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Agrarökologie-Schulen

Der Begriff›Agrarökologie‹[1] (auch ›Agroökologie‹) bezeichnet international eine Wissenschaft, Bewegung und Praxis[2], die auf eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Umgestaltung der Landwirtschafts- und Ernährungssysteme abzielt.[3]Agrarökologie stellt die systeminhärenten Logiken und Machtverhältnisse infrage und bietet einen Gegenentwurf zum industriellen Landwirtschaftssystem indem sie auf eine bäuerliche Landwirtschaft setzt, die an lokale Ökosysteme angepasst ist.[4] Im deutschsprachigen Raum wird Agrarökologie eher als Wissenschaft verstanden[5]. In der Praxis baut das Konzept auf den grundlegenden Prinzipien des ökologischen Landbaus auf, zu denen vornehmlich der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, der Kreislauf von Boden-Pflanze-Tier und Mensch sowie die Unabhängigkeit der Betriebe von externen Betriebsmitteln und Agrarkonzerne gehören.[6]

Agrarökologieverbindet traditionelles, lokales Wissen und lokale Kulturen mit ökologischen Wissenschaftstheorien zu einem insgesamt nachhaltigerem Agrarsystem[7]. Dabei werden komplexe Probleme durch die vor Ort vorhandenen Ressourcen und unter Einbeziehung des Wissens von lokalen Erzeugern und Erzeugerinnen, handwerklichen Verarbeitern und Verarbeiterinnen, Verbrauchern und Verbraucherinnen, die im Zentrum der Entscheidungen stehen, gelöst.[8]

Im Rahmen der Agrarökologie gründen und betreiben Bauernorganisationen Agrarökologie-Schulen bzw. Trainings, die mittels eines horizontalen Wissensaustausches (›Famer-to-Farmer‹, ›Fisher-to-Fisher‹, Verbraucher-Produzent, usw.) innerhalb und zwischen verschiedenen Generationen, Sektoren, Kulturen und Traditionen gemeinschaftlich kontinuierlich landwirtschaftliches Wissen schaffen und reproduzieren.

Ziel und Innovation

Das Ziel der Nische ist es, lokales landwirtschaftliches Wissen zu bewahren und durch partizipative Forschung neu entstehen zu lassen. Der Grundgedanke ist, dass sich Erzeuger und Erzeugerinnen durch Erfahrungen mit den lokalen Standortfaktoren wie Böden, klimatischen Gegebenheiten, Pflanzensorten, Tierarten und Niederschlagsbedingungen sowie aufgrund lokaler Kultur- und Gesellschaftskenntnisse das bestbewährte ganzheitliche Kontextverständnis angeeignet haben. Sie sind Experten und Expertinnen in ihrer Region und somit bestens geeignet, Wissen über neue erfolgreiche Techniken und Technologien an andere Erzeugende und Regionen weiterzugeben, welche dort wiederum an den spezifischen Kontext angepasst werden können. Dieses Wissen über altbewährte Anbautechniken ist u.a. durch das europaweit zunehmende Hofnachfolgeproblem bedroht[9]. Daher ist der Wissensaustausch ähnlich wichtig wie die Tauschbörsen von Saatgut alter Pflanzensorten (→Samenbanken und Saatgutschutz), um eine kontextgerechte, zugängliche, an lokale Umweltbedingungen und Kreisläufe angepasste Landwirtschaft, die gegen die Folgen des Klimawandels widerstandsfähig ist[10], zu ermöglichen. Dieses Wissen wird in Agrarökologie-Schulen durch eine innovative, soziale Methodologie der Volksbildung, welche Paulo Freire[11] maßgeblich entwickelte, horizontal weitergegeben. Frauen und Jugendliche, sowie Menschen, die besonders an einer Hofgründung interessiert sind, werden bei diesen Austauschen besonders gefördert.

Beispiele

EAKEN Netzwerk, IALAs in Süd- und Mittelamerika

Kategorie

Vorleistungen, Produktion, Handel, Abfall und Wiederverwertung

Akteur*innen

Produzenten und Produzentinnen, handwerkliche Verarbeiter und Verarbeiterinnen, Konsumenten und Konsumentinnen

Entwicklungsstand und -dynamik


Weltweit wird das Interesse an horizontal ausgerichteten Agrarökologie-Schulen und Trainings immer größer. Laut Angabe von La Via Campesina gibt es weltweit bereits rund 70 Agrarökologie-Schulen. Das am weitesten institutionalisierte Netzwerk von Agrarökologie-Schulen besteht in Süd- und Mittelamerika, das der Instituto Latinoamericano de Agroecologia (IALAs). In Europa wurde in den letzten Jahren versucht, ein ähnliches Netzwerk aufzubauen, namens European Agroecology Knowledge Exchange Network (EAKEN)[15]. Dieses Netzwerk listet bereits 12 Anlaufstellen für Agrarökologie Trainings auf. Neueste horizontale Formen des Wissensaustauschs geschehen im Technologiebereich, bei dem Kollektive Open Source Anleitungen für landwirtschaftliche Geräte und Maschinen sowie Training für deren Nachbau zur Verfügung stellen und dabei ganz auf Patente verzichten (→ Open Source Anleitungen für technische Hilfsmittel).

Nachhaltigkeitspotential

Ökologisch

  • Biodiversität/Artenvielfalt (indirekt)
  • Boden (indirekt), Wasser (indirekt)
  • Klima (indirekt)
  • Luft (indirekt)
  • Ressourceneffizienz in Produktion und Konsum (indirekt)
  • Förderung von regionalen, geschlossenen Nährstoffkreisläufen (indirekt)  

Ökonomisch

  • Armutsbekämpfung (indirekt)
  • Unterstützung von Aktivitäten mit positiven externen Effekten
  • Erhöhung der Ernährungssicherheit (indirekt)
  • Förderung der Kreislaufwirtschaft (indirekt)  

Sozial

  • Gesundheit: Zugang zu gesunder Ernährung (indirekt)
  • Partizipation
  • Soziale Gerechtigkeit
  • Bewusstsein/ Bildung für nachhaltige Ernährung
  • Tierwohl (indirekt)

Risiken / Nachteile

Es besteht das Risiko, dass sich die landwirtschaftliche Großindustrie aufgrund wirtschaftlichen Interesses das Konzept, zumindest teilweise, zu eigen macht und Agrarökologie damit dem eigentlichen Zweck der Souveränität von Kleinproduzenten und Kleinproduzentinnen entfremdet werden könnte. Zudem existiert das Risiko, dass Institutionen klassische Top-Down Agrarökologie Trainings anbieten, um neue Marktpotenziale auszuschöpfen, und dadurch dem originären Grundprinzip des horizontalen Austausches entgegenwirken.


[1] Die Agrarökologie orientiert sich laut FAO an den folgenden 10 Prinzipien: Diversität, gemeinschaftliche Kreation und Wissensaustausch, Synergien, Effizienz, Recycling, Resilienz, menschliche und soziale Werte, Kultur- und Ernährungstraditionen, verantwortungsvolles Handeln, Kreislauf- und Solidaritätswirtschaft (FAO Agroecology Knowledge Hub. The 10 Elements of Agroecology. Web, 11.10.2019. http://www.fao.org/agroecology/knowledge/10-elements/en/)

[2] Wezel, A. et al. (2009): Agroecology as a science, a movement and a practice. A review. Agronomy for Sustainable Development 29: 503-515.

[3] Von Massenbach, A. (2019): Agrarökologie stärken. Für eine grundlegende Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme. Positionspapier. Januar 2019. INKOTA-Netzwerk: Berlin.

[4]Heinrich-Böll-Stiftung et al. (2017): Konzernatlas - Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie. 2017. Berlin. Web, 29.12.2019. www.boell.de/de/konzernatlas

[5] CIDSE (2018): Die Prinzipien der Agrarökologie. Für gerechte, widerstandsfähige und nachhaltige Ernährungssysteme. April 2018. Brüssel.

[6] Von Massenbach, A. (2019): Agrarökologie stärken. Für eine grundlegende Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme. Positionspapier. Januar 2019. INKOTA-Netzwerk: Berlin.

[7] Pretty, J.N. et al. (2006): Resource-Conserving Agriculture Increases Yields in Developing Countries.Environ. Sci. Technol. 2006, 40, 4, 1114-1119. https://doi.org/10.1021/es051670d

[8] Weltagrarbericht (2019): Agrarökologie. Web, 11.10.2019. www.weltagrarbericht.de/themen-des-weltagrarberichts/agraroekologie.html

[9] Access to Land (2019): Organising farm succession. Web, 11.10.2019. www.accesstoland.eu/European-Farm-Succession-Conference

[10] IPES-Food (2016): From uniformity to diversity: A paradigm shift from industrial agriculture to diversified agroecological systems. www.ipes-food.org/_img/upload/ les/UniformityToDiversity_FULL.pdf

[11] Freire, P. (1973): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek Hamburg.

[12] FAO Agroecology Knowledge Hub (o.J.): Agroecology definitions. Web, 11.10.2019. www.fao.org/agroecology/knowledge/definitions/en/

[13] Francis C. et al. (2003): Agroecology: The ecology of food systems. Journal of Sustainable Agriculture 22: 99-118. doi.org/10.1300/J064v22n03_10

[14] Friends of the ATC (o.J.): IALA. Web, 11.10.2019. friendsatc.org/tag/iala/

[15] European Coordination Via Campesina (2019): European Agroecology Knowledge Exchange Network. Web, 11.10.2019. www.eurovia.org/eaken/

[16] ebd.

[17] Schola Campesina – Sharing knowledge for food sovereignty. (o. J.). Web, 28.01.2020. www.scholacampesina.org