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Themenschwerpunkt

Lebensmittelverschwendung im Spannungsfeld zwischen Recht und Gesetz

Ein Drittel aller Lebensmittel in Deutschland landen in der Tonne. Warum werden so viele genießbare Lebensmittel weggeworfen, wie reagiert die Zivilgesellschaft darauf und welche Instrumente bieten sich an, um gegenzusteuern? In diesem Schwerpunkt suchen wir nach Antworten.

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CC0 von S. Hermann & F. Richter auf pixabay.com, Bearbeitung: Ribana Bergmann

Nach den Protesten im September und einer weltweit spürbaren Veränderung unserer klimatischen Lebensbedingungen ist für eine effektive Emissionsvermeidung anzuerkennen, dass mindestens 8% der globalen Treibhausgasemissionen durch die weltweiten Verluste unachtsam und ungenutzt entsorgten Essens auftreten[1]. Weitere relevante Umweltauswirkungen betreffen Wasser- und Landverbrauch sowie Nährstoffbelastungen, die wiederum den Verlust von Biodiversität befeuern – in einer Zeit, die von Wissenschaftlern als das 6. Massensterben eingestuft wird.  Allein in Deutschland könnte eine Fläche der Größe Mecklenburg-Vorpommerns von der Landnutzung ausgenommen werden – wenn ohne vermeidbare Verluste gewirtschaftet würde [1].

Aktuell werden von den Verlusten auf Haushaltsebene, die in Deutschland in Höhe von 82 kg pro Person jährlich auftreten, 53 kg als vermeidbar eingestuft.

Die aktuelle Verschwendung findet auf zahlreichen Ebenen statt und ist nur gemeinschaftlich zu bekämpfen. Dabei steigt der ökologische Fußabdruck ab der Primärproduktion mit jedem Verarbeitungsschritt an, bis das Produkt in die Außer-Haus-Verpflegung oder über den Einzelhandel in Privathaushalte gelangt. Mögliche Handlungsempfehlungen zur Reduktion von Lebensmittelabfällen zur Minderung der Verluste spiegeln sich in optimierten Arbeitsprozessen, Verhaltensänderungen aller Akteure, aber auch im politischen Rahmen wider.

Übergeordnet ist die Europäische Agrarpolitik mit ihrer Förderung von Überfluss auf Kosten von Natur und lokalen Märkten zu adressieren, aber auch Freihandelsabkommen und Vermarktungsnormen liegen der Verschwendung zu Grunde. Fundierte kritische Positionen zur EU-Agrarpolitik und gut recherchierte Hintergründe lassen sich dem „Kritischen Agrarbericht“ entnehmen.

Auf Ebene der Sortierverluste ist vor allem der Einzelhandel mit seinen Qualitätsansprüchen gefordert, umzudenken (Lebensmittelabfälle in der Landwirtschaft durch Supermärkte). Dabei wäre es möglich, Lebensmittel ohne Normen, dafür mit gutem Gewissen zu verkaufen, wie eine Studie zum Verkauf suboptimaler Lebensmittel zeigt.

Zwischen Recht und Gesetz – gegensätzliche juristische und politische Realitäten

Inspiration zu zukünftigen Gesetzen, die eine Minderung der Verschwendung befördern, bieten Initiativen aus dem Ausland. Zum einen hat die Wirkung des französischen Verbots zum Wegwerfen von Lebensmitteln Bekanntheit erlangt, zum anderen gibt es auch in anderen Ländern vorbildliche Ideen, die im Artikel „Blick über den Tonnenrand“ zusammengefasst sind. Diese beziehen sich auch auf die bislang ungenügend geregelte Rechtssicherheit von EssensretterInnen.

Rechtssicherheit ist auch für die Guerilla-Form der Essensrettung, das „Containern“ nicht in Sicht. Die Reaktionen des Einzelhandels reichen von unterstützenden Maßnahmen bis hin zur Anzeige von „Mülltauchern“. Letztere landen so nicht selten vor Gericht - mit unklarem Ausgang. Die undurchsichtige Gesetzeslage wird detailliert im Artikel Containern – strafbar und strafwürdig? beschrieben und juristisch bewertet.

Mit der Maxime, die Lebensmittelverschwendung im Einzelhandel und auf Verbraucherebene bis 2030 zu halbieren und die Lebensmittelabfälle bei der Nachernte, in der Produktion und bei der Lieferung zu verringern, setzt Deutschland unter anderem auf die an VerbraucherInnen gerichtete Aufklärungskampagne „Zu gut für die Tonne“. Um das Ziel der Vereinten Nationen sektorenübergreifend zu erreichen, werden darüber hinaus auf der Seite www.lebensmittelwertschaetzen.de erfolgreiche Akteure und Handlungsempfehlungen für die gesamte Wertschöpfungskette porträtiert und Dialogforen angekündigt.

Da mit 35% ein Großteil der Verluste im Außer-Haus-Verzehr auftritt [2] wurde zusätzlich das Programm „Restlos genießen“ aufgelegt. Mit der Einführung der „Beste-Reste-Box“ in diversen Restaurants wird angestrebt, dass der Restaurantbesuch restlos Freude macht.

Veränderung ist messbar – mit der richtigen Datengrundlage

Die Schaffung einer Datengrundlage, um Reduktion überhaupt messbar zu machen ist eine grundlegende Forderung aus Zivilgesellschaft und Politik.

Mittlerweile haben sich mit dem Verein United against Waste e. V. privatwirtschaftliche Unternehmen organisiert, um unternehmensintern neben konkreten Messinstrumenten und -vorgängen Wissen und Praktiken zur Reduktion von Lebensmittelabfällen zu teilen.

Für Großküchen hat sich das Instrument Küchenmonitor etabliert, welches nach eigenen Angaben durch Mitarbeiteraufklärung und Vorgangsanpassung bis zu 60% Müllvermeidung erreichen konnte.

Regionalität als Antwort?

Eine Möglichkeit, sich der großangelegten Überproduktion für den Weltmarkt mit all seinen Schattenseiten zu entziehen, scheint im Bezug regionaler Lebensmittel zu liegen. Was es überhaupt bedeutet, sich hauptsächlich regional zu ernähren, hat die Initiative Regio-Challenge sehr anschaulich aufbereitet.

Insofern ist es löblich, dass immer mehr Einzelhändler die Vorzüge von „Regionalität“ wiederentdecken und entsprechend markierte Produkte zusätzlich zur Standardware anbieten. Da „Regionalität“ jedoch keinen geschützten Begriff darstellt, ist bei unkonkreten Angaben wie „von hier“ Vorsicht geboten. Vertrauenswürdigere Angebote beinhalten eine exakte Regionsangabe (wie z.B. „Uckermark“ oder „Rheinland“) oder eine direkte Erzeugerangabe. Auch das an der Uni Kassel entwickelte „Regionalfenster“ ist ein vertrauenswürdiges Logo.

Doch auch hier greift die allgemeine Praxis des Einzelhandels, weniger ansehnliches Obst und Gemüse auszusortieren. Um dies zu umgehen, bieten sich Ab-Hof-Verkaufstellen oder auf unnormierte Ware spezialisierte Geschäfte an.

Rundum nachhaltige Ansätze für eine regionale, nachfrageangepasste und umweltschonende Produktion finden sich im Konzept der Solidarischen Landwirtschaft wieder. Darin tragen mehrere private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug Anteile an dessen Ernteertrag erhalten. Durch den persönlichen Bezug zueinander erfahren sowohl die ErzeugerInnen als auch die VerbraucherInnen die vielfältigen Vorteile einer nicht-industriellen, marktunabhängigen Landwirtschaft.

Weitere Optionen des nachhaltigen Konsums lassen sich im letzten Absatz des Artikels „Zuviel für uns“ nachlesen.

Mit innovativen Konzepten zu mehr Wertschätzung?

Mit Apps wie „Too Good To Go“ (https://toogoodtogo.de/de) und „ResQ“ (https://www.resq-club.com/de/) sollen übrig gebliebene Mahlzeiten aus Restaurants vor dem Wegwerfen gerettet werden, die App „FoodLoop“ (https://www.foodloop.net/de/)  ermöglicht es Händlern, Produkte nahe dem Mindesthaltbarkeitsdatum automatisch zu rabattieren und App-NutzerInnen in der Nähe darüber zu informieren. Über das Internetportal „Foodsharing“ (https://foodsharing.de/)  können Lebensmittel angeboten werden, um sie vor der Entsorgung zu retten. Das Containerrestaurant „Zur Tonne“ aus Dresden lässt die Reste sogar zu kulinarischen Höchstformen auflaufen und ist neben stetig wechselnden Zutaten auch bei den Küchenorten flexibel. Darüber hinaus entstehen neben den karitativen Einrichtungen, wie z. B. den Tafeln, die qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden, sammeln und diese an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte verteilen, immer mehr Initiativen, die sich der „Rettung von Lebensmitteln“ widmen. Stellvertretend für die Vielzahl beeindruckender Initiativen sollen hier die Vereine foodjustice und „Restlos glücklich“ genannt werden, die Bildungsprojekte zum Thema Lebensmittelverschwendung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene durchführen. Die Motivation, die für Hanna Legleitner von „Restlos glücklich“ dahintersteckt, könnt ihr hiernachlesen.

Was es bedeutet, sich in Deutschland als Essensretter zu engagieren, haben uns auch AktivistInnen von Foodsharing Jena und Foodsharing Potsdam in zwei spannenden Erfahrungsberichten verraten.

Weniger ist mehr – Forschung für das effiziente Verwerten von Lebensmitteln

Zur Unterstützung der angestrebten Reduktionsziele wurde in Deutschland das Projekt REFOWAS etabliert, während auf EU-Ebene die EU Platform on Food Losses and Food Waste (https://ec.europa.eu/food/safety/food_waste/eu_actions/eu-platform_en) entstanden ist. Das Projekt Refresh will insbesondere in den Pilotländern Deutschland, den Niederlanden, Ungarn und Spanien unter Einbezug von Endverbrauchern und Praxispartnern Politikempfehlungen formulieren (https://eu-refresh.org/deutsch).

Hinsichtlich der Forschung zu Umweltauswirkungen im letzten Verwertungsabschnitt, in dem ungenutzte Lebensmittel dem Nährstoffkreislauf wieder zugeführt werden, konnte ermittelt werden, dass die geringsten Umweltauswirkungen der Verwertungsformen von Lebensmitteln bei der Kompostierung entstehen.

 

Quellen

[1] mobil.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF_Studie_Das_grosse_Wegschmeissen.pdf

[2] www.lebensmittelwertschaetzen.de/strategie/handlungsfelder/

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