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Erfahrungsbericht

Obst ohne Einsatz von Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden

2009 entstand die Idee, in Staufen viele verschiedene Obstarten ohne Einsatz von Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden anzubauen. Mehrere Spezialisten, mit denen wir im Vorfeld über unsere Idee sprachen, rieten uns ab. Obstanbau ohne Einsatz von Spritzmittel geht nicht, so die einhellige Meinung. Dies hat in uns den Ehrgeiz geweckt, es erst recht zu probieren.

Field report
Politician
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Practitioner
Agroecology
Crop Science
Article
Plant cultivation / seeds
Production
Land / Soil
Water / Air
Climate change / climate protection
Nutrients
Apfelernte

CC0 von lumix2004 auf pixabay.com

Der Marktanteil von ungespritztem Obst liegt in Deutschland gerade mal bei 0,5 Prozent. Gleichzeitig würden laut Umfragen 85 bis 93 Prozent der Bevölkerung gerne ungespritztes Obst essen. Es ist also an der Zeit, ein attraktives regionales Obstangebot zu erzeugen. Auch das wollen die Verbraucher.

Mit einer Anbaufläche von 17 Hektar und einem großen Anbauspektrum sind wir inzwischen ein landwirtschaftlicher  Bioland-Vollerwerbsbetrieb, der auf jegliche Art von Spritzmitteln und auf chemisch - synthetisch hergestellten Stickstoffdünger verzichtet.

Angebaut werden in unserem Weinbauklima neben den Obstklassikern zahlreiche Wildobstarten sowie einige heimische Exoten.

Unser Name Obstparadies ist kein Werbegag

Besucher, die eine Führung in unseren Anlagen mitgemacht  haben, sprechen immer wieder von „paradiesischen Zuständen“ oder von einem „wahren Paradies“.

Dies hat uns beflügelt, den  Namen Obstparadies zu verwenden. Unser Wissen haben wir aus rund 400 Büchern erworben, die wir über  die Jahre zusammengetragen haben. Die schönste Erkenntnis ist: Es geht doch!

Obstanbau ohne jegliche Art von Spritz­mittel ist machbar! 

Doch die landwirtschaftlichen Eckdaten im Vergleich zum industriellen Obstanbau sind komplett andere. Unsere wichtigste Erkenntnis: Obstanbau von intensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen ohne den Einsatz von chemisch-synthetisch hergestelltem Stickstoffdünger und von Spritzmitteln bringt eine große Biotopvielfalt zurück.

Preise für unser Engagement

Schon 2014 wurden wir vom damaligen baden-württembergischen Landwirtschaftsminister Alexander Bonde mit dem Landesnaturschutzpreis ausgezeichnet.

2018 wurde uns vom Verein für die Erhaltung und Förderung alter Obstsorten e.V. durch Landwirtschaftsminister Peter Hauck die Eduard-Lucas-Medaille für unsere Bemühungen um die Sortenvielfalt und den Streuobstanbau überreicht.

2019 wurden wir von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner als Bundessieger Ökologischer Landbau geehrt.

Obstbau früher und heute

Um unser Tun zu verstehen, ist es wichtig einen Rückblick in die Obstbaugeschichte zu machen. Obstsorten, wie Französische Renette, Goldparmäne, Große Grüne Reneklode, Haferschlehe oder die Mirabelle von Nancy wurden schon vor über 400 Jahren angebaut. Alte leckere Sorten, die wir heute noch gerne anbauen sind Rheinischer Bohnapfel, Champagner Renette, Williams Christ-Birne und Pastorenbirne. Damals war Obst ein exklusives Gut der wohlhabenden Bevölkerung. Was nicht frisch verzehrt werden konnte, wurde zu Dörrobst, Mus, Obstwein oder Obstessig verarbeitet und somit haltbar gemacht.

Erst im 17. und 18. Jahrhundert entwickelt sich Obst zum Grundnahrungsmittel. Um die Dörfer entstanden Streuobstbestände für die Selbstversorgung. Überschüsse wurden  regional verkauft. In barocken Gärten entstanden Sammlungen edler, seltener Obstarten und Obstsorten. Die Zeit zwischen 1830 bis 1950 gilt als die Zeit der großen Sortenvielfalt. Bis 1950 gab es im deutschsprachigen Raum über 4.500 Apfelsorten.

Seit 1950 wurde Obst immer häufiger weltweit gehandelt. Industrieller Anbau, vermehrter Spritzmitteleinsatz, bessere Lager- und Transportlogistik veränderte die Situation rasant. In der Nachkriegszeit wurden verstärkt Reihenkulturen angebaut. Für die Rodung der Streuobstbestände gab es Prämien. Über Jahrzehnte setzte man auf Rationalität und Massenerzeugung. Heute wird Obst überwiegend über die großen Einzelhandelsketten verkauft. Die ursprüngliche Apfelvielfalt stirbt aus.

Weltweit werden noch etwa ein Dutzend Apfelsorten in großem Stil angebaut. Die Selbstversorgung mit Obst gehört der Vergangenheit an. Nur noch 18 Prozent des Obstes, welches wir essen und trinken, wird noch in Deutschland angebaut. 82 Prozent des Obstes wird importiert. Das größte europäische Apfelanbaugebiet liegt in Polen. Dort liegen die  Lohnkosten gegenüber Deutschland bei einem Drittel. Weltweit werden inzwischen 50 Prozent der Äpfel in China angebaut. Die landwirtschaftlichen Löhne in China liegen im Vergleich zu uns bei lediglich fünf Prozent.

Wer will bei uns noch für wenig Geld viel arbeiten und dabei ein hohes Risiko tragen? 

In Deutschland geben deshalb immer mehr landwirtschaftliche Betriebe auf. In Baden-Württemberg verschwinden jährlich zwei Prozent der Betriebe. Die landwirtschaftlichen Flächen werden zunehmend zu Spekulationszwecken missbraucht. Wir finden: Eine furchterregende Entwicklung, wenn sich ein Land mit fruchtbaren Böden wie Deutschland nicht mehr selbst versorgt.

Natur beobachten, Prozesse und Wechsel­wirkungen verstehen

Wenn ein großkroniger 70-jähriger Apfelbaum im Obstparadies in einem Jahr 1.630 Kilogramm gesunde schmackhafte Äpfel hervorbringt, zeigt dies, dass es um mehr geht, als um die Technik Äpfel anzubauen. Die Pflanzen und Tiere auf unseren Obstwiesen sind alle Teile eines großen Ganzen, sind Teil einer wunderbaren Schöpfung. Diese Wahrnehmung und Erkenntnis hat für unser Tun im Obstparadies weitreichende Folgen.

Wenn Triebe sich zeigen, wenn Knospen sprießen, wenn Blüten ihre volle Pracht entfalten, dann entsteht etwas Wunderbares, etwas Neues. Aus Millionen von Blüten werden wundervolle Äpfel,  aus Tausenden von Kaulquappen Frösche, aus Hunderten von Raupen wunderschöne Schmetterlinge und aus Hunderten von Vogeleiern Vögel, die täglich zwitschern. Wir dürfen dies immer wieder erleben. Immer wieder und immer wieder. Dies ist es, was uns fasziniert, was uns an der Natur so beeindruckt.

Pflanzen nehmen ihre Umwelt sehr detailliert wahr. Sie fällen Entscheidungen und entwickeln dabei beeindruckende Lebensstrategien. Es gibt Pflanzen, die sich mit einem Nervengift in den Blättern schützen, damit sie nicht von Fressfeinden

angeknabbert werden. Andere produzieren Duftstoffe, die Nützlinge anlocken, welche die Feinde fressen. Es gibt Bäume die Duftstoffe aussenden, um die Artgenossen in ihrer  unmittelbaren Nähe zu warnen. Daraufhin werden in den Blättern Gift und Bitterstoffe angereichert, um diese für die Tiere ungenießbar zu machen. Wissenschaftler können längst belegen, dass Pflanzen keinen festen mechanischen Abläufen gehorchen, sondern hochkomplexe Lebewesen sind. Diese Phänomene gilt es, in einer cleveren Landwirtschaft zu nutzen.

Warum verzichten wir im Obstparadies auf Insektizide?

Wikipedia: „Ein Insektizid ist ein Pestizid, das zur Abtötung, Vertreibung oder Hemmung von Insekten und deren Entwicklungsstadien verwendet wird.“ 2017 wurden in Deutschland 17.652 Tonnen Insektizide abgegeben. Wie neueste Daten belegen,  sind bis zu 80 Prozent der Insekten verschwunden. Wenn in Reihenkultur-Obstanlagen zu Beginn der Obstsaison mit Insektiziden gegen Läuse gespritzt wird, werden nicht nur die Läuse, sondern auch die Nützlinge getötet.

Insektizide unterscheiden nicht zwischen schädlichen und nützlichen Insekten.

Sie töten nicht nur die Obstschädlinge, sondern auch die Insekten, die wir für die Blütenbestäubung brauchen.

In unseren Breitengraden gibt es rund 550 verschiedene Wildbienenarten. Wespen, Hummeln und Hornissen sind die bekannteren Wildbienenarten. Aus der Sicht der Wildbienen ist unsere moderne, industrielle Landwirtschaft eine einzige Katastrophe.

Neben der chemischen Unkraut- und Schädlingsbekämpfung spielen hier auch erntemaximierende chemisch-synthetisch hergestellte Stickstoffdünger eine große Rolle. Fette, blütenarme Wiesen haben vielerorts die blütenreichen Magerwiesen abgelöst. Unkraut wird flächig mit Herbiziden eliminiert. Streuobstbäume und Hecken mussten oft den immer größer werdenden Landmaschinen weichen. 

Im Obstparadies unterstützen Nützlinge

In unseren Anlagen hängen Tausende von Ohrwurmwohnungen, das sind umgekehrte Tontöpfe, gefüllt mit Holzwolle oder Stroh. Die nachtaktiven Tiere können sich dort  tagsüber vor ihren Feinden, den Vögeln, verstecken. Der gemeine Ohrwurm ernährt sich räuberisch von Blattläusen und kleinen Schadinsekten. Er ernährt sich aber auch, wie etwa der Zweiundzwanzigpunkt-Marienkäfer, von Mehltaupilzen. Weitere Gegenspieler verschiedener Läusearten sind Blumenwanzen, Weichwanzen, Kamelhalsfliegen, echte Netzflügler, Florfliegen, Ahlenkäfer, gemeiner Weichkäfer, verschiedene Marienkäferarten, Blutlauszehrwespen, Erzwespen, verschiedene Blattlausschlupfwespen, räuberische Gallmücken, Schwebfliegen, Sperlingsvögel und Kohlmeisen. Eines haben alle diese Gegenspieler gemeinsam. Sie überleben keine Insektizidspritzungen!

Warum wir Vögel besonders fördern

Ein Meisenpaar vertilgt mit seiner Brut im Lauf eines Jahres bis zu 75 Kilogramm Insekten. Die Meisen suchen die Sträucher und Bäume nach Insekten ab, um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Viele hundert Vogelnisthilfen geben unseren Vögeln Schutz und eine gute Nistmöglichkeit. Wir verwenden Holzbetonkästen mit einem speziellen Marderschutz. An einigen Plätzen füttern wir im Winter die Vögel. Die „Vogelbistros“ helfen den Tieren vor allen Dingen bei Schnee und Frost ausreichend Futter zu finden. Denn wenn eine Meise 24 Stunden lang kein Futter findet, stirbt sie. Bis zu 50 Nistkästen können pro Hektar (10.000 m²) aufgehängt werden. Immer wieder staunen wir, wie schnell die Nistkästen belegt sind. Damit die Vögel ihre Nester bauen können, brauchen sie Moos, Stroh, Heu, Federn, Blätter oder kleine Zweige, all das finden sie in unseren Obstanlagen. Vogelkundler zählen bei Begehungen in unseren Anlagen 25 bis 35 Vogelarten. In unseren Anlagen leben seltene Vögel wie Milane, Grünspecht, Buntspecht, Zaunkönig, Wendehals, Pirol, Neuntöter, Störche, Bienenfresser, Wiedehopf, Fasane und Rebhühner. Was sie alle gemeinsam haben? Sie reduzieren vor allem während der Brutzeit die sogenannten Obstschädlinge wie Apfelwickler, Pflaumenwickler, Kirschfruchtfliege, Kirschessigfliege, Walnussfruchtfliege und viele mehr. Uns ist es ist eine große Freude, Tag für Tag die Vögel zu beobachten. Was die Vögel tagsüber nicht vertilgen, übernehmen in den Abendstunden die Fledermäuse. Auch sie fressen große Mengen von Insekten. In speziellen Fledermausnisthilfen haben auch sie Heimat auf unseren Obstwiesen gefunden.

Weniger zu spritzen oder statt chemisch-synthetischer, biologische Wirkstoffe zu spritzen, ist oberflächlich betrachtet ein Erfolg, führt aber nicht wirklich zum Ziel. Denn Insektizide sollen Insekten töten. Möglichst schon beim ersten Mal. Ansonsten muss häufiger gespritzt werden. Die Folge: Keine Insekten, keine Vögel. Sitzstangen und Nisthilfen für Raubvögel wie Eulen,Falken, Bussarde und  Co. sind wichtig, um die Mäusepopulationen ganzjährig in Grenzen zu halten. Hierbei helfen natürlich auch Hermelin und Mauswiesel. Beide Wieselarten wohnen in eigens errichteten Steinhaufen. Wiesel sind wichtige Gegenspieler von Mäusen. Bei einer Übervermehrung vernichten Wiesel mehr Mäuse, als sie fressen können. Da Feld- und Wühlmäuse sich vegetarisch ernähren, sind sie für das Wurzel- werk von Büschen und vor allem für Jungbäume gefährlich. Aus diesem Grund werden im Obstparadies alle Büsche und Baumwurzeln mit großem Aufwand unterirdisch mit Drahtkörben geschützt.

Das Obstparadies – ein idealer Lebensraum für Pflanzen und Tiere

Alle Busch- und Baumkulturen stehen auf Wiesen. Die  Wiesen werden sehr spät gemäht, damit die zahlreich vorhandenen Blumen und Gräser ausblühen und sich vermehren können. Die Flächen werden streifenweise zeitlich versetzt gemäht. So können die unendlich vielen Kleinstlebewesen, die die Wiese als Lebensraum brauchen, in der Anlage bleiben. Fast alle Obstparadies-Grundstücke verfügen über Bäche und Teiche. Teiche wurden angelegt, um Wasser zu speichern, damit Beeren und Jungbäume in extremen Trockenphasen gewässert werden können.

Totholzplätze, Totholzbäume, Steinbiotope und Teiche bilden Inseln für eine Vielzahl von Libellen und Schmetterlingen, Heupferdchen, Blindschleichen, Ringelnattern, Kröten, Frösche, Salamander, Haselmäuse, Bilche, Siebenschläfer, Igel, Eidechsen, Hasen, Dachse und viele mehr. Sie alle haben auf den Obstparadies-Grundstücken eine Heimat. Alle Obstneuanlagen wurden mit Hecken umrandet. Hunderte Wildrosen-, Holunder-, Berberitzen-, Weißdorn-, Sommerflieder- und Eibensträucher zäunen die Grundstücke  ein. Neben den blütenreichen Wiesen bieten auch die Hecken Nahrung für Bienen und Vögel. Büsche bilden einen Nist- und Schutzraum für die Vögel.

Neben der Honigbiene spielen die Wildbienen eine wichtige Rolle bei der Bestäubung. Die Honigbiene fliegt erst bei Temperaturen ab 12 Grad Celsius. Viele Wildbienen fliegen bereits ab 4 Grad Celsius. Fällt die Baumblüte mit niedrigen Temperaturen zusammen, sind die Wildbienen also besonders wichtig. Obstarten wie die Heidelbeere und die Indianerbanane brauchen, um eine gute Ernte zu erreichen, eine Schüttelbestäubung. Diese übernehmen Hummeln besonders gut.

Das Wunder fruchtbare Erde

In einem Liter fruchtbarer Erde existieren zahlenmäßig mehr Lebewesen, als Menschen auf der Erde leben. Der Boden lebt und die Landwirtschaft hat es in der Hand, ihn zu erhalten oder zu zerstören.

Viele der Bodenbewohner sind für unser normales Auge nicht sichtbar. Wenn wir jedoch nur eine einzige Gruppe innerhalb dieser Lebensgemein- schaft zerstören, ist das gesamte Gleichgewicht gestört.

Regenwürmer erzeugen Humus.

Gerade im Herbst, wenn der Boden noch feucht vom Morgentau ist, finden wir Hunderte von Apfelbaumblättern zusammengerollt und senkrecht im Boden steckend. Mehltau- und Schorfpilze überwintern hauptsächlich auf dem Falllaub. Regenwürmer und viele andere Kleinstlebewesen können heruntergefallenes Laub im Winter zu Humus umwandeln.

Dank der Regenwürmer wird so auch der Mehltau- und Schorfbefall in den Anlagen stark reduziert. Sind die pilzbefallenen Blätter allerdings bis zum Frühjahr nicht von den Kleinstlebewesen verarbeitet, gelangen bei Regen von den vorjährigen Blättern neue Pilzsporen auf die tiefhängenden Triebe in den Obstanlagen.

 

In einer 30 Zentimeter dicken Humus­schicht finden wir im Durchschnitt pro Quadratmeter unvorstellbar große Massen und Mengen von Kleinstlebe­wesen.
 
Pflanzliche Mikroorganismen
1.000.000.000.000 Bakterien
10.000.000 000 Strahlenpilze 1.000.000.000 Pilze
1.000.000 Algen
 
Tierische Mikroorganismen:
500.000.000.000 Geißeltierchen
100.000.000.000 Wurzelfüßer
1.000.000 Wimpertierchen
 
Größere Kleintiere:
10.000 Borstenwürmer
50 Schnecken
50 Spinnen
50 Asseln
350 Vielfüßler
100 Käfer und Larven 100 Zweiflüglerlarven
150 übrige Kerbtiere
80 Regenwürmer
 
Kleintiere:
25.000 Rädertiere
1.000.000 Fadenwürmer
100.000 Milben
50.000  Springschwänze (Zahlenangaben nach Seymour/Girardet)
 

 

Das Wiesengras, das ein- bis zweimal im Jahr gemäht wird, sowie die Blätter, werden von den unendlichen Mengen an Kleinstlebewesen zu Humus, zu natürlichem Flächendünger, verwandelt. Jegliche Art von Spritzmitteleinsatz, aber auch der Einsatz von chemisch-synthetisch hergestelltem Stickstoffdünger, würde viele solcher Prozesse, die auf gesunden Böden Jahr um Jahr ablaufen, mindern oder gar verhindern.

Wir Menschen können immer wieder nur beobachten und staunen. Das vielfältige Leben mit seinen Kreisläufen belegt, dass  das Ganze jeweils größer ist, als die Summe seiner Teile. Wer behauptet, dass er die Auswirkungen des Einsatzes der Insektizide, Herbizide und Fungizide abschätzen kann, irrt.

Es geht eben nicht nur um das Feststellen von Grenzwertüberschreitungen im Obst.  Inhaltlich geht es um die Wertschätzung der Schöpfung, die uns heute und wenn möglich auch in Zukunft ernährt.

Die Bedeutung der Ameisen

Sie holen unermüdlich Insekten aller Art von Bäumen und Sträuchern. Für die Aufzucht ihrer Brut benötigen die Ameisen Larven, Raupen, Insekten und deren Eier.

Verschiedene Spechtarten suchen auf den Bäumen unserer Streuobstwiesen nach Ameisen. Da wir auch die alten Bäume mit  Baumhöhlen hegen und pflegen, brüten Spechte in den Anlagen. Die Spechte suchen nicht nur die Baumstämme nach Ameisen ab, sie fressen auch andere tierische Besucher, die sich im Obstbaumholz niedergelassen haben.

Das Wurzelwerk

Unsere Bäume sind zum Teil zehn Meter hoch und haben Kronendurchmesser von zwölf Metern und mehr. Damit der einzelne Baum Wind und Wetter standhält und jährlich hunderte Kilos Obst tragen kann, braucht er ein stabiles Wurzelwerk. Bei jedem Baum ist das Wurzelwerk im Untergrund mächtiger als der Baum überirdisch. Die Wurzeln alleine sind trotz ihrer Mächtigkeit nicht dazu in der Lage, den Baum mit seinen Blättern und dem Obst mit Wasser und Nährstoffen zu versorgen.

Auch hier gibt es unsichtbare Wechselspiele. Mykorrhizapilze dringen in die Wurzeln lebender Pflanzen ein. Sie holen sich Zucker von ihren Wirtspflanzen und können sich dann zu gigantischer Größe ausdehnen. Der Pilz liefert den Wurzeln im Gegenzug Wasser und Nährstoffe. Die Wurzel allein wäre dazu nicht in der Lage. Ein Teelöffel Waldboden enthält über einen Kilometer Pilzfäden. Mykorrhizapilze verhelfen ihren Wirtsbäumen zu gewaltiger Widerstandskraft. Hohe Temperaturen, Dürre, Nährstoffknappheit, niedriger Sauerstoffgehalt und Überschwemmungen können so von großen Bäumen besser verkraftet werden. Je älter und größer die Bäume in unseren Obstanlagen werden, desto weniger Probleme haben sie mit Mehltau- und Schorfpilzen. Wie der Wassertransport in einem Baum tatsächlich funktioniert, wissen wir bis heute noch nicht genau. Umso größer wird unser Respekt vor der Natur, wenn einzelne Bäume immer wieder über tausend Kilogramm gesunde Früchte hervorbringen.

In  unseren Obstanlagen fallen jährlich 15 bis 20 Ster Brennholz an. Da unser Baumholz nicht dreihundert bis vierhundertmal Spritzmittel abbekommen hat, können wir es bedenkenlos als CO2 neutrales Heizmaterial verwenden.

Noch nie ist unsere Bevölkerung im Durch­schnitt so alt geworden wie heute

Wir geben jedoch inzwischen mehr als doppelt so viel Geld für unsere Krankheiten, wie für unser Essen aus.

Für Pestizide gibt es viele amtliche Grenzwerte. Ob die Grenzwerte die Gesundheit tatsächlich schützen, ist sehr umstritten. Wenn, wie  jüngst, die WHO (Weltgesundheitsorganisation) die sicher kein grünes Image hat, Glyphosat als vermutlich krebserregend einstuft, dann wackeln sofort die massiven Grundpfeiler der industriellen Landwirtschaft. Die Politik und die Medien wirken dann für ein paar Wochen hyperaktiv. Über Glyphosat gibt es weltweit mehr als tausend Studien. Die Bandbreite der Ergebnisse geht von unproblematisch bis sehr problematisch. Manchmal hilft es zur besseren Einschätzung, zusätzlich zu berücksichtigen, wer die Studien bezahlt. Wenn die Politik dann die Losung ausgibt, das Ganze muss erst mal grundlegend untersucht werden, zeigt dies die Ohnmächtigkeit der Politik gegenüber der mächtigen Akteure.

Dass es ohne Glyphosat geht, zeigt seit Jahrzehnten der Bioanbau. Da ist der Einsatz von Glyphosat nicht erlaubt. Es geht wie immer ums Geld. Glyphosat ist in der Anwendung praktisch und billig! Das heißt, ohne Glyphosat kann nicht mehr so billig produziert werden. Darüber muss gesprochen werden, da die Landwirtschaft in einem weltweiten Wettbewerb steht.

Ein Pestizid kommt selten allein. Obst, aber auch Gemüse und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse, werden oft mit verschiedenen Pestiziden besprüht, die dann auch als Rückstände zu finden sind. Wie diese Cocktails in der Summe mit vielen anderen Umweltgiften zusammen wirken, ist weitgehend unbekannt. Es ist wie ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Bedenken wir, dass Pflanzenschutzmaß­nahmen im heutigen Sinn erst um 1900 aufkamen

Jahrhundertelang hat sich die Bevölkerung zuvor von leckerem Obst mit all ihren natürlichen guten Inhaltsstoffen ernährt. Erst seit mehr Obst gehandelt wurde und vor allem mit der Zeit auch international gehandelt werden konnte, hat sich der Obstanbau radikal gewandelt. Heute haben wir die Situation, dass kleine Obstbaubetriebe, die mindestens ein Betriebskapital von drei Millionen für landwirtschaftliche Gebäude Kühlhäuser, Grundstücke, Reihenkulturen unter Netz mit Bewässerungseinrichtungen usw. brauchen, kaum mehr existieren können. Und wenn dem industriellen Verarbeiter und dem Handel das heimische Angebot zu teuer ist, greift er auf polnische, chilenische, südafrikanische oder chinesische Ware zurück. In der Regel aus Ländern, in denen die Lohnkosten nur einen Bruchteil betragen. In einer globalisierten Welt ist das ja so einfach.

Wären da nicht die steigenden Energie­ mengen, die unser Konsum auslöst

Da ist nicht nur der Transport von tausenden Kilometern, von Apfelkonzentrat, Bananen, Südfrüchten usw. Es braucht auch immer mehr Energie im Anbau und in der Lagerung. Das Ausbringen der bis zu dreißig Spritzungen, die Bodenbearbeitung, das mehrmalige Mähen, die Anlagenerstellung, die monatelange Kühlung usw. Wird die Herstellung von chemisch-synthetisch hergestelltem Stickstoffdünger und Pestiziden in die Treibhausgas-Emissionen der Landwirtschaft mit einberechnet, so kommt 2011 die Landwirtschaft auf einen  Anteil von 16%. Wird der Anteil der Industrie zugeordnet, waren die Anteile der Landwirtschaft lediglich 6,3% der Treibhausgas-Emissionen. Noch drastischer wird dies, wenn die freigesetzte CO2–Emission, die durch den damit verbundenen Humusabbau stattfinden, mit eingerechnet werden. Während die alten Apfelsorten früher ohne Energieeinsatz im Naturkeller aufbewahrt wurden, geschieht dies heute sehr energieaufwändig in Kühlhäusern die konstant, auch im Frühjahr / Sommer, auf 2°C herunter gekühlt werden. Berechnungen haben ergeben, dass ein Bodenseeapfel, der von der Ernte bis Ende Mai gekühlt wird, eine schlechtere Energiebilanz aufweist, als ein frisch geernteter Neuseelandapfel, der um den halben Globus transportiert wird. Das Fehlen der Salvestrole macht eine Lagerung neuer Apfelsorten im Naturkeller schwierig. Viele alten Apfelsorten sind für eine energiesparende Lagerung besser geeignet.

Klimawandel

Natürlich schwanken die Wetterereignisse und kaum jemand erlebt das so hautnah wie die Landwirte.Legt man nur die Datenlage der letzten fünf Jahre zugrunde, werden wir bis im Jahr 2100 im Rheingraben ein Klima wie heute in Marokko haben. Die Prognosen der Klimaforscher sind alarmierend. Werden sie wahr, ist es mit unserer heutigen Form von Landwirtschaft vorbei und es stellt sich die Frage, woher unsere Lebensmittel kommen sollen und wer sie produzieren wird. Mittelfristig ist unsere Ernährung in Gefahr. Deshalb: Wir alle müssen Energie sparen und die CO2-Emissionen reduzieren.

Das Obstparadies Staufen führt den Beweis: Nachhaltiges Wirtschaften steht nicht in Widerspruch zu erfolgreichem Obstanbau

Man kann es rückschrittlich bezeichnen, was wir tun oder uns als grüne Spinner abtun. Dies beeindruckt uns aufgrund unserer Erfahrungen und unseres Wissens nicht. Wenn wir zurückdenken an die Gespräche von vor zehn Jahren, glauben wir mehr denn je, dass wir eine enkeltaugliche Art von Obstbau betreiben. Vieles ist noch verbesserungsfähig. Wir sind Quereinsteiger und gewillt, zu lernen und immer besser zu werden. Das Obst, das im Obstparadies wächst, wird als Frischobst direkt vermarktet. Was als Frischobst keinen Absatz findet, wird zu leckeren Produkten verarbeitet. Aufgrund des guten Reifegrades des geernteten Obstes und des großen Arten- und Sortenspektrums, können wir in der Verarbeitung tolle, ehrliche Produkte herstellen. Bestes schmackhaftes Obst ist die beste Voraussetzung für leckere Produkte.

Alte Obstsorten

Viele alte Obstsorten sind nur noch selten zu finden, andere schon ausgestorben. Sie haben keinen Marktwert mehr. Sie sind zu groß, zu klein, zu empfindlich, zu grün. Der Handel hat die Apfelsorten auf ein paar wenige reduziert. Diese werden weltweit angebaut. Süß, gleiche Größe, rote Farbe, haltbar und billig, das sind die Hauptkriterien für den Handel. Die Geschmacksvielfalt, - in Äpfel finden wir bis zu dreihundert verschiedene Aromen - ging so verloren. Damit verschwinden viele Eigenschaften der bewährten alten Sorten. Es gibt viele alte Sorten, die resistent gegen Mehltau und Schorf sind. Andere Sorten sind nicht wurmanfällig, manche vertragen trockene Böden, andere mögen lieber nasse schwere Böden. Unser Obstanbauspektrum ist sehr groß. Wir haben spezielle Apfelsorten, die viele Apfelallergiker vertragen. Es gibt Apfelsorten, die Diabetiker vertragen, weil sie geringe Zuckermengen enthalten.

 

Folgende Blüten oder Früchte werden im Obstparadies geerntet, verarbeitet und verkauft:
Ackerdistel, Apfel, Apfelbeere, Aprikose, Berberitze, Birne, Duftrosen, Eberesche, Elsbeere, Felsenbirne, Filzkirschen, Flieder, Haselnuss, Heidelbeere, Holunder, Indianerbanane, Johannisbeere, Jostabeere, Kaki, Kirsche, Kiwi, Kornelkirsche, Lavendel, Löhrpflaume, Mandel, Marone, Maulbeere, Mehlbeere, Minze, Mirabelle, Mispel, Mostbirne, Nashi, Nordische Zitrone, Ölweide, Pfefferbaum, Pfirsich, Pflaume, Quitte, Reneklode, Rotklee, Sauerkirsche, Schlehe, Speierling, Trauben, Traubenkirsche, Walnuss, Weißdorn, Wildkirsche, Wildpflaume, Wildrose, Zibärtle, Zitronenmelisse, Zwetschge

 

Auch bei der Verarbeitung gibt es große Unterschiede, manche Sorten sind sehr gut für Wein, andere geben leckeren sortenreinen Apfelsaft und wieder andere sind besonders gut zum Backen oder Trocknen geeignet.

Unsere Sortensammlung

Über 300 Apfelsorten, über 50 Tafel- und 70 Mostbirnen haben wir inzwischen angepflanzt, um sie zu erhalten. Dies ist eine Investition in die Zukunft. Die ersten Bäume in unserem Erhaltungsgarten kommen nach und nach in Ertrag. Immer wieder sind wir von der Farbe, Form und Geschmacksvielfalt überrascht. Viele moderne Sorten, auch pilzresistente Apfelsorten, haben wir aufgrund ihrer Pilz- und Wurmanfälligkeit nach ein paar Jahren wieder aus den Anlagen entfernt. Denn in viele neue Apfelsorten wurden die Sorten Golden Delicious, Cox Orange oder Jonathan, alles hoch anfällige Sorten, zum Teil mehrfach eingekreuzt. Vor 1920 wurden die Sorten weiter veredelt, die ohne Spritzmitteleinsatz gut für die Selbstversorgung funktioniert haben, denn man hatte keine Spritzmittel zur Verfügung. Deshalb sind viele alte Sorten für uns besonders wertvoll!

Wir machen Streuobst-Apfelsäfte mit 100 Sorten und mehr. Sie sind aufgrund der Aromenvielfalt im Geschmack einzigartig. Alle Sorten, die in unserem Erhaltungsgarten stehen, sind auf Sämlingsunterlagen überwiegend von uns selbst veredelt. Apfelbäume, die auf Sämlingsunterlagen veredelt wurden, können bei guter Pflege 80 bis 100 Jahre alt werden. Birnen bringen es schon mal auf 150 bis 200 Jahre. Sofern das Klima es zulässt, ist auch dies ein Enkelprojekt in einer Enkellandwirtschaft mit Zukunft.

Wenn im Durchschnitt der Endverbraucher in Deutschland einen Euro für landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgibt, erhält der Landwirt lediglich 23 Cent. Auch dies ist ein Teufelskreis, aufgrund der niedrigen Preise muss der Landwirt immer größere Mengen anbauen, um davon leben zu können. Je größer die Mengen, umso geringer sind die Chancen die Ware selbst zu vermarkten. 77% bleiben aber dann im Schnitt bei Verteilung und Handel. Die Folge Intensivierung, Mechanisierung, Wanderarbeiter usw.. Viele der Landwirte haben bei uns schon aufgegeben. Viele werden noch folgen.

Ein ganzer Strauß von Innovationen

Die Art von Obstanbau, die wir  betreiben, geht nur im Einklang von Anbau, Verarbeitung und Eigenvermarktung. Gerade die Vielfalt in unserem Obstanbau bringt viele Möglichkeiten für Innovationen, vor allem in der Verarbeitung. Dazu gehören alkoholfreie Paradies-Prickler in interessanten Geschmacksrichtungen, über 40 Paradies-Tröpfchen (Liköre), sortenreine Apfelsäfte von alten Apfelsorten, frisch gepresster Saft als Saisonangebot, schwarze Walnüsse, eine Vielzahl von zuckerarmen Fruchtaufstrichen, Essigspezialitäten und vieles mehr. Viele Kunden verschenken unsere Produkte aus dem Obstparadies gerne. Egal ob zu Weihnachten, als Mitbringsel, für Ehrungen  oder als Firmenpräsent, unsere Produkte kommen gut an.

 

Aktuelle Informationen, Termine und den Obstparadies - Onlineshop finden Sie unter

www.obstparadies­staufen.de

 

Dieser Artikel ist zuerst hier erschienen:

Geng, M. (o.J.) Informationen und Hintergründe… Obstparadies… mehr als Obst. URL: http://obstparadies-staufen.de/wp-content/uploads/2019/01/2019-Brosch%C3%BCre-Anbau_web-1.pdf

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