.eu/sites/default/files/resources/docs/qe-05-14-069-de-n.pdf

3 Wissenschaftliche Dienste 2018. Rechtliche Vorgaben in Frankreich gegen Lebensmittelverschwendung. URL:  https://www.bundestag.de/resource/blob/568808/21ec9f0fbd1bce3c48c063f24498428e/wd-5-095-18-pdf-data.pdf

4 Ministère de l’Agriculture et de l’Alimentation 2018. La France pionnière de la lutte contre le gaspillage ali-mentaire. 09/02/2018. URL: http://agriculture.gouv.fr/la-france-pionniere-de-la-lutte-contre-le-gaspillage-alimentaire

5 Rabobank 2018. France outlaws throwaway culture. URL:  https://www.ra-bobank.com/en/raboworld/articles/france-outlaws-throwaway-culture.html

6 Thiele, Marlene & Mimizan 2019. Wie Frankreich gegen den achtlosen Umgang mit Essen kämpft. Süddeutsche Zeitung. URL:   https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/lebensmittel-verschwendung-containern-1.4331886-2

7 Deutscher Bundestag 2017. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Nicole Maisch, Harald Ebner, Friedrich Ostendorff, Matthias Gastel und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 18/12222 – URL: BT-Drs. 18/12631. http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/126/1812631.pdf

8 Zákon č. 110/1997 Sb. URL: https://www.zakonyprolidi.cz/cs/1997-110

9 Gabrhelíková, Kateřina 2019. Až třetina vyprodukovaných potravin putuje do koše. URL: https://pravo21.online/domov-a-svet/az-tretina-vyprodukovanych-potravin-putuje-do-kose

10 ebenda

11 Koreň, Marián 2019.Zákaz vyhadzovania potravín: Česko ukazuje Slovensku cestu. Euractiv. URL: https://euractiv.sk/section/ekonomika-a-euro/news/cesko-ukazuje-slovensku-cestu-ako-na-zakaz-vyhadzovania-potravin/

12 Handrick, Danko 2019. Helfen per Gesetz. Tagesschau. URL: https://www.tagesschau.de/ausland/tschechien-lebensmittel-101.html

13 Europäische Union 2014. Gesetzliche Bestimmungen und die Verfahren der EU-Mitgliedstaaten bezüglich Lebensmittelspenden. Zusammenfassung. URL: https://www.eesc.europa.eu/sites/default/files/resources/docs/qe-05-14-069-de-n.pdf

14 ebenda

15 Allweis, Marianne 2019. Tschechien: Lebensmittel spenden statt verschwenden. ARD Prag. http://media.tagesschau.de/audio/2019/0605/AU-20190605-0750-5301.mp3

16 Europäische Union 2014. Gesetzliche Bestimmungen und die Verfahren der EU-Mitgliedstaaten bezüglich Lebensmittelspenden. Zusammenfassung. URL: https://www.eesc.europa.eu/sites/default/files/resources/docs/qe-05-14-069-de-n.pdf

17 WWF. 2018. 2018DOKUMENTATIONLebensmittelverschwendung Was tut die Politik? Ein Blick auf die Bundesländer. ULR: http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Studie_Bundeslaender_und_Lebensmittelverschwendung.pdf

18 Gesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und Sicherungder umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen(Kreislaufwirtschaftsgesetz - KrWG) URL: https://www.gesetze-im-internet.de/krwg/KrWG.pdf

19 Jepsen et al. 2014. Entwicklung von Instrumenten zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen. URL: https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Forschungsdatenbank/fkz_3712_32_311_instrumente_lebensmittelabfaelle_bf.pdf

20 DUH 2018. Lebensmittelverschwendung stoppen. Gemeinsamer Aktionsplan. URL:

https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Kreislaufwirtschaft/Lebensmittelverschwendung/181210_Aktionsplan_foodsharing_DUH_FINAL.pdf

 

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