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Mehr Insekten für weniger Klimawandel?

Insekten sind nachhaltiger als konventionelles Fleisch. Zusätzlich punkten sie mit wichtigen Nährstoffen: Die kleinen Tiere sind voller Proteine. Wenn sie Schweinesteak und Co. ersetzten, könnte das die Umwelt entlasten. Doch sind die Deutschen dazu bereit, herkömmliche Fleischprodukte durch Alternativen aus Insekten einzutauschen? Einen rechtlichen Rahmen gibt es bereits.

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Gebratene Würmer, die zum Verzehr in eine Schale gefüllt werden

CC0 von ivabalk auf pixabay.com

Entomophagie heißt es im Fachjargon, wenn Menschen Insekten essen. Was in vielen Teilen der Welt bereits verbreitet ist, hat sich in Deutschland noch nicht zum Trend entwickeln können. Dabei sind Insekten eine Überlegung wert, wenn es gilt, die durch Ernährung entstehende Umweltbelastung zu minimieren.

Die Food and Agriculture Organization of the United Nations sieht im Gegensatz zum klassischen Fleischkonsum verschiedene umweltrelevante Vorteile beim Verzehr von Insekten1: Die kleinen und an Artenvielfalt nicht zu übertreffenden Tiere hätten einen deutlich geringeren Wasserbedarf als konventionelle Nutztiere. Zudem würden sie weniger Treibhausgase produzieren und seien sehr effizient: Durchschnittlich könnten Insekten zwei Kilogramm Futter in ein Kilogramm Insektenmasse umwandeln. Rinder hingegen benötigten dafür acht Kilogramm Futter.

Entomophagie kann allerdings in ihrer Nachhaltigkeit gebremst werden2. In der industrialisierten Zucht können ähnliche Probleme wie bei konventioneller Massentierhaltung auftreten. Thailand gilt mit etwa 20.000 Grillenfarmen als eine Art Pionier der Insektenzucht. Hier kommt auch Futter mit importiertem Soja zum Einsatz, das die Ökobilanz verschlechtert. Trotzdem sind Insekten durch ihre genügsamen Eigenschaften, ihrer Effizienz und geringeren Emissionen in Sachen Klimafreundlichkeit in der Vorreiterrolle.

Als Alternative ein Star

Insekten könnten das Ernährungssystem umweltfreundlicher gestalten, wenn in der Zucht die Ökobilanz beachtet und sie von den Deutschen als Alternative zu Fleisch verwendet würden. Jedem und jeder ist selbst überlassen, wie viel Fleisch er oder sie konsumiert. Schon ab und an zur Alternative aus Insekten zu greifen, könnte allerdings die Umwelt etwas entlasten.

Bleibt also die Frage: Könnten Insekten von den Deutschen tatsächlich als Alternative verzehrt werden? Insektenprodukte gibt es bereits. Sie lassen sich im Internet bestellen und haben Einzug in den ein oder anderen deutschen Supermarkt genommen. Denn der Verkauf von Insekten als Lebensmittel ist rechtlich genau geregelt und auch in Deutschland erlaubt.

Antrag in Brüssel

Seit Anfang 2018 gelten Insekten nach der Novel-Food-Verordnung als neuartige Lebensmittel, die eine Zulassung brauchen. Entsprechende Anträge müssen bei der EU-Kommission eingereicht werden. Diese entscheidet darüber, welche Insekten zugelassen werden. Eine Zulassung erfolgt allgemein. Demnach kann nicht nur der Antragsteller oder die Antragstellerin selbst, sondern jeder und jede die Erzeugnisse vermarkten, wenn sie den Zulassungsvorgaben entsprechen. „Deshalb kann es durchaus sinnvoll sein, sich zusammen zu tun und Anträge gemeinsam – auch über Verbände – zu stellen, um sich die Arbeit und die Kosten zu teilen“, erklärt Rechtsexperte Peter Loosen im Interview mit dem Lebensmittelverband Deutschland3.

Unternehmerische Intentionen

Medienberichten zufolge bieten immer mehr Start-ups Lebensmittel aus Insekten an4. Die Produktpalette ist divers. Das Bestreben nach einem nachhaltigeren Ernährungssystem spielt auch eine Rolle: So möchte ein Start-up durch Burgerpatties aus Insekten das Rindfleisch ersetzen, um unter anderem die Umwelt zu schonen. 

Inwiefern allerdings Produkte wie Proteinriegel den nachhaltigen Ernährungswandel antreiben, ist fraglich. Ein Unternehmen wirbt damit, dass Insekten nachhaltigere Proteinquellen als Rind und Schwein sind. Das ist grundsätzlich richtig. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass Proteinriegel oder auch -shakes den Fleischkonsum ersetzen und dadurch die Umwelt entlasten. Bedenklich ist außerdem, dass hier aus eigentlich vegetarischen Produkten tierische werden.

Die Entscheidung des Konsumenten

Egal, durch welches Produkt: Ist Konsument oder Konsumentin dazu bereit, Insekten auf seinen Teller zu lassen und dafür weniger Fleisch zu konsumieren? In einer 2018 veröffentlichten experimentellen Untersuchung der Hochschule Fresenius haben Forscher mithilfe von 180 Testpersonen feststellen können, welche Verkaufsargumente Menschen zum Verzehr von Insekten motivieren5. Mehr als 75 Prozent aßen Insekten-Produkte, wenn sie ihnen als Luxusprodukt präsentiert wurden. Wurden Vorteile für Umwelt und Gesundheit herausgestellt, waren es rund 60 Prozent. Ein Ergebnis, das zweifeln lässt, ob sich Konsumentinnen und Konsumenten für die Umwelt auf Insekten einlassen. Die Studie ist allerdings nicht repräsentativ.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung führte eine repräsentative Befragung zu Insekten als Lebensmittel durch6. „Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Mehrheit der Deutschen nicht daran glaubt, dass Insekten auf mittlere Sicht einen festen Platz in ihrer Ernährung einnehmen werden“, lautet das Fazit. Der Grund hierfür ist u.a., dass sich rund die Hälfte der Befragten gegen die Nutzung von Insekten als Lebensmittel ausspricht. Die individuelle Ekelbarriere stellt die größte Hürde für die Einführung von Insekten als Nahrungsmittel dar. Die Akzeptanz würde steigen, wenn Insekten durch entsprechende Verarbeitung unkenntlich gemacht würden.

Unwahrscheinlich, aber denkbar

Weil sich die meisten Deutschen Insekten nicht als Nahrungsmittel vorstellen können, ist es unwahrscheinlich, dass diese unser umweltbelastendes Ernährungssystem umkrempeln werden. Trotzdem: Es gibt das rechtliche Go und Unternehmen, die sich der Herausforderung annehmen. Ein Beispiel für ein markttaugliches und gleichzeitig umweltfreundliches Produkt sind die Burger Patties. Die Insekten sind nicht zu erkennen und sie ersetzen das Rindfleisch. Ein neuartiges Lebensmittel, das von der Gesellschaft akzeptiert werden und auf lange Sicht Treibhausgase minimieren könnte.

 

Quellen

1 FAO (o.J.). Der Beitrag von Insekten zu Nahrungssicherung, Lebensunterhalt und Umwelt. Abgerufen 24. März 2020, vonhttp://www.fao.org/3/i3264g/i3264g.pdf 

2 Müller, A. (2018). Insekten essen, um den Kapitalismus zu retten? Abgerufen 24. März 2020, vonhttps://www.ernaehrungswandel.org/informieren/artikel/detail/insekten-essen-um-den-kapitalismus-zu-retten    

3 Lebensmittelverband Deutschland. (2019, März 13). Insekten als Lebensmittel: Zugelassen oder nicht? - Lebensmittelverband Deutschland. https://www.lebensmittelverband.de/de/aktuell/20190313-insekten-lebensmittel-eu-zulassung-zugelassen-oder-nicht-interview

4 Gurk, C. (2018). Deutsche Start-ups drängen auf den Insektenmarkt. Süddeutsche.de. Abgerufen 23. März 2020, vonhttps://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/trend-deutsche-start-ups-draengen-auf-den-insektenmarkt-1.3992000

5 Berger, S., Bärtsch, C., Schmidt, C., Christandl, F., & Wyss, A. M. (2018). When Utilitarian Claims Backfire: Advertising Content and the Uptake of Insects as Food. Frontiers in Nutrition, 5. https://doi.org/10.3389/fnut.2018.00088

6 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (o.J.). Insekten als Lebens- und Futtermittel.

 

Dieser Artikel steht unter folgender CC Lizenz: CC-BY-NC

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