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Partizipative Bewertungssysteme

Partizipative Bewertungssysteme zielen darauf ab, Menschen, die Lebensmittelprodukte produzieren und/oder konsumieren direkt in deren Bewertungs- und Zertifizierungsprozesse mit einzubeziehen, anstatt die Zertifizierung von Drittanbietern vornehmen zu lassen.

Ziel und Innovation

Das klassische Ziel von Bio-Zertifizierungen ist zum einen die erhöhte Transparenz und Sicherheit auf Konsumentenseite über nachhaltige Ernährung und verantwortungsvolle Produktion und zum anderen der verbesserte Marktzugang für Erzeuger und Erzeugerinnen. Die kostenintensive Umstellung, Zulassung und Kontrolle stellen oft eine Hürde für kleinbäuerliche Landwirte und Landwirtinnen dar.[1] Die Investitionen für ein Bio-Siegel rentieren sich häufig erst ab einem bestimmten Produktionsumfang.

Partizipative Bewertungssysteme haben zum Ziel, eine hohe Transparenz unter intensiver Beteiligung und Mitgestaltung von Produzenten und Produzentinnen, Konsumenten und Konsumentinnen sowie anderen unmittelbaren Interessengruppen zu erreichen und stellen somit eine Alternative und Ergänzung zu Zertifizierungen von Drittanbietern und -anbieterinnen dar. Sie zielen auf den lokalen Markt und kurze Transportwege sowie Wertschöpfungsketten ab. Es schließen sich kleinbäuerliche Produzenten und Produzentinnen zusammen, um gemeinsam Nachhaltigkeitsindikatoren zu definieren und entwickeln. Auf Basis dieser Kriterien betreiben sie Landwirtschaft und können die eigene Arbeit anhand dieser Indikatoren selbst evaluieren und ggf. verbessern, anstatt die für die verschiedenen Bio-Zertifizierungen vorgeschriebenen Kriterien erfüllen zu müssen.[2] Ein weiterer neuer Ansatz ist, dass die Qualitätskontrolle auch nicht von Drittanbietern und -anbieterinnen durchgeführt wird. Stattdessen prüfen und unterstützen sich Erzeuger und Erzeugerinnen gegenseitig[3]. Dieser Besuch vor Ort einer oder mehrerer Personen aus der Peergroup oder eines Konsumenten oder einer Konsumentin birgt den Vorteil, dass ein direkter praktischer Wissensaustausch über Probleme und Lösungen gepflegt wird sowie ein soziales Netzwerk basierend auf Vertrauen aufgebaut wird.[4] Gemeinschaftlich treffen sie Entscheidungen bezüglich der Zertifizierung und sorgen für die Entwicklung und Umsetzung des Zertifizierungsverfahrens.

Ferner versuchen Initiativen, nicht nur auf Produzenten- sondern auch auf Konsumentenseite organisiert gemeinsame Kriterien für nachhaltige Produkte und deren Vermarktung zu formulieren, die den eigenen Bedürfnissen nach nachhaltigem Handeln entsprechen.[5] Diese werden infolge der gemeinsamen Abstimmung zu fairen Erzeugerpreisen von angegliederten Höfen produziert.[6]

Beispiele

FADEAR - Frankreich, C'est qui le patron - Frankreich, Nature & Progrès -  Frankreich, Belgien, IFOAM-Participatory Guarantee Systems - Rumänien, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Türkei, Spanien, Italien, InPACT Network

Kategorie

Produktion, Handel, Konsum

Akteur*innen

kleinbäuerliche Landwirte und Landwirtinnen, Konsumenten und Konsumentinnen

Entwicklungsstand und -dynamik


Der Trend für partizipative Bewertungssysteme als Alternative zu den klassischen Zertifizierungen mit Qualitätskontrolle durch Drittanbieter und Drittanbierterinnen steigt. Während das Angebot von Bio-Siegeln zunimmt, erhöht sich dadurch auch der Druck für ökologisch wirtschaftende kleinbäuerliche Landwirte und Landwirtinnen, den eigenen Betrieb aufgrund der Absatzsicherung entsprechend zertifizieren zu lassen. Diese Zertifizierungen sind allerdings häufig mit hohen Kosten verbunden und lassen nicht die eigene Mitbestimmung der Nachhaltigkeitskriterien zu. Infolgedessen wächst die Nachfrage nach partizipativen, kostengünstigeren Alternativen für kleinbäuerliche Landwirtschaft weiter. Allerdings erkennen die EU, USA und Japan PGS nicht als Zertifizierung an. Hier dürfen nur von Drittanbietern und -anbieterinnen geprüfte Betriebe auf die ›Bio‹ Produktsiegel hinweisen. In Ländern des Globalen Südens, wie u.a. Brasilien und Indien, werden PGS sogar (gesetzlich) als gleichwertig zu der Zertifizierung von Drittparteien auf lokalen Märkten gesehen.

Nachhaltigkeitspotenzial

Ökologisch

  • Biodiversität/Artenvielfalt (indirekt)
  • Boden (indirekt)
  • Wasser (indirekt)
  • Klima (indirekt)
  • Luft (indirekt)
  • Ressourceneffizienz in Produktion und Konsum (indirekt)
  • Förderung von regionalen, geschlossenen Nährstoffkreisläufen (indirekt)

Ökonomisch

  • Armutsbekämpfung (indirekt)
  • Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe
  • Unterstützung von Aktivitäten mit positiven externen Effekten
  • Faire Erzeugerpreise (national und global)
  • Herstellen von Transparenz entlang der Wertschöpfungskette

Sozial

  • Partizipation
  • Soziale Gerechtigkeit
  • Bewusstsein/Bildung für nachhaltige Ernährung
  • Tierwohl (indirekt)

Risiken / Nachteile

Partizipative Bewertungssysteme sind auf viel Idealismus, Eigeninitiative und Engagement aller Beteiligten angewiesen. Zudem sind partizipative Bewertungssysteme anfällig für Missbrauch. Menschen, die nur auf den eigenen finanziellen Vorteil bedacht sind, könnten Profit aus dem Vertrauen in die eigenen Siegel und Zertifikate schlagen und langfristig dem Ruf der Zertifikate basierend auf partizipativen Bewertungssystemen schaden. Auf der anderen Seite, wird den Verbrauchern und Verbraucherinnen, die nicht selbst teilhaben, ein hohes Maß an Informiertheit (oder Vertrauen) abverlangt, um die Nachhaltigkeitskriterien hinter den jeweiligen Zertifikaten zu kennen.


[1] Wageningen University & Research (2015): Certification for small-scale producers—Weighing up the pros and cons. Web, 13.10.2019.https://www.wur.nl/en/newsarticle/Certification-for-smallscale-producers-weighing-up-the-pros-and-cons.htm

[2] FADEAR (o.J.): Réseau de l’agriculture paysanne.—Bienvenue dans l’agriculture paysanne. Web, 13.10.2019. http://www.agriculturepaysanne.org/

[3] Ein Beispiel hierfür sind die Participatory Guarantee Systems (PGS).

[4] IFOAM (o.J.): Participatory Guarantee Systems. IFOAM Organics International. Web, 11.10.2019. www.ifoam.bio/en/organic-policy-guarantee/participatory-guarantee-systems-pgs

[5] La société des consommateurs (o. J.): « C’est qui le Patron ?! » – La Marque du Consommateur. Web, 13.10.2019.https://lamarqueduconsommateur.com/

[6] ebd.

[7] Nature & Progrès (o.J.): L’histoire de Nature & Progrès. Web, 11.10.2019. www.natureetprogres.org/lhistoire-2-2/

[8] Kuit, M., & Waarts, Y. R. (2014): Small-scale farmers, certification schemes and private standards: Is there a business case? costs and benefits of certification and verification systems for small-scale producers in cocoa, coffee, cotton, fruit and vegetable sectors.