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Zukunftsfähige Wirtschaftsgemeinschaften – Community Supported Bakery (CSB)

Kein Konkurrenzdruck, keine Lebensmittelabfälle, keine Marktschwankungen, keine Preise, angemessene Bezahlung für deine Arbeit im Voraus, mehr Planungssicherheit... Kannst du dir das als Bäcker*in vorstellen? Dann erfahre mehr über die Idee der CSB!

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Mensch der zwei Brote hält

CC0 von Philippe Ramakers auf pixabay.com

Die Situation im Bäckerhandwerk ist prekär – starker Rückgang der Betriebe, fehlende Fachkräfte und Auszubildende, Preisdruck durch industriell geprägte Großbäckereien. In der Landwirtschaft entwickelte sich aus dem Bedürfnis nach Veränderung das Prinzip der Community Supported Agriculture (CSA), im Deutschen auch SoLawi genannt. Unter dem Begriff verbirgt sich eine Wirtschaftsgemeinschaft aus Konsument*innen und Erzeuger*innen, die sich die Ernte sowie das Risiko des landwirtschaftlichen Betriebes teilen. Seit mehr als 10 Jahren wächst diese Bewegung exponentiell in Deutschland. Entstanden ist das CSA-Modell unabhängig voneinander in unterschiedlichen Regionen aus ganz verschiedenen Strömungen in der Welt. Zwischen 1960 und 1980 entwickelten sich gleichzeitig in Japan, den USA und in Frankreich landwirtschaftliche Gebilde, die alle Züge und Merkmale einer CSA aufwiesen. Der erste gemeinschaftlich getragene Hof in Deutschland ist der Buschberghof. Gegründet wurde diese SoLawi im Jahr 1988.

Erste Ideen

Da gerade die Bäckerei-Branche sehr unter der Filialisierung, Zentralisierung und Automatisierung leidet, kam in einem Gespräch mit dem Organisationsberater Christoph Spahn die Frage auf, ob es möglich wäre, die Prinzipien der Community Supported Agriculture (CSA) auf das Bäckerhandwerk zu übertragen, d. h. eine Community Supported Bakery (CSB) zu gründen. Nicht nur weil es einen starken Rückgang der Betriebe gibt, auch weil dies der nächste logische Schritt mit Blick auf die Wertschöpfungskette wäre. Diese Idee zu verfolgen und zu konkretisieren, das waren die Inhalte unseres CSB-Projekts.

Die erste Frage war: Gibt es möglicherweise bereits CSB-Pionierprojekte? Die weltweite Suche zeigte, dass dies der Fall war, zum Beispiel in Kanada, Großbritannien, Australien und auch in Deutschland. Möglicherweise existieren noch viel mehr Projekte, denn solch eine Suche kann nie vollständig sein.

Der nächste Schritt war, die Prinzipien dieser CSB mit den CSX-Prinzipen abzugleichen. Hierbei steht das „X“ für die Übertragung des Prinzips „Kosten und Ernte teilen“ auf einen praktisch beliebigen Wirtschaftszweig. Der Nachhaltigkeitsökonom Marius Rommel, der aktuell bei dem bekannten Postwachstumsökonom Prof. Dr. Niko Paech forscht, hatte sich bereits 2017 mit der Übertragung der CSA-Kriterien auf alle anderen Versorgungsfelder befasst. Seine Erkenntnisse zum CSX-Modell leisteten große Vorarbeit für unser Projekt.

CSB-Workshop: Umsetzung in die Praxis

Als nächstes folgte ein Workshop in München. Wir diskutierten mit Bäckern, ob und wie sich CSB in die Praxis umsetzen ließe. Auch wollten wir die Idee der Community Supported Bakery verbreiten. Über 20 Bäcker*innen, CSA-Mitglieder und CSX-Interessierte nahmen teil. In dem Workshop überlegten und zeichneten die Teilnehmenden auch ganz konkret „ihre CSB“.

Die Kernergebnisse des Workshops waren vor allem Fragen, wie zum Beispiel: Was muss ich als Bäcker*in beachten, um eine solidarische Bäckerei zu gründen? Es entstand auch ein erstes Reifegrad-Stufenmodell für CSB, an dessen Kriterien sich Interessierte orientieren können. Das Modell enthält 16 Kriterien. Je mehr Kriterien eine Bäckerei erfüllt, desto größer ist das Potenzial hin zu einer idealen CSB. Die perfekte CSB existiert in der Art und Weise noch nicht und es wird sie wahrscheinlich auch nie geben. Dieses Reifegrad-Stufenmodell ist ein inklusives Modell und dient somit als Motivation für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Idee. Ein Kriterium beispielsweise ist die solidarische Preisbildung. In einer CSB wird im Idealfall der Jahresetat der Bäckerei allen Mitgliedern transparent gemacht und mittels Bietrunden oder festen transparenten Monatsbeiträgen finanziert. Ein weiteres Kriterium ist die solidarisch geprägte Wertschöpfungskette. Optimalerweise wäre selbst die Lieferbeziehung zwischen Zuliefer und Bäckereibetrieben solidarisch aufgebaut. Das heißt, die Erzeuger*innen werden pro Hektar Fläche bezahlt, nicht pro Kilo Ertrag. Somit kann auch hier das Risiko des Erzeugers auf mehrere Schultern verteilt werden. Weiterhin ist die ökologische Produktion ein Basiskriterium für solidarisches Unternehmertum, um nahräumlich und umweltfreundlich zu wirtschaften.

Wer Interesse an dem vollständigen Modell hat oder mehr über CSA, CSX und CSB erfahren will, meine Masterarbeit dazu ist frei zugänglich und verfügbar unter: https://orgprints.org/34292/

CSX-ThinkTank: die Ideenschmiede

Wenn euch die Idee der Übertragung der CSA-Prinzipien auf andere Versorgungsfelder nicht mehr loslässt, dann geht es euch genauso wie mir. Deshalb habe ich direkt nach dem Workshop einen CSX-ThinkTank initiiert. Bereits über 90 Personen aus ganz Deutschland diskutieren hier das Thema „gemeinschaftsgetragene Wirtschaft". Wer Lust und Interesse hat, Teil dieser CSX-Ideenschmiede zu sein, kann sich gerne bei mir melden (sophie(at)christophspahn.de).

Noch eine weitere Idee: Das CSA-Konzept ist eine Alternative für bestehende und neue Unternehmen auf allen Wertschöpfungsstufen – auch oder gerade für biologisch arbeitende Betriebe (von dem/der ErzeugerIn bis hin zu dem/der VerarbeiterIn).

Fragen, Antworten und Ergänzungen

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