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Soziale Landwirtschaft

Die soziale oder integrative Landwirtschaft beschreibt Konzepte multifunktionaler landwirtschaftlicher Betriebe oder Gärtnereien. Bei allen Aktivitäten werden Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen integriert. Ebenso werden Menschen mit sozial schwachem Hintergrund, straffällige oder lernschwache Jugendliche, Suchtkranke, Autisten, Obdachlose, Langzeitarbeitslose und aktive Senioren und Seniorinnen in die Arbeit auf dem Hof mit einbezogen. Es zählen auch pädagogische Initiativen wie Schul- und Kindergartenbauernhöfe zur Sozialen Landwirtschaft.[1] Jüngst werden auch Initiativen für die Einbindung von (unbegleiteten minderjährigen) Flüchtlingen in landwirtschaftlichen Betrieben gegründet.[2]

 

Ziel und Innovation

Solche multifunktionalen Höfe tragen neben ihren ökologischen Wirkungen zur Entwicklung ländlicher Räume und regionaler Netzwerke bei[3], indem sie statt lediglich eine Produktionsstätte von Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen darzustellen, zu einem Lern-, Erfahrungs-, Therapie-, Arbeits- und Wohnort als auch Ort der sozialen Begegnung und Kultur werden.[4] Anstatt eine klassische Therapieform auszuwählen, geschieht das ›Therapeutische‹ hier, indem Menschen für tatsächlich anfallende Arbeit ›sinnvoll‹ eingesetzt werden. Je nach eigenen Stärken kann dies u.a. in der Gartenarbeit oder der Arbeit mit Nutztieren sein. Den Landwirten und Landwirtinnen eröffnen sich neue Perspektiven: Sie können alternative Dienstleistungen anbieten, das Spektrum ihrer Aktivitäten diversifizieren, neue Einkommensquellen erschließen, und die Rolle der Landwirtschaft in der Gesellschaft erweitern.

Beispiele

Juchowo Farm in Polen, Europäische Akademie für Landschaftskultur Deutschland (PETRARCA), Flandern, UK, Norwegen, Dannwisch (bei Hamburg), Netzwerk-alma, Naatsaku Noortetalu – Estland, La Fattoria Solidale del Circeo – Italien, Loidholdhof – Österreich, Glittre gård - Norwegen

Kategorie

Produktion, Verarbeitung

Akteur*innen

Erzeuger und Erzeugerinnen, verarbeitende Betriebe, Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen, Menschen mit sozial schwachem Hintergrund, straffällige oder lernschwache Jugendliche, Suchtkranke, Autisten, Obdachlose, Langzeitarbeitslose, aktive Senioren und Seniorinnen, Emigranten und Emigrantinnen, Unterstützungszentren

Entwicklungsstand und -dynamik

In vielen europäischen Ländern begann die Soziale Landwirtschaft als Nische zwischen dem Agrar-, Gesundheits- und Sozialsektor. Nach dieser ersten Phase setzten sich verschiedene Akteure und Akteurinnen in Verbindung und bauten Netzwerke auf, die zu Regimewechseln führten. Die wichtigsten Veränderungen brachte die staatliche Unterstützung und der Aufbau von Finanzstrukturen für die Soziale Landwirtschaft. Neue Regime-Akteure und Regime-Akteurinnen, wie z.B. Unterstützungszentren, wurden gegründet.

In Deutschland ist die Soziale Landwirtschaft nicht neu, dennoch sind es häufig einzelne Landwirte und Landwirtinnen, die sich mittels der Sozialen Landwirtschaft um eine gesellschaftliche Wirkung bemühen. Sie bleibt hierzulande wie auch in den meisten Ländern nicht Teil einer großen sozialen Bewegung[7]. Hierfür fehlen teilweise in vielen Ländern noch Pflegesätze, die Anreize für landwirtschaftliche Betriebe bieten können.

Die Tendenz geht dahin, dass Soziale Landwirtschaft zunehmend Beachtung bei politischen Entscheidungsträgern und Entscheidungsträgerinnen findet, nicht zuletzt wegen der Bedeutung natürlicher Räume und landwirtschaftlich geprägter Gebiete für das soziale, physische und psychische Wohlbefinden von Menschen (auf verschiedenen Ebenen). Vertreter und Vertreterinnen von Gesundheitseinrichtungen befürworten alternative Therapieformen, die in soziale Zusammenhänge eingebettet sind.

Nachhaltigkeitspotenzial

Ökonomisch

  • Armutsbekämpfung
  • Erhöhung der Ernährungssicherheit

Sozial

  • Gesundheit: Zugang zu gesunder Ernährung (indirekt)
  • Partizipation
  • Soziale Gerechtigkeit

Risiken / Nachteile

Es besteht das Risiko von Missbrauch. Gerade bei der Zusammenarbeit mit sozial, gesundheitlich oder geistig beeinträchtigten Menschen muss sichergestellt werden, dass diese nicht als kostengünstige Arbeitskräfte missbraucht werden. Je nach Einzelfall sind fachliche Kompetenzen notwendig, um eine angemessene Betreuung gewährleisten zu können. Werden zudem öffentliche Aufgaben (z.B. die Gesundheitsversorgung) übernommen, wie dies in Norwegen der Fall ist, ist eine Einbindung in die Regierung wünschenswert. Verschiedene Ministerien, wie das der Landwirtschaft, der Bildung und Forschung, der Gesundheit und des Sozialen müssten zusammenarbeiten. In Norwegen wurde dafür ein interministerielles Komitee eingeführt, das Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Ministerien zusammenführt[8].

Eine Schwierigkeit bei der Etablierung der sozialen Landwirtschaft in Europa besteht einer Analyse aus dem Jahr 2010 zufolge auch in der schlechten Kommunikation zwischen Politik, Gesundheitswesen und Agrarwirtschaft[9]. So könnte beispielsweise die Anerkennung der Höfe als Teil der Gesundheitsversorgung eine dauerhafte Finanzierung jener Höfe bieten, die derartige öffentliche Aufgaben übernehmen. Lösungen anderer europäischer Länder können als Vorbild dienen.


[1] Soziale Landwirtschaft (2015): Soziale Landwirtschaft auf Biobetrieben. Web, 11.10.2019.https://www.oekolandbau.de/landwirtschaft/betrieb/oekonomie/diversifizierung/soziale-landwirtschaft/

[2] Alma (o.J.): Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge in der Sozialen Landwirtschaft: Netzwerk alma. Web, 11.10.2019.http://www.netzwerk-alma.de/projekte-fluechtlinge.shtml

[3] Soziale Landwirtschaft (2015): Soziale Landwirtschaft auf Biobetrieben. Web, 11.10.2019.https://www.oekolandbau.de/landwirtschaft/betrieb/oekonomie/diversifizierung/soziale-landwirtschaft/

[4] Forschungsinstitut für biologischen Landbau (2008): SoFar - Soziale Landwirtschaft in Deutschland. Web, 11.10.2019. http://www.sofar-d.de/?sofar_dt

[5] Buist, Y. (2016): Connect, Prioritize and Promote. A comparative research into the development of care farming in different countries from the transition perspective. S.30

[6] ebd.

[7]  In Deutschland ist die Integrationsmöglichkeit von Menschen mit körperlichen, seelischen oder geistigen Beeinträchtigungen in landwirtschaftliche Betriebe u.a. durch die gesetzlich geregelte Zusammenfassung in zentralen Werkstätten für Behinderte eingeschränkt.

[8] Haugan, L. et al. (2006): Green care in Norway—Farms as a resource for the educational, health and social sector. https://doi.org/10.1007/1-4020-4541-7_9 S. 112.

[9] Andres, D. (2010): Soziale Landwirtschaft im Kontext Sozialer Arbeit: Alternative Betreuung und Beschäftigung für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Akademische Verlagsgemeinschaft München. S. 20.