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Open Source-Samenbanken und Saatgutschutz

Samenbanken oder auch Saatgutbibliotheken bezeichnen die Sammlung und Kategorisierung von Saatgut natürlicher und für die Landwirtschaft gezüchteter Pflanzensorten sowie die Erfassung zugehöriger Daten (z.B. Fundort, botanische Einordnung oder genetische Abstammung).[1] Samenbanken sind weltweit stark verbreitet und etabliert. Dennoch entwickeln sich derzeit innovative Herangehensweisen, die besonders dem Schutz alter Nutzpflanzen, ihrem Austausch und ihrer Zugänglichkeit dienen sollen. Zum einen sind dies Open Source-Samenbanken, die Saatgut mit einer freien Lizenz versehen und so zu einem geschützten Allgemeingut machen. Zum anderen entstehen Projekte und Initiativen, die sich u.a. durch die Revitalisierung alter Sorten darum bemühen, Saatgut von Pflanzen zu sichern, die gut mit den veränderten klimatischen Bedingungen harmonisieren oder dem Klimawandel entgegenwirken.

Ziel und Innovation

Samenbanken wurden ursprünglich genutzt, um Saatgut der letzten Ernte für die nächste Aussaat zu sichern. Heute werden vielfältige Ziele verfolgt. Die Vermeidung des Verlustes von Genmaterial und die Sicherung biologischer Vielfalt sind häufige Gründe für die Erstellung von Samenbanken. Die 2008 eröffnete, weltweit größte Aufbewahrungsanlage ›Svalbard Global Seed Vault‹ in Norwegen verfolgt das Ziel, Samen von Nutzpflanzen vor natürlichen und menschengemachten Katastrophen zu schützen und so als ›Backup‹ für die gesamte Menschheit zu fungieren[2].

Aufgrund der raschen klimatischen Veränderung werden Samenbanken heute auch unter dem Aspekt der Ernährungssicherheit diskutiert. So kann die Revitalisierung alter, in Samenbanken gespeicherter Sorten beispielsweise zur Anpassung an das veränderte Klima und dessen Folgen genutzt werden und besonders robuste Nutzpflanzen hervorbringen[3].

Die Entwicklung von Open Source-Saatgut verfolgt darüber hinaus das Ziel, die Ernährungssouveränität zu verbessern, einen partizipativen Sortenvielfaltaustausch zu fördern und Samen durch die Vergabe einer Open Source-Lizenz vor Privatisierung zu schützen. Ein Beispiel hierfür ist die erst wenige Jahre junge, in Deutschland ansässigen Initiative ›OpenSourceSeeds‹. Durch die Nutzung von Open Source-Lizenzen soll Saatgut als Gemeingut zur freien Nutzung gesichert werden. Auch die Website ›Community seed banks‹ wurde als digitale Plattform zur Vernetzung kommunaler Samenbanken in ganz Europa mit Mitteln des Horizon 2020 Programms der EU ins Leben gerufen. Projekte können sich online auf einer Karte eintragen lassen. Besonders stark vertreten sind Samenbanken aus Spanien und Südfrankreich.[4]

Beispiele

La Troje, Reclaim the Seeds, OpenSourceSeeds, Plants For A Future, Saatgut tauschen

Kategorie

Vorleistung, Handel

Akteur*innen

Vereine, Verbände, Lebensmittelproduzenten und Lebensmittelproduzentinnen, (Hobby-) Gärtner und Gärtnerinnen

Entwicklungsstand und -dynamik

In den vergangenen Jahren haben besonders zwei Entwicklungen zu diesen Weiterentwicklungen klassischer Samenbanken geführt: die Patentierung, Privatisierung und Monopolisierung im Bereich des Saatguts sowie der Klimawandel.

Als Reaktion auf die Gesetzesvorhaben zum Saatgut durch die EU wurde in den Niederlanden 2010 erstmals eine Tausch- und Informationsbörse organisiert[7]. Die Ziele der regelmäßigen Veranstaltung bestehen in der Sicherung biologischer Vielfalt, dem Widerstand gegen Patente auf Saatgut sowie der Förderung einer klimaneutralen Landwirtschaft. Saatguttauschbörsen finden in verschiedenen europäischen Städten statt. Im Jahr 2016 wurde in Deutschland eine Website[8] veröffentlicht, die bei der Tauschvermittlung ausschließlich auf digitale Mittel zurückgreift.

Eine weitere neuartige Entwicklung zeigt Plants for a future, eine in Großbritannien initiierte Online-Informationsdatenbank zu essbaren und nützlichen Pflanzen[9]. Die Datenbank enthält lediglich Informationen, kein genetisches Material. Ihr Fokus liegt auf dem kostenfreien Zugang zu Wissen. Carbon Farming (landwirtschaftliche Methoden, die darauf abzielen, mehr atmosphärischen Kohlenstoff in Boden, Wurzeln, Hölzern und Blättern der Pflanzen zu binden) bildet einen eigenen Bereich der Datenbank.

Nachhaltigkeitspotenzial

Ökologisch

  • Biodiversität/Artenvielfalt
  • Boden (indirekt)
  • Wasser (indirekt)

Ökonomisch

  • Armutsbekämpfung (indirekt)
  • Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe (indirekt)
  • Erhöhung der Ernährungssicherheit
  • Herstellen von Transparenz entlang der Wertschöpfungskette

Sozial

  • Gesundheit: Zugang zu gesunder Ernährung (indirekt)
  • Partizipation

Risiken / Nachteile

Private Tauschbörsen können ein Risiko für die Gesundheit darstellen, wenn nicht kontrolliertes Saatgut angeboten wird. Nicht alle Züchtungen sind automatisch für den Verzehr geeignet. Gelegentlich kommt es bei Hobbygärtnern sogar zu Todesfällen[10].


[1] Nabors, M. W., & Scheibe, R. (2007): Botanik. Pearson Deutschland GmbH. S. 647

[2] Svalbard Global Seed Vault (o. J.): Svalbard Global Seed Vault. Web, 13.10.2019.https://www.croptrust.org/our-work/svalbard-global-seed-vault/

[3] Dempewolf, H. et al. (2014): Adapting Agriculture to Climate Change: A Global Initiative to Collect, Conserve, and Use Crop Wild Relatives. Agroecology and Sustainable Food Systems, 38(4), 369–377.https://doi.org/10.1080/21683565.2013.870629

[4] The CSB Map / Community Seed Banks. (o. J.): The CSB Map. Web, 13.10.2019.https://www.communityseedbanks.org/the-csb-map/

[5] Vernooy, R. et al. (2015): Community Seed Banks: Origins, Evolution and Prospects. Routledge.

[6] Lewis, V. & Mulvany, P.M. (1997): A Typology of community seed banks. Natural resources institute. University of Greenwich, Kent, UK.

[7] Reclaim the Seeds (o.J.): Info about patents, seed laws, monopoly’s, GMOs, alternatives and food sovereignty. Web, 13.10.2019. https://www.reclaimtheseeds.nl/rts-achtergrond-engels.htm

[8] Saatgut tauschen (2016 - 2019): Saatgut tauschen - Tauschbörse für samenfestes Biosaatgut. Web, 11.10.2019.https://saatgut-tauschen.de/

[9] Plants for a future (1995-2019): About us. Web, 13.10.2019.https://pfaf.org/user/AboutUs.aspx

[10] Hillmer, A. (2015): Giftiges Gemüse: Das müssen Sie bei der Zucht beachten. Hamburger Abendblatt. 21. August 2015. Web, 26.11.2019 https://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article205588433/Giftiges-Gemuese-Das-muessen-Sie-bei-der-Zucht-beachten.html