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Süße Versuchung, bittere Fragen - Umfrage zu fairem Kakaohandel

Ein süßes Spießchen Schokofrüchte hier, ein knackig kaltes Konfekt da – so lebt man ein Leben frei von jeglicher Sorge über das, was man da überhaupt isst. Für viele Besucher*innen der chocolART 2019 in Tübingen, dem größten Schokoladenfestival Deutschlands, war das jedenfalls zutreffend. Bis wir die lästig unangenehmen Fragen stellten, die niemand gerne hört, der gerade genüsslich auf einer Schokoladenmaultasche kaut.

Mit dem Ziel, mehr über das Interesse der Herstellenden wie auch der Besucher*innen an fairem Handel von Kakao für die Schokoladenherstellung herauszufinden, besuchten wir das Schokoladenfestival und wurden am Ende selbst vom Ergebnis unserer Umfrage überrascht.

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Hände, die Kakaobohnen halten

CC0 von Pablo Merchán Montes auf unsplash.com

Tübingen: Eine Fair-Trade-Stadt mit einer der jüngsten Bürgerschaften Deutschlands– und dazu noch altehrwürdige Universitätsstadt. Man sollte meinen, dass hier eine Geschichte der jugendlichen Regentschaft, des nachhaltigen Handels und des uneingeschränkten Umweltbewusstseins geschrieben wird. Demnach gingen wir davon aus, dass sich auch auf der jährlichen chocolART dieses Bewusstsein widerspiegelt und ein Statement gegen klima- und menschenunfreundliche Massenware gesetzt wird. Doch konnte diese Erwartung erfüllt werden?

Faire Schokolade: Ein Kaufkriterium für Besucher*innen?

Wir können schon mal vorwegnehmen: Den Besucher*innen waren Themen wie fairer Handel und nachhaltiger Anbau weitestgehend egal. Bei der Ergebnisbetrachtung unserer Besucher*innen-Umfrage stellen sich Verfechter*innen des fairen Handels wohl die Nackenhaare auf und Unternehmer*innen fällt ein Stein vom Herzen. Denn die alte Wirtschaftsweisheit ‚Deutsche mögen’s billig‘ ist wohl wahr wie eh und je. Die am häufigsten genannten Kriterien für den Kauf von Schokolade auf der chocolART waren Preis, Geschmack und Wiedererkennungswert.

Der vierte Platz drehte sich doch bestimmt ums Thema fair, oder? Falsch gedacht: Die nächstwichtigen Kriterien für die Besucher*innen waren Sortenvielfalt, die Verpackung und, ja genau, der Wunsch der Kinder. Während Letzteres meist von den peinlich berührten Eltern weggelächelt wurde, haben Befürworter*innen des fairen Handels wenig zu lachen. Abgeschlagen auf dem letzten Platz wurden Siegel als Einkaufskriterium genannt. Und damit waren Qualitätssiegel und nicht etwa Siegel, die fairen Handel kennzeichnen, wie beispielsweise das Fairtrade-Siegel, gemeint.

Auf Nachfrage, ob sie sich überhaupt Gedanken über die Herkunft ihrer Schokolade machen, antworteten über 70% der Befragten ‚Nein‘, machten aber gleichzeitig den Eindruck, als sei ihnen diese Antwort unangenehm. Die Frage nach Produktion und Produzent schien auf dem Festival keine vordergründige Rolle zu spielen und auch generell scheint das Bewusstsein der Konsument*innen nicht geschärft zu sein für diese Thematik. „So viel kaufe ich nicht, dass ich mir Gedanken darüber machen müsste“, merkte eine Besucherin abwinkend an. Eine andere gab zu: „Während des Kaufs mache ich mir keine Gedanken, aber wenn ich dann im Nachhinein ein Fairtrade-Siegel sehe, bin ich doch ein bisschen glücklich.“

Von den 60 Ständen auf der chocolART erwarteten die Besucher*innen im Hinblick auf fair gehandelte Schokolade jedenfalls nicht viel. Etwa drei Viertel der Befragten schätzten die Zahl der Stände mit fairen Produkten auf gerade einmal 5-10, also höchstens 15%. Ein Zehntel der Besucher*innen erwarteten, dass jeder Stand faire Schokolade verkauft. Die Wenigen, die fairen Handel für ein relevantes Kriterium auf dem größten Schokoladenfestival Deutschlands hielten, äußerten die Vermutung: „Wahrscheinlich [bieten] viele [Händler faire Produkte an], sonst hätten die hier ja keine Stände“.

Solche Aussagen blieben die klare Ausnahme. Doch wie viele Händler*innen legen tatsächlich Wert auf faire Schokolade in ihrem Sortiment?

Was halten die Ausstellenden von fairem Handel?

Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Mal wieder schlägt die ewige Marktweisheit der Idealvorstellung von Menschenrechts- und Umweltschützer*innen ein Schnippchen. Lediglich 17 von 60 Ausstellenden boten überhaupt faire Produkte an. Das Sortiment von insgesamt 12 Ausstellenden war zu 100% fair gehandelt. In all diesen Fällen wurde die Fairness gewährleistet durch eine direkte Handelsbeziehung zu den Bohnenproduzierenden. Kaum verwunderlich ist es daher, dass circa die Hälfte der Ausstellenden die Herkunft ihrer Kakaobohnen überhaupt nicht kannte. Ob sich die Unkenntnis über die Herkunft der Bohnen negativ auf ihre Geschäfte auswirke, fragten wir die Ausstellenden. Die Antwort war deutlich: ‚Definitiv nicht‘, ließen uns weit mehr als drei Viertel der Ausstellenden wissen.

Fazit

Betrachtet man die Ergebnisse unserer Umfrage auf der chocolART, scheint es, als ob Fair- Trade in Kakaohandel und -verarbeitung noch ganz am Anfang stünden. Selbst auf dem größten deutschen Schokoladenevent des Jahres 2019 zogen die Besucher*innen die süße Versuchung den bitteren Fragen vor. Fairer Handel stand nicht im Vordergrund, noch war er ein Einkaufskriterium. Bis sich die Frage nach der Fairness der Produkte ernsthaft im Bewusstsein der Konsument*innen etabliert hat, werden wohl noch einige Jahre verstreichen.

Wir, das sind insgesamt 7 Studierende der Universität Tübingen, die sich während eines Seminars näher mit dem Thema ´Faire Schokolade´ auseinandergesetzt haben.

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