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Gemeinschaftsgärten / Mietgärten

Steckbrief des Projekts "Sozial-ökologische Transformation des Ernährungssystems"

Gemeinschaftsgärten sind Gärten, die kollektiv von einer Gruppe Menschen betrieben werden, die meist keinen professionellen gärtnerischen Hintergrund haben. Häufig befinden sie sich in Innenstädten und nutzen brachliegende Flächen. Neben der gärtnerischen Tätigkeit stehen dabei die Gemeinschaft und das Mitgestalten des eigenen Stadtteils im Vordergrund. Die Konzepte sind sehr vielseitig. So haben zum Beispiel manche Gärten eine bestimmte Zielgruppe, wie ältere Menschen, Kinder oder Menschen mit Migrationshintergrund. Daher werden, je nach Ausrichtung des Gartens, auch viele verschiedene Begriffe wie Nachbarschaftsgärten, Interkulturelle Gärten, Community Gardens usw. verwendet.[1] Mietgärten haben ein ähnliches Konzept, mit dem Unterschied, dass die Gärtner und Gärtnerinnen hier Flächen von kommerziell agierenden Firmen mieten, wohingegen Gemeinschaftsgärten ihr Land meist von öffentlichen Trägern gestellt oder verpachtet bekommen.[2] Zudem spielt das Miteinander in Mietgärten eher eine untergeordnete Rolle, der Nahrungsmittelanbau ist hier das Hauptanliegen.

Ziel und Innovation

Über den Anbau von Nahrungsmitteln – i.d.R. für den Eigenbedarf – werden die Gärtner und Gärtnerinnen unabhängiger von globalen Lebensmittelmärkten. Daneben sind der Erwerb und die Weitergabe von Wissen zentral, insbesondere zu Produktionsmethoden wie ökologischem Anbau, aber auch zur Verarbeitung von Lebensmitteln. Bei Gemeinschaftsgärten werden zudem soziale Ziele, wie dem Finden neuer Formen des städtischen Zusammenlebens verfolgt.[3]

Innovativ ist einerseits die kollektive Zusammenarbeit, andererseits, dass sich die Bürger selbst an der Lebensmittelproduktion beteiligen. Durch Gemeinschaftsgärten wird zudem oft der Anbau von Lebensmitteln in die (Innen-)Stadt verlegt, wodurch eine radikal lokale Produktion ermöglicht wird. Häufig werden Brachflächen genutzt und somit die Anbauflächen für Nahrungsmittel kreativ erweitert und neu gedacht.

Beispiele

Internationale Gärten e.V. Göttingen,Prinzessinnengarten (Berlin), Gemeinschaftsgarten Chieming, Meine Ernte, Ackerhelden, Münchner Krautgärten

Kategorie

Produktion (Nutzerpraktiken, Wissen), Verarbeitung (Wissen)

Akteur*innen

Bürger und Bürgerinnen, Vereine, private Unternehmen (v.a. bei Mietgärten); als Bereitsteller von Flächen auch Städte, Kommunen, Kirchen, Stiftungen, landwirtschaftliche Betriebe[4]

Entwicklungsstand und -dynamik


Gemeinschaftsgärten gibt es heute in ganz Deutschland. Vor allem seit der Jahrtausendwende ist ihre Zahl stark angestiegen: 2018 sind allein mehr als 600 Gärten im Netzwerk der Interkulturellen Gärten vertreten. [6] Gemeinschaftsgärten mit nicht explizit interkulturellem Ansatz kommen hier noch dazu. Für Mietgärten gab es im Frühjahr 2018 deutschlandweit 19 Anbieter mit insgesamt 149 Standorten.[7]

Hürden liegen einerseits in der Zusammenarbeit mit Behörden, wo das Potenzial der Gärten oft unterschätzt wird und gesetzliche Regelungen die Gründung erschweren.[8] Andererseits ist ein langfristiger Zugang zu geeigneten Flächen ein Problem. Insbesondere in Innenstädten sind Gemeinschaftsgärten häufig vom Verlust ihrer Fläche bedroht und stehen in Konkurrenz zu anderen Nutzungen.[9] Zuletzt mangelt es auch an finanziellen Mitteln, um bspw. Pacht zu zahlen.[10]

Nachhaltigkeitspotenzial

Ökologisch

  • Biodiversität/Artenvielfalt
  • Klima (indirekt)
  • Ressourceneffizienz in Produktion und Konsum (indirekt)
  • Förderung von regionalen, geschlossenen Nährstoffkreisläufen

Ökonomisch

  • Erhöhung der Ernährungssicherheit (indirekt)

Sozial

  • Gesundheit: Zugang zu gesunder Ernährung
  • Partizipation
  • Bewusstsein / Bildung für nachhaltige Ernährung

Risiken / Nachteile

Die Vorteile des Ausbaus neuer Lebensräume für Flora und Fauna könnten durch einen potenziellen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wieder verringert oder gar zunichte gemacht werden.  Daher sind die Gartenbaupraktiken für Gemeinschafts- und Mietgärten über Vereinssatzungen, Fördervereine und deren Organe möglichst zu regeln.

Fazit

Gemeinschaftsgärten werden kollektiv bzw. gemeinschaftlich von einer Gruppe Menschen betrieben, die meist keinen professionellen gärtnerischen Hintergrund haben. Bei Mietgärten vermieten kommerziell agierende Firmen Flächen (individuell) an Gärtner und Gärtnerinnen. Als innovativ ist v.a. die kollektive Zusammenarbeit anzusehen. Die Nische hat in Deutschland in den letzten Jahren eine starke Ausdehnung erfahren. Das Nachhaltigkeitspotenzial ist dabei v.a. in sozialen Aspekten, wie der Förderung von Partizipation und des Bewusstseins zu sehen, sowie in ökologischen Aspekten, wie der Förderung von Biodiversität und Bodenschutz, durch das Erlernen und Anwenden angepasster Technologien und Praktiken) zu sehen.


[1]Madlener, N. (2018): Was sind Gemeinschaftsgärten? Web, 02.06.2018. gartenpolylog.org/de/gartenpolylog-gemeinschaftsgarten/was-sind-gemeinschaftsgarten;
Bütikofer, B. (2012): Urbane Gemeinschaftsgärten als Keimzellen sozialer Netzwerke. Studie zu Sozialkapital und sozialen Netzwerken am Beispiel von ausgewählten Berliner Gemeinschaftsgärten. Masterarbeit, S. 82. Web, 08.06.2018. anstiftung.de/jdownloads/forschungsarbeiten_urbane_gaerten/urb_gemeinsch_g.pdf

[2]Madlener (2018)

[3] Wiesholler (2018): Wozu – Weshalb – Warum. Web, 02.06.2018. gemeinschaftsgarten.net; Bütikofer (2012), S. 82.

[4]Madlener (2018)

[5]Ebd.; Internationale Gärten e. V. Göttingen (2019): Verein. Web, 02.06.2018- internationale-gaerten.de

[6] Internationale Gärten e.V. Göttingen (2018)

[7] Geeck, S. (2018): Mietgarten Anbieter. Web, 02.06.2018. grüneliebe.de/rund-um-den-garten/mietgarten-anbieter/

[8] Hirtmann, C. (2011): Analyse und Untersuchung aktueller Probleme von Gemeinschaftsgärten in Berlin unter besonderer Berücksichtigung von Planungs- und Nutzungsrechten und Entwicklung von Handlungsempfehlungen. Masterarbeit, S. 98. Web, 02.06.2018. anstiftung.de/jdownloads/forschungsarbeiten_urbane_gaerten/masterarbeit_hirtmann.pdf;
Bütikofer (2012), S. 104, 113.

[9]Bütikofer (2012), S. 91-92, 114.

[10]Bütikofer (2012), S. 114.