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Ernährungsräte

Steckbrief des Projekts "Sozial-ökologische Transformation des Ernährungssystems"

Ernährungsräte sind innovative Foren verschiedener Akteursgruppen, die für einen Wandel des Ernährungssystems auf der lokalen Ebene eintreten. Mit dem Ziel, die Lebensmittelversorgung in Städten zukunftsfähig und gerecht zu gestalten, stellen die meist aus der Zivilgesellschaft gegründeten Gremien als eine Art Thinktank des Ernährungssystems einen Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Landwirte und Landwirtinnen, Handel, Gastronomie und Verbraucher und Verbraucherinnen her.[1] Neben zivilgesellschaftlichen Bottom-up-Bewegungen gibt es auch Räte, die breiter aufgestellt sind und sich bspw. paritätisch aus verschiedenen Akteursgruppen zusammensetzen.[2]

 

Ziel und Innovation

Ernährung spielt als Querschnittsthema zwischen verschiedenen politischen Ressorts auf kommunaler Ebene meist eine untergeordnete Rolle. Die Verantwortung für die Ausrichtung von Lebensmittelproduktion, Verarbeitung, Vermarktung, Konsum und Abfallverwertung wird damit zu einem großen Teil abgegeben und u.a. in die Hände von Großkonzernen gelegt.[3] Die Gründung von Ernährungsräten verfolgt das Ziel, zusammen mit möglichst vielen Akteuren aus dem Ernährungssystem, lokale Handlungsoptionen zu diskutieren und deren Umsetzung zu begleiten.[4] Relevante Themen sind u.a. die Förderung urbaner Landwirtschaft, der Zugang zu nachhaltig erzeugten Lebensmitteln für einkommensschwache Haushalte, die Stärkung lokaler Erzeuger und Erzeugerinnen und der Aufbau vielfältiger Marktstrukturen.[5] Durch einen breiten kooperativen Ansatz haben Ernährungsräte das Potenzial, vielfältige Themen des Ernährungssystems zu erfassen, Querbezüge aufzuzeigen und Synergien zu schaffen.[6]

Beispiele

Ernährungsräte in Berlin Köln, Frankfurt, Dresden

Kategorie

Politik (Produktion, Verarbeitung, Handel, Konsum, Abfall)

Akteur*innen

Zivilgesellschaft, Ernährungswirtschaft, Politik, Verwaltung

Entwicklungsstand und -dynamik


Ernährungsräte sind inzwischen weltweit verbreitet. Allein in Nordamerika stieg die Anzahl von 2004 bis 2014 von 29 auf 263.[8] Auch im deutschsprachigen Raum wurden in den letzten Jahren viele neue Ernährungsräte gegründet. Beim ersten Vernetzungskongress in Essen im Jahr 2017 wurde ein Netzwerk aus mehr als 40 Ernährungsräten und Ernährungsrat-Initiativen aus dem deutschsprachigen Raum gegründet. Damit sich das Konzept weiter ausbreiten kann, werden Kommunen und Länder aufgefordert, das meist ehrenamtliche Engagement der Ernährungsrat-Initiativen zu unterstützen.[9]

Nachhaltigkeitspotenzial

Ökologisch

  • Biodiversität/Artenvielfalt (indirekt)
  • Boden (indirekt)
  • Wasser (indirekt)
  • Klima (indirekt)
  • Ressourceneffizienz in Produktion und Konsum (indirekt)

Ökonomisch

  • Armutsbekämpfung (indirekt)
  • Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe (indirekt)
  • Unterstützung von Akteuren mit positiven externen Effekten (indirekt)
  • Erhöhung der Ernährungssicherheit (indirekt)
  • Förderung der Kreislaufwirtschaft (indirekt)
  • Faire Erzeugerpreise (indirekt)
  • Herstellen von Transparenz entlang der Wertschöpfungskette (indirekt)

Sozial

  • Gesundheit: Zugang zu gesunder Ernährung (indirekt)
  • Partizipation
  • Soziale Gerechtigkeit (indirekt)
  • Bewusstsein / Bildung für nachhaltige Ernährung (indirekt)
  • Tierwohl (indirekt)

Risiken / Nachteile

Es kann ein potenzielles Risiko durch die Förderung von Regionalität ohne substanzielle Integration weiterer Nachhaltigkeitsaspekte entstehen.

Fazit

Ernährungsräte sind innovative Foren für verschiedene Akteursgruppen, die sich auf der lokalen Ebene für einen Wandel des Ernährungssystems einsetzen. Dies ist insofern innovativ, als dass Ernährung auf kommunaler Ebene als Querschnittsthema zwischen verschiedenen politischen Ressorts meist eine untergeordnete Rolle spielt. Die Nische ist in Deutschland derzeit stark im Wachstum. Ernährungsräte haben ein eher indirektes, aber sehr breites Nachhaltigkeitspotenzial, da sie durch partizipative Diskussions- und Entscheidungsprozesse die Gesamtheit des regionalen Ernährungssystems betrachten und entsprechende Handlungsempfehlungen entwickeln können. Ein potenzielles Risiko besteht in der Förderung der Regionalität von Produktion und Konsum ohne substanzielle Integration weiterer Nachhaltigkeitsaspekte. Bei Unterstützung durch kommunale politische Akteure und Akteurinnen können Ernährungsräte einen starken Beitrag zur Transformation des jeweiligen regionalen Ernährungssystems leisten.


[1] Stierand, P. (2017a): Ernährungsräte: Netzwerk gegründet. Web, 05.05.2018. speiseraeume.de/ernaehrungsraete-netzwerk-gegruendet/

[2] Ernährungsrat Berlin (2017): Bericht vom Vernetzungskongress der Ernährungsräte. Web, 05.05.2018. ernaehrungsrat-berlin.de/2017/11/14/bericht-vom-vernetzungskongress-der-ernaehrungsraete/

[3] Stierand, P. (2018): Speiseräume: Ernährungsräte. Web, 05.05.2018. ernaehrungsraete.de

[4] Ebd.

[5] Stierand, P. (2017)

[6] Stierand, P. (2017b): Ein Ernährungsrat: Was ist das? Web, 05.05.2018. ernaehrungsraete.de/ernaehrungsrat-idee-ueberblick/

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ernährungsrat Hamburg (2018): Bericht 1. Ernährungsrat Kongress. Web, 05.05.2018. xn--ernhrungsrat-hh-2kb.de/bericht-1-ernaehrungsrat-kongress/